laut.de-Kritik

Rasender Mutanten-Blues, zum ewigen Insidertipp verdammt.

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Das Internet hätte es richten können. Plötzlich war es viel einfacher, vom Zauber dieser Musik zu erfahren. Man musste nicht mehr ständig den Typ im Plattenladen löchern oder überteuerte UK-Magazine am Bahnhof kaufen für Details der Bandgeschichte. Man ging online und dort existierten plötzlich Fanseiten auf Geocities, in den Nullerjahren gab es sogar eine MySpace-Präsenz der längst inaktiven Band. Und 2010 sorgten Nick Cave, die Raveonettes, Mark Lanegan und natürlich Debbie Harry mit einer Tribute-Platte dafür, dass die Kerze der Magie des Jeffrey Lee Pierce weiterbrennt. Bemerkt hat es kaum einer und für den Gun Club-Chef kam es ohnehin zu spät: Er starb, bevor die Welt und mit ihr Musikliebhaber*innen aus allen Erdteilen näher zusammenrückten. 1996 stirbt er mit nur 37 Jahren an einem Hirnschlag. Von Weltschmerz und endlosem Suchtmittelkonsum gezeichnet, von der Außenwelt vergessen.

Nicht von Mark Lanegan. Der Screaming Trees-Sänger ist ob der Todesnachricht völlig aufgelöst. Die direkte, bisweilen schroffe, abgedrehte und für die Kunst brennende Persona des Songwriters dient ihm (bis hin zur Sucht) als Musterbeispiel für seine eigene Musikervision. Zum damaligen Zeitpunkt in einem ähnlich zähen Infight mit den eigenen Dämonen, baut Lanegan zu dem großen Idol seiner Jugend in den 90ern sogar eine Art Freundschaft auf - ein Gefühl, das dem großen Grunge-Misanthropen sonst eher fremd ist, wie er in seiner Autobiografie 2020 rührend darlegte.

Auch Lanegans persönliche Geschichte mit dem Gun Club aus Los Angeles wäre in den 80er Jahren mit Internet frappierend anders verlaufen, denn als Lanegan "Fire Of Love" 1984 per Zufall in Seattle entdeckt, sind zwar bereits drei Studioalben veröffentlicht, die Band aber offenbar aufgelöst. So richtig weiß es keiner. 1987 erfährt er von einem weiteren Gun Club-Album namens "Mother Juno" nur deshalb, weil sein Bandkollege Mark Pickerel im Nebenjob in einer Art Buchclub auch Schallplattenlisten einsehen darf. Wenn Mythen und Geheimnisse eine Band erst begehrenswert machen, stehen The Gun Club ausnahmsweise mal auf den vordersten Plätzen.

"Fire Of Love" ist eine mit hysterischem Furor wütende und die bis 1981 bekannten Grenzen des Blues sprengende Rock'n'Roll-Platte - eine radikale Verweigerung an traditionelle Muster. Der Sound klingt intensiv und bedrohlich, gespielt von Getriebenen. Pierce zertrümmert alle ihm so wichtigen Americana-Elemente und setzt die Scherben neu zusammen. Um zu verstehen, worum es bei The Gun Club geht, genügt eigentlich der Opener des Albums: "Sex Beat" startet und noch bevor Pierce im Refrain manisch "Move" kreischt, fährt die Band alles und jeden über den Haufen. Die züngelnden Drums, die einsetzenden Powerchords, schön minimal gehalten wie bei den Stooges, die Aufbruchsstimmung ist ansteckend.

Auch beim Mutanten-Blues der umarrangierten Robert Johnson-Nummer "Preaching The Blues" und erst recht bei den Speedo-Hymnen "She Is Like Heroin To Me" und "For The Love Of Ivy": L.A. hat Ende 1981 eine neue Vorzeige-Rockband, die Erstauflage des Albums mit 2000 Exemplaren ist quasi aus dem Stand ausverkauft. Allerdings nicht aufgrund des euphorischen Clubpublikums der kalifornischen Heimat, sondern weil gut informierte College-Hochburgen wie Boston und New York frühzeitig Bestellungen aussenden. Schließlich kannte man Pierce zuvor in der Szene schon als Autor.

