laut.de-Kritik

1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, fuck off.

Review von

Um als Instrumental-Combo ernst genommen zu werden, zählen diese meist darauf, ernste Musik zu machen. Dass das keineswegs der einzige Schlüssel zu guter Instrumentalmusik ist, beweisen The Aristocrats seit inzwischen vier Jahren. Marco Minnemann, Guthrie Govan und Bryan Beller machen, was sie wollen. Ernst ist dabei eher selten im Spiel. Wäre bei Songtiteln à la "The Kentucky Meat Shower" auch schwer möglich.

Beweisen muss das Trio niemandem etwas. Alle drei gehören zu den Besten ihres Fachs, wovon man sich durch Engagements bei Steven Wilson über Dethklok bis Satriani immer wieder überzeugen kann. Als Ausgleich zum straffen Broterwerbsplan lassen Minnemann, Govan und Beller als Aristocrats sämtliche Zügel los. Vollkommen ungezwungen und herrlich verrückt toben sie sich in unterschiedlichsten musikalischen Sparten aus.

Ihre technischen Fähigkeiten verstecken sie dabei nicht. Vertrackte Rhythmen, komplizierte Soli, Experimente – das alles bietet "Tres Caballeros". Nur hauen The Aristrocrats dem Hörer eben nicht mit dem Vorschlaghammer ins Gesicht, wie toll sie doch sind. Drei Nerds am Werk und statt "Was für Angeber" möchte man eher den Satz "Was für Spinner" loswerden. Ihrem Charme kann man sich trotzdem nicht entziehen.

Wie auch, wenn es trotz hohem Musiktheorie-Anteil groovt wie Sau? Nehmt "Stupid 7" oder "The Kentucky Meat Shower": Mit Betonungswechseln und in teils abartigem Tempo gehts voran, wirkt dabei aber, als wären die drei Caballeros spontan vom Bademeister engagiert worden, das Freibad zu unterhalten. Was bitte nicht heißen soll, dass sie mit hintergründiger Dudelmucke loslegen!

Dieses Riff umschiffen The Aristocrats nämlich erfolreich. Hin und wieder lässt sich eine kurze Aufmerksamkeitsschwäche beim Hörer zwar nicht vermeiden, doch überwiegend agieren Minnemann, Govan und Beller mit einer Griffigkeit, die man im Instrumentalbereich oft vergeblich sucht. Gesang vermisst man zu keiner Sekunde.

Ein bisschen stimmliche Unterstützung gibt's trotzdem: Da die Westernhymne "Smuggler's Corridor" so ziemlich alle Morricone-Klischees bedient, darf natürlich auch der epische Chor nicht fehlen. Dazu reitet Guthrie mit Peitsche in der Hand und Grashalm zwischen den Zähnen sowie der Leier im Gepäck durch die Prärie. Irgendeine Braut wird es schon zu retten geben. Und vielleicht sucht Tarantino ja noch Musik für seinen nächsten Film: Take that, Quentin!

Geschrieben hat das Stück Bassist Beller. Überhaupt gefallen seine Songgerüste am besten ("Texas Crazypants", "Smuggler's Corridor", "Through The Flower"). Aber "Tres Caballeros" ist wohl eines dieser Alben, bei dem jeder einen anderen Lieblingstrack findet. Zu unterschiedlich sind die einzelnen Songs. Man betrachte nur einmal das Anfangstrio: "Stupid 7" geht forsch nach vorne, "Jack's Back" fällt eher experimentell aus, während "Texas Crazypants" in Richtung Satriani driftet.

Später quietscht es vaiesk im Speed-Hillbilly-Country von "The Kentucky Meat Shower", es romantisiert in "Pig's Day Off" (beide Govan), wird psychedelisch riffgesteuert bei "ZZ Top" (mit grandiosem Einzählmoment: "1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, fuck off, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 1, 1, 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 1 ...") und sehr smooth mit "Pressure Relief" (beide Minnemann). Allen Nummern gemeinsam ist die unbeschwerte, befreite Attitüde, mit der das Trio zu Werke geht.

Zum Abschluss serviert "Through The Flower" einen elfeinhalbminütigen Jam, in dem vor allem Guthrie Govan seinen Gitarrenton nach Lust und Laune moduliert. Die anderen beiden lassen sich davon aber keineswegs die Show stehlen. Bryan Beller zum Beispiel ist nicht selten in hohen Lagen anzutreffen, was sein Bassspiel auf Albumlänge interessant hält. Einige schicke Soli tun ihr Übriges. Oder er teilt sich mit Guthrie einfach das Riff auf und jeder ergänzt jeweils die Hälfte ("Jack's Back", "ZZ Top"). Funktioniert.

Marco Minnemann schwebt sowieso in anderen Sphären. Mal klopft er stoisch die Taktgrundlage, während Gitarre und Bass schiefe Experimente anstellen, dann ist es genau umgekehrt und Minnemann grast sein Kit ab, auf der Suche nach dem idealen Fillbelag. Fündig wird er eigentlich überall. Und übrigens: Blastbeats passen auch auf Fusion-Kulisse ("Texas Crazypants").

Was noch? Kaufen, Hören, Meinung bilden, feiern, live gucken. Schlusswort: Für Humor braucht es keine Worte. The Aristocrats tun's auch.

Trackliste

  1. 1. Stupid 7
  2. 2. Jack's Back
  3. 3. Texas Crazypants
  4. 4. ZZ Top
  5. 5. Pig's Day Off
  6. 6. Smuggler's Corridor
  7. 7. Pressure Relief
  8. 8. The Kentucky Meat Shower
  9. 9. Through The Flower

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