laut.de-Kritik

Über Minimal-Techno-Anleihen zurück zur Identität.

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Zwischen dem Wavepop-Debüt und "Red Night" liegen zwei entscheidende Weichenstellungen. Zum einen dürfte Eleanore Everdell und Jason Friedman verunsichert haben, dass ausgerechnet das im Hipster-Universum tonangebende Pitchfork-Magazin nicht nur nicht in den allgemeinen Lobgesang auf die LP-Premiere einstimmte, sondern außer "kompetent" und "crowd-pleasing" wenig Haar am Album ließ. Insbesondere die Ambiguität zwischen dreampoppigen Entrückungen und Bloc Party-Riffs hinterließ bei betreffendem Autor seinerzeit einen indifferenten Eindruck.

Zur anderen Wegscheide für den THITH-Sound wurde die zwischenzeitliche friendly takeover der Popmusik durch den Subbass. Aus dem anfänglichen Dubstep-Underground heraus haben Wobbler-Effekte dank Rihanna, Britney Spears und Skrillex mittlerweile weite Teile der Charts erobert. Die untersten Frequenzen gehören heute zum guten Ton, genauso wie der prosperierende Dark Romantic-Einfluss im Indie-Metier.

Passend dazu begeisterten sich THITH zuletzt laut bandeigenem Fanzine vor allem für die Goth-Chanteuse Zola Jesus sowie Andy Stotts abstrakten Dubtechno: "It's grim and cold, heaving slow paced with low frequencies that suck in and inhale you." Folglich unterfüttert die Band ihre Tracks neuerdings mit subfrequenter Sogwirkung. "Red Night" wächst über frühere Postpunk-Wurzeln hinaus und fühlt sich eher in nokturnen elektronischen Introspektiven zuhause.

Über dem Bassfundament wandelt Sängerin Eleanore einmal mehr auf vielen Pfaden. Ätherische Cocteau Twins-Memoiren beherrscht sie genauso wie ungestüme Ausbrüche ("Come With Me"). Den Dualismus Disco/Sofa lösen THITH damit also nicht auf. Sie bedienen erneut verschiedene Geschmäcker, was einer voreingenommenen Kritik das Stichwort Identitätsmangel wieder in die Hände spielt. Entscheidender ist jedoch, wie im Bemühen, den Beliebigkeitsvorwurf zu entwaffnen, manches Mal übers Ziel hinausgeschossen wird.

So macht der kakophonische Opener mit seinem Sammelsurium aus ominösem Streicher-Klassizismus, alles übertönender Electronica und hektischem Gesang zu viele Felder auf und erschwert damit den Einstieg unnötig. Komischerweise bremst "Recognize" direkt danach wiederum fast brutal auf Lounge-Groove herunter. Das entspricht dem Leitmotiv, "ein Album zu machen, das in sich geschlossen ist und nicht wie eine Zusammenstellung von Singles klingt", genauso wenig wie das völlig lustlos dahinplätschernde Trip-Bass-Titelstück.

Nach dem holprigen Start finden die Brooklyner dann im Midtempo doch zu einer Linie, die mit den Nachbarn von Chairlift mehr als nur eine Tangente besitzt. Während die unlängst zwischen zwei Alben von hippiesken Indiedarlings zu konsequenten Pophookern morphten, beschreiten THITH allerdings den umgekehrten Weg. "Red Night" wendet dem Pop zunächst trotzig den Rücken zu und findet erst spät über Minimal-Techno-Anleihen ("Faded") und das wuchtige "Tunnels" den Weg zurück in die Identität.

Das epische "Stay The Night" schließlich setzt mit sinisterem Unterfrequenz-Gewitter, herrlich verschleppten Synth-Blitzen und Eleanore als ihrem eigenen Chor zwischen Peitsche und Meditation einen brillanten Schlusspunkt. Popstimme, Indie-fremde Stilmittel und atemberaubendes Drama – hier könnte künftig das Epizentrum des THITH-Sounds liegen. Insofern geht "Red Night" mehr als Zeugnis eines Findungsprozesses durch denn als konsistentes, für sich stehendes Album.

Trackliste

  1. 1. Empty Stations
  2. 2. Recognize
  3. 3. Come With Me
  4. 4. Red Night
  5. 5. Keep It Low
  6. 6. SF Summer
  7. 7. Faded
  8. 8. Tunnels
  9. 9. Stay The Night
  10. 10. Lead In The Night

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