Es ist nicht davon auszugehen, dass er sich ähnlich lächerlich macht wie Pet Shop Boy Neil Tennant, weil er als Musikjournalist plötzlich damit beginnt, selbst Songs zu schreiben. Seine Kritiken mit Querverweisen auf Country, Folk, Rockabilly und den Blues der 30er Jahre sorgen für Gesprächsstoff, zumal sich das Slash Magazine eigentlich als Punk-Fanzine versteht. Pierce nimmt seine spätere Songwriting-Attitüde hier nur vorweg.

Zur Folklore der Gun Club-History gehört das Zusammentreffen von Pierce und Gitarrist Kid Congo Powers: Pierce ist seit 1976 Herausgeber des West Coast Blondie Fan Clubs, Powers Vorsitzender des US-Fanclubs der Ramones. Man versteht sich, naja, jedenfalls meistens. Vor den Albumaufnahmen steigt Powers nämlich wieder aus und kehrt erst für "Las Vegas Story" zurück. An "For The Love Of Ivy", der Hommage an Poison Ivy von den artverwandten Cramps, ist Congo noch beteiligt.

Ob mitreißender Western-Punk wie "Jack On Fire" und "Black Train" oder das glühende Album-Highlight "Fire Spirit": Die Art und Weise, wie sich der rasende Punk-Spirit des Gun Club der wehrlosen Geschöpfe Rockabilly und Country bemächtigt, sollte (nicht nur) die Pixies nachhaltig beeindrucken. Nick Cave, der sich noch zu Birthday Party-Zeiten mit Pierce anfreundet, kreiert auf seinen ersten Alben einen ganz ähnlichen, von absoluter Hingabe gezeichneten Post-Punk-Blues. Veredelt werden diese elf Songs von Jeffreys unnachahmlich schiefem Gesang, auf "Jack On Fire" fast schon mit Genesis P-Orridge-Schlagseite.

Die New York Times, damals nicht gerade für Rockmusik-Kritiken bekannt, rezensierte "Fire Of Love" direkt neben Dylans neuem Werk "Shot Of Love", vielleicht auch aufgrund der Titel-Analogie, aber vor allem, um die Loner-Poesie des JLP der Kunst des gefeierten Folk-Dichters als überlegen darzustellen ("Gonna be a Baptist preacher / so I don't have to work", "Preaching The Blues").

Pierce war ein schwieriger Charakter. Auf der einen Seite der Blondie-Die-Hard-Fan, der sich die Haare Debbie-Harry-blond färbt und der Band den Tipp gibt, "Hanging On The Telephone" zu covern. Oder der Egomane, der über die Klasse seines Songwritings selbst am besten Bescheid weiß, was zum Leidwesen seiner Kollegen öfter zu erratischen bis arroganten Handlungen führt. Mit der Aussage, nur er selbst sei nicht ersetzbar, brach er einmal nur mit der späteren Bassistin Patricia Morrison (noch später bei Sisters Of Mercy) zu einer Australien-Tour auf und ließ Gitarrist und Schlagzeuger am Flughafen stehen. Schon 1982 ließ er in Interviews kaum mehr ein gutes Haar an vorliegendem Killer-Debüt. Legendär auch sein Urteil über die 1987 im Gun Club-Vorprogramm auftretenden Dinosaur Jr.: "Sie sind okay, aber noch sehr jung. Sie brechen regelmäßig in Tränen aus, was ich ganz gerne sehe, wir hatten es schließlich auch nicht leicht in dem Alter".

Woraus die Jon Spencer Blues Explosion und die White Stripes später ihre Inspiration ziehen, ist mit diesem Album zügig beantwortet. Doch auch Mark Lanegans künstlerische Entwicklung tangiert Pierce nachhaltig. Zwar bereut es Lanegan bis an sein Lebensende, dass er ein Backing-Vocal-Angebot des Gun Club-Sängers 1995 ausschlagen muss, weil er heroingebeutelt kaum einen Ton trifft. Einem Duett am nächsten kommt 2001 schließlich "Kimiko's Dream House" auf "Field Songs". Pierce hatte seinem Freund den Song und den halben Text Jahre zuvor als Geschenk überreicht mit der Aufforderung: "Mach ihn fertig!"

