laut.de-Kritik

Wo selbst ein Thom Yorke noch was lernen kann ...

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"A Light For Attracting Attention" von The Smile überzeugte bekanntlich nicht in Gänze, zu simpel geriet die erste Zusammenarbeit der Herren Yorke, Greenwood und Skinner trotz aller oberflächlicher Catchyness. Das Licht blieb die Pandemie-Fingerübung, als die sie ja eigentlich auch angekündigt war. In der Zwischenzeit hat das Trio seine Sache mit langer Tour und Live-Album seriöser betrieben als zunächst geplant.

Das neue Album "Wall Of Eyes" wurde dementsprechend auch nicht mehr mit Kumpel Nigel Godrich aufgenommen, sondern mit Sam Petts-Davies, mit dem Yorke schon für den Soundtrack zu "Suspiria" kooperierte und der sonst vor allem von seiner Arbeit für Warpaint bekannt ist - es gibt schlechtere Referenzen. Das Album wurde unter anderem in den Abbey Road Studios aufgenommen, das London Contemporary Orchestra steuerte Streicher bei; vorbei sind die Tage des pandemischen Wohnzimmergefrickels.

Die schon vor einem halben Jahr veröffentlichte Single "Bending Hectic" ist der vorletzte Song von "Wall Of Eyes", aber allein schon aufgrund ihrer acht Minuten Spielzeit dominant. Dazu trägt aber auch der wunderschöne Klangteppich bei, den der Song gemächlich, aber vor allem dank Greenwoods Gitarre angenehm metallisch und greifbar ausrollt. Philip Selway ist natürlich eine Koryphäe, aber Skinner trägt durch seine Erfahrung bei Sons Of Kemet ein Element in den Sound, das beim Debüt noch viel zu selten durchschien. Zum Schluss hin reißen die drei Musiker den Teppich in Stücke, wobei nicht die Wut im Vordergrund steht, sondern der Noise der Elektronik das am besten funktionierende Element ist in einer Art Welle, die alles fortträgt. Sie symbolisiert den (nur) beabsichtigten Selbstmord des lyrischen Ich des Songs, der mutmaßlich einer Dame ankündigt, den Autoausflug im Italienischen nun zur endgültigen Einkehr zu nutzen.

Yorke bleibt also auch auf "Wall Of Eyes" ein Finsterling und greift nicht nur mit dem Autounfall immer wieder Motive auf, die sein Künstlerleben schon lange begleiten. Nicht anders ist es beim Titeltrack und Opener, der wie auch die Single aufzeigt, dass die beiden Alben der Band nur schlecht vergleichbar sind: Greenwoods akustisches Gitarrenspiel erinnert hier sehr an Radiohead, während Yorke in der ihm sehr eigenen Weise entrückt über Dissoziation und Alkohol ("Is that still you? / With the hollow eyes") singt. Der Song ist überzeugend aufgebaut und baut aus gefälligen Elementen eine sehr komplexe, einziehende Struktur. Daneben lässt er sich wie schon "Bending Hectic" Zeit und gibt dem Album damit eine prägende Richtung vor: Die 45 Minuten verteilen sich auf nur acht Songs.

"Teleharmonic" ist der nächste starke Track: Inhaltlich unklar schwankend zwischen Rache, Flucht und maritimen Motiven, ändert er mehrfach die Geschwindigkeit, aber nicht die Richtung. Eine elektrische Harmonica-Figur leitet ihn, dazu kommen wie im Flug immer wieder gelungene andere Elemente wie ein großartiger Bass, Flöten und irgendwann auch Skinners überraschend warme Drums, und zwischen allem schwebt Yorke. Ein Song wie ein Fluss; man hat kaum Zeit, sich zu freuen, da betreten die mitreißenden Gitarren von "Read The Room" eben jenen. Sleazy und schwer schrauben sie sich in den Himmel, während Yorke ablehnend und beleidigt jault, bis der Song zum Schluss in einen sehr radiohead-igen, zackigen Rhythmus verfällt.

"Under Our Pillows" macht da weiter und fährt erneut eine faszinierende Gitarrenfigur auf, die wesentlich leichtfüßiger, aber genauso dringlich erscheint. Dementsprechend ist der besungene Traum ganz eindeutig ein schlechter und wie überall auf "Wall Of Eyes" regiert auch hier ein Gefühl von Fremde und Unzulänglichkeit, das, auch wenn die Lyrics ob ihrer Abstrahierung oft nicht den konkreten Fingerzeig erlauben, das Gewebe dieses Albums durchdringt. Oder wie die zweite Single "Friend Of A Friend" es ausdrückt: "They're all smiling, so I guess I'll stay / At least 'til the disappointed have eaten themselves away". Das Saxofon von Robert Stillman drängt sich zwar nicht in den Vordergrund, passt aber wie die Faust aufs Auge. Skinner ist ja eh Teil von dessen Szene, die Vorstellung, dass The Smile Stillman bei ihrem veröffentlichten Aufritt in Montreux 2022 kennengelernt haben, ist eine schöne, weil sie bedeuten würde, dass The Smile dem alten Hund Yorke noch neue Tricks beibringen. Die Nummer ist jedenfalls eine ganz hervorragende, wie sie zwischen Lässigkeit und Drang oszilliert.

"I Quit" säuft deutlich zu viel Streicher, die Nummer vertraut zu viel auf die eigene Gravitas und die elektronischen Elemente brechen zu wenig. Es ist nicht automatisch große Kunst, nur weil Thom Yorke langsam singt; das vergisst er gerne mal und setzt hier einen völlig überflüssigen Negativpunkt, der mit seinem Pathos gar nicht zu "Wall Of Eyes" passt. Der Closer "You Know Me!" bricht dagegen zwar nicht aus der Albumatmosphäre aus, fügt jedoch auch nichts hinzu. Sanft plätschert das Stück dahin, Yorkes Boxmetaphern tun gar nicht weh, alles ist in Watte verpackt und verhallt; irgendwann kommen dann halt doch noch die Streicher, die selbst nicht recht zu wissen scheinen, was sie da noch tun sollen. Trotz dieser beiden Ausfälle: "Wall Of Eyes" ist nicht nur eine Ansammlung sehr guter Songs, im Gegensatz zum Debüt der Band ist es ein großartiges Album, das den Mehrwert oder wenigstens die Andersartigkeit des Projekts klarmacht.

Trackliste

  1. 1. Wall Of Eyes
  2. 2. Teleharmonic
  3. 3. Read The Room
  4. 4. Under Our Pillows
  5. 5. Friend Of A Friend
  6. 6. I Quit
  7. 7. Bending Hectic
  8. 8. You Know Me!

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