laut.de-Kritik

Disziplinierte Popmusik habt ihr da, Hut ab.

Review von

Der lockenköpfige Londoner an der Kasse im HMV unten bei Selfridges warf einen kurzen Blick auf die Led Zeppelin-Best Of und die erste Queens Of The Stone Age, die ich ihm hingelegt hatte, und stellte dann die schicksalhafte Frage: "Do you know The Mars Volta?" Von der Band hatte ich im Internet gelesen (so sagte man damals in Merkelland), irgend etwas von wegen "hammerhartes, intensives musikalisches Statement" oder so. Er zeigte auf die beiden CDs auf der Kasse, blickte mich freundlich aus verkifften Augen an und sagte: "They are like these two, but only better." Das klang nicht verkehrt, also kehrte ich noch einmal zum Regal um und legte "De-Loused In The Comatorium" mit auf den Stapel.

Etwa ein Jahr später konnte ich meine Lieblingsband dann endlich live sehen. Cedric Bixler-Zavala kam in aufgeräumter Stimmung auf die Bühne, entbot dem Publikum den vulkanischen Gruß, nahm einen Schluck von seinem Halswohltee und legte dann am Mikrofon los wie der Derwisch. Omar Rodríguez-López stand 80 Minuten lang am Bühnenrand und machte an der Gitarre Dienst nach Vorschrift, teilweise nicht einmal das. Mit zehn Jahren Abstand würde ich schätzen, dass er dem Rest der Band bei "Goliath", eine von zwei Zugaben, teilweise einen halben Takt hinterher geschlurft ist. Der Bruch innerhalb der Band, die immer an erster Stelle ein Duo gewesen ist, Omar, der die Musik schreibt und produziert, und Cedric, dessen Stimme und Energie aus dem Ganzen mehr machen als die Summe seiner Teile, war damals im Rückblick betrachtet schon deutlich sicht- und hörbar.

Zum Glück wird das wohl doch nicht die letzte Europa-Tour gewesen sein, die diese Band jemals gespielt hat. Die Prog-Rock-Hooligans sind wieder da. Aus ihrer Hooligan-Phase sind sie allerdings raus und Prog-Rock spielen sie auch keinen mehr, egal, welche zweifelhafte Definition man an diesen Begriff anlegt. Wir sind alle ein Jahrzehnt älter und reifer geworden, klar, ich glaube nicht mehr an das Christkind oder dass ein Zehnminutensong mit zwei Gitarrensoli doppelt so wichtig ist wie ein Fünfminutensong mit nur einem, oder dass der Klabautermann Teile von "The Bedlam In Goliath" auf einem Oujia-Brett geschrieben hat. Das passt so. Aber "Vigil", die dritte Single, ging beim ersten Hören dann doch unter die Gürtellinie. "Vigil" ist fucking Dad Rock. "Vigil" ist Steely Dan.

Das Ding ist: Ich mag Steely Dan, ich mag mittlerweile auch "Vigil", und ich mag dieses Album. Stellenweise sogar sehr. Um diese Erkenntnis sacken zu lassen, hat es allerdings ein paar Hördurchläufe gebraucht. Was wiederum absolut dafür spricht, dass es sich hierbei doch um ein The Mars Volta-Album handelt und nicht um Steely Dan, obwohl im Pressetext in einem Absatz zweimal das Wort 'sophisticated' vorkommt.

Wenn wir dem Gedanken des Kollegen Klug folgen, dass sich die volle Volta-Experience über die ganze Diskografie hinweg entfaltet, so entfaltet sich diese grob wie folgt: Sie beginnt auf Albumlänge mit dem Donnerschlag, dann führt sie uns durch die Schatten der Maquiladoras von Ciudad Juarez hinein in eine manische Tiefe und das Herz der Sonne (soll heißen: "Frances" ist geil, Fuchs wusste es nicht besser). Weiter geht es mit zwei Alben lang ratloser Kakophonie (soll heißen: Krach), durchsetzt mit genialen Momenten, und dann nochmal zwei Alben lang die Einsicht, dass es so nicht weitergehen kann, dass ein anderer Sound möglich ist als das ewig virtuose Geprotze, ohne jemals völlig in diesem anderen Sound anzukommen. Darauf folgt eine lange Funkstille, und als sie sich plötzlich wieder melden, klingen sie äußerst relaxed. Verwirrend.

Der ebenfalls vorab ausgekoppelte Opener "Blacklight Shine" erinnert noch am ehesten daran, was man landläufig unter The Mars Volta versteht: Fusion-Rock mit starkem lateinamerikanischem Einschlag, allerdings ist mir bislang noch zu keinem The Mars Volta-Song das Adjektiv 'strandtauglich' eingefallen, was auf diesen definitiv zutrifft. Tanzbar waren sie hingegen auch auf ihren Zwölfminütern durch eben diesen Einschlag deutlich öfter, als man denkt. Hier sind sie es nun in entschlackter Form.