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Sex Beat
  2. 2. Preaching The Blues
  3. 3. Promise Me
  4. 4. She Is Like Heroin To Me
  5. 5. For The Love Of Ivy
  6. 6. Fire Spirit
  7. 7. Ghost On The Highway
  8. 8. Jack On Fire
  9. 9. Black Train
  10. 10. Cool Drink Of Water
  11. 11. Goodbye Johnny

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1 Kommentar

  • Vor 3 Monaten

    Leider habe ich mich bisher nie wirklich in das Erstlingswerk vom Gun Club eingehört. Ich nehme diesen Meilenstein aber mal als Anlass dafür, da ich mich zuletzt ohnehin mal wieder ein wenig mit der Band beschäftigt hatte.

    Unabhängig davon hat man es hier aber mit einer absolut fantastischen, wegweisenden Band zu tun. Lustigerweise hat mich die nähere Beschäftigung mit verschiedenen Subgenres immer wieder zurück zu ihnen gebracht, immer zu einem anderen Album von ihnen. Ein größeres Kompliment kann ich daher quasi gar nicht aussprechen.

    Irgendwann vor 10-12 Jahren stieß ich ursprünglich auf The Gun Club, weil ich zu diesem Zeitpunkt schon lange großer Fan von Countrymusikern und Bands wie Ryan Adams/ Whiskeytown oder Uncle Tupelo war und ich mich daher gezielt in die Richtung und Geschichte des Alternative Country (oder, spezieller noch, des Dark Country) reinhören wollte. Also recherchierte ich und fand dabei die Band und ihren Übersong "Mother of Earth" vom Album "Miami", quasi so ein Protosong des Subgenres . Gott, der schlug bei mir ein wie eine Bombe. Fantastischer Song!

    Einige Zeit später beschäftigte ich mich aufgrund meiner großen Liebe zu Mazzy Star mehr mit dem Dream Pop und seinen musikalischen Ursprüngen. Auch hier stieß ich wieder auf The Gun Club und ihr brillantes Album "Mother Juno". "The Breaking Hands" hab ich daraufhin rauf und runter gehört und trage es bis heute fest in meinem Herzen. Auch "Hearts" ist wirklich herausragend. Jeffrey Lee Pierces' Gesang scheint (soweit ich es einschätzen kann) auch so ziemlich auf seinem Höhepunkt gewesen zu sein.

    Den Blues haben sie damit natürlich nicht erfunden, aber dennoch hat mich konsequenterweise auch ihr letztes Werk "Lucky Jim" erneut richtig tief bewegt. Insbesondere "Cry To Me" oder auch "Idiot Waltz" sind so unglaublich gut!

    Der rote Faden beim Gun Club ist für mich diese tiefe, intensive Melancholie, die sich über alle (mir geläufigen) Alben zieht. Und auch große Traurigkeit, irgendwie. Ich kann The Gun Club nicht hören, ohne von Wellen der Trauer erfasst zu werden. Vielleicht liegt es an der Musik, aber ich denke das geht alles von Jeffrey Lee Pierce selbst aus. Natürlich kenne ich im Grunde nur das über ihn, was man so bei Wikipedia etc. lesen kann, aber mein Gott, der Mann muss eine gequälte Seele gehabt haben. Diese Qual ist bisweilen fast greifbar in seiner Musik und haut mich beim Hören auch nach Jahren immer noch um.
    Es freut mich aber, dass er unter anderen Musikern so geschätzt wird. So möchte ich an dieser Stelle einfach mal das Lied "Andere Ufer" von Tocotronic empfehlen, das Dirk von Lowtzow als Hommage an Pierce geschrieben hat.
    https://www.youtube.com/watch?v=o4jhJVh-4NQ

    Danke für alles, Jeffrey!