Weiter unten in der Tracklist beschleicht einen zunächst der Verdacht, dass Rodríguez-López seinerzeit auf dem Crystal Fairy-Album einfach so viel Dampf abgelassen hat, dass er den Rest seines Musikerlebens lang nur noch smoothe Tunes à la "Shore Story" oder "Blank Condolences" hinbekommt. Über Ersteren gibt es nicht viel negatives zu sagen, aber eben außer Bixler-Zavalas Stimme, die auch schwächere Songs trägt wie kaum eine andere, auch nicht viel Positives. Er ist, alles in allem, nicht besonders intensiv.

Das Drei-Noten-Pianoriff von "Blank Condolences" hingegen bohrt sich nach dem zweiten oder dritten Hören unverschämt hartnäckig ins Gehirn. Die Gitarre nimmt sich in den Strophen ganz zurück, nur in der Hook erlaubt es sich der Chef, sein geliebtes Wah-Wah-Pedal heulen zu lassen, aber auch das so dezent, dass es Cedrics Hook-Katharsis unterstützt, und nicht unfreiwillig komisch klingt, so, wie das Sounds aus dem Wah-Wah-Pedal oft tun. Die haben sich echt beigebracht, wie man diszipliniert Popmusik macht, Hut ab. Die zur Band zurückgekehrte Urbassistin Eva Gardner, die in der Zwischenzeit lange Jahre mit Pink und Cher auf Tour war, hatte mutmaßlich einen guten Einfluss. Zu "Vigil" habe ich ja schon ein paar Worte geschrieben. Wenn man sich einen der früheren Songs vorstellt, "Drunkship Of Lanterns" oder "L’Via L’Vasquez" etwa, und danach "Vigil", dann kommt das einfach nur dreist. Soviel Dur war wirklich noch nie. Aber es funktioniert.

Es handelt sich definitiv um ein Album für gute Kopfhörer und vernünftige Anlagen, denn hier oder auf Tracks wie dem auf angenehme Weise desorientierten "Palm Full Of Crux" oder "Collapsible Shoulders" mit seinen verschluckten trappigen Drums, ist im Hintergrund so viel los, dass es wieder schade ist, wie tief sich die Details teilweise im Mix verstecken. Dissonanzen, nicht zuzuordnende Samples, ein freidrehendes Keyboardsolo am Ende von "Equus 3" (starke Post Rock-Vibes, also Dad Rock, nur in düster), dass einen guten Song auf ein großartiges Level hievt. Es ist alles da, nur oft in unauffälliger Lautstärke. Die Produktion ordnet Gardner und die weiteren Mitmusiker (Willy Rodriguez Quiñones an den Drums, Marcel Rodríguez-López an Synthesizern, Leo Genovese am Keyboard und Additional Percussion von Daniel Diaz Rivera) stets hinter Bixler-Zavalas Stimme als Vordergund, der sich auf dem Album echt voll in dieses ganze Popding reinkniet. Mein Gott, "Cerulea" ist an sich wirklich kein spannender Song, eher eine schunkelige Ballade, aber wie er im Falsett mit "Save me from myseeeelf" einsteigt und sich dann in der Dramatik langsam steigert, kriegt mich jedes Mal. Auf "Flash Burns From Flashbacks" nähert er sich schon fast dem R'n'B an. Ich fordere schon seit langem ein The Weeknd-Feature auf einem The Mars Volta-Album und werde diesen Wunsch wohl nicht erfüllt bekommen, aber das ist schonmal ein erster Schritt in die richtige Richtung.

Den Weg der Reduktion gehen The Mars Volta auf "The Mars Volta" sehr konsequent. Ich kann mir schon vorstellen, dass Nicht-Fans oder Leute, die die frühen Alben eben sehr mögen, das alles etwas behäbig, beziehungsweise nicht ausformuliert genug finden. Das schon erwähnte "Shore Story" oder auch "Tourmaline" zünden nicht wirklich und sind im Prinzip Füllmaterial, bei "Graveyard Love" und vor allem dem sehr kurzen Salsa-Rock "Que Dios Te Maldiga Mi Corazon" hingegen wünscht man sich schlicht noch eine bis drei Minuten mehr.

Andererseits steht das Album konsequent zur Tatsache, dass die Band im Feld des weitschweifigen Experiments eben schon weitschweifig experimentiert hat, Sieben-, Sechzehn-, Dreißigminuten-Songs, Heroin, LSD, Okkultismus, Edgyness, alles schon durchgespielt und so lange her, dass es schon gar keine Rolle mehr spielt. Nur ganz am Ende, bei "The Requisition", da zuckt sie noch einmal auf, die manische Tiefe. Wer weiß, was da noch kommt. Willkommen Zurück.

Trackliste

  1. 1. Blacklight Shine
  2. 2. Graveyard Love
  3. 3. Shore Story
  4. 4. Blank Condolences
  5. 5. Vigil
  6. 6. Que Dios Te Maldiga Mi Corazon
  7. 7. Cerulea
  8. 8. Flash Burns From Flashbacks
  9. 9. Palm Full Of Crux
  10. 10. No Case Gain
  11. 11. Tourmaline
  12. 12. Equus 3
  13. 13. Collapsible Shoulders
  14. 14. The Requisition

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