laut.de-Kritik

Süße Stimme, genialer Dream-Folk.

Review von

Valerie June veröffentlicht schon 15 Jahre lang mit großen Abständen Platten, die sich irgendwie Americana zuordnen lassen. Ihre Stimme zeigt Cowgirl-Brüchigkeiten und verweist auf Country, immerhin kommt die Künstlerin aus Tennessee. Die ätherisch-schwebenden Harmoniebögen von Songs wie dem aktuellen "You And I" tänzeln zwischen Gospel-Pop und New Age. Bisweilen schlägt Valerie ihre soulige Seite ein, manchmal Folkrock.

"The Moon And Stars: Prescription For Dreamers (Deluxe)" erscheint wenige Tage nach dem 40. Geburtstag der Singer/Songwriterin und knapp ein Jahr nach dem Release der Original-Ausgabe. Valerie wählt für das Deluxe neben den eigenen Songs auch Coverversionen, ziemlich herausfordernde: John Lennons "Imagine" und Nick Drakes "Pink Moon". Der Durchbruch in Deutschland steht noch aus, gleichwohl etliche Nachbarn für Valerie schon ordentlich Geld in Tonträger gesteckt haben: das holländische, französische und das Schweizer Publikum zeigten sich Valerie eine Zeitlang zugeneigt. Bei "The Moon And Stars: Prescription For Dreamers" hielt sich der kommerzielle Erfolg 2021 dann doch wieder in Grenzen, obwohl (oder womöglich genau weil) das Album vor Intensität und Dichte stellenweise strotzt.

"Colors" kann man sich zum Beispiel schwer entziehen. Eine Akustikgitarre eröffnet die Nummer noch recht unscheinbar. Die Storyteller-Lady quäkt in mädchenhafter Tonlage drüber. Sirup-artige Synths und Keys verkleben die Konsonanten-Laute der auf Dauer immer verführerischer wirkenden Stimme. Schließlich gesellt sich eine Drum-Machine in den dreampoppigen Song, und stört nicht, obwohl künstliches Schlagzeug oder Effekt-Tools für mich im Folk-/Soul-Umfeld eigentlich wenig zu suchen haben. Valerie jedoch fängt mich sogar jenseits von Hörgewohnheiten wie eine Odysseus'sche Sirene ein. Die klassische Variante von Deep Soul liefert die zart klingende June an der Seite der teils krakeelenden, Memphis-getränkten Röhre Carla Thomas, knapp 80 Jahre alt. Im Song "Call Me A Fool" toben sich die beiden aus.

Mit Mavis Staples tritt eine weitere ausgewiesene Soul-Größe auf die Bildfläche. Interessant, zumal "Why The Bright Stars Glow" ohne sie Pop-Avancen nach vorne rückt. Die Produktion in der 'Standard'-Version kleistert jeden Luftschlitz bis ins letzte Taktrestchen zu und bringt ganz viele Emotionen auf einmal zum Ausdruck. Die Fassung mit Staples und June hat zwar als Klavierballade voller Carey-Flair weiterhin Pop-Appeal. Doch die schlankere Akustik-Instrumentierung in "Why The Bright Stars Glow feat. Mavis Staples" wirft das Übermaß an Romantik, Erstauntsein und naivem Überschwang von 2021 raus. Die neue Unplugged-Version macht einen gesetzten Eindruck, fühlt sich sakral und stimmig an. Sie fokussiert sich aufs Piano und die beiden maximal gegensätzlichen Stimmen, vermittelt das Meditative einer klösterlichen Morgenandacht. Und sie legt den Blick frei auf die Lyrik über Wahrheit und Verletzung.

Während die Standard-Version der LP eher in den John Legend-Gefilden gründelt, in denen Ko-Producer Jack zuhause ist, und somit digitaler R'n'B das eher naturverbundene, dezent esoterisch-kosmische Grundkonzept des Werks unter sich verbuddelte, sind jetzt die entkleideten Stücke um einiges attraktiver. Und all die 'Stripped' Mixes, die von sechs der 13 Album-Tracks vorliegen, stecken selbst im Acoustic-Gewand noch prallvoll, klingen farbenfroh, verspielt, verträumt, erhaben und glitzernd wie Sternenstaub. Der beschäftigt Valerie im fiependen "Starlight Ethereal Silence" und in "Stardust Scattering (Acoustic)", einem faszinierenden Stück. Beide Aufnahmen von "Stardust Scattering", mit mal mehr, mal weniger Bass-Grundierung, Afro-Folk und verschieden schnell gespielt, zeichnen sich durch Geschmackssicherheit und Hope Sandoval'sche Güteklasse aus.

Passend zu den Gestirnen auch Lennons Vision "there's no heaven / (...) no hell below us / above us only sky", womit der Beatle wohl auf die religiöse Aufladung vieler Konflikte in der Weltgeschichte anspielt. Dem vieldeutigen Klassiker "Imagine" haben schon über 500 InterpretInnen neue Fassungen abgerungen, von Avril Lavigne bis Yes. Die Darbietung von Valerie June fesselt dank der süßen Stimmlage und weil der Song sich nahtlos in Thema und Tracklist einfügt. Der stimmliche Balance-Akt aus brüchig, leidend, vernuschelt einerseits und traumwandlerisch-sicher andererseits überzeugt sehr. Diesen Titel dürfte die Künstlerin schon mit zwölf unter der Dusche gesungen haben, denn er fließt ihr völlig unbeschwert natürlich heraus, sogar elegant.

Was wäre die Konzeptplatte über Mond, Sterne und Träume ohne den Prototyp-Song der modernen Folk-Music, der einen surreal-traumverzerrten Blick auf den Mond ausdrückt: Nick Drakes "Pink Moon". So wie Valerie die Nummer aus der trockenen, depressiv wirkenden Darbietung Drakes an der Akustikgitarre in eine lässige Souljazz-Aufnahme umkleidet, lässt sie sich wohl vom beschwingten Mittelteil des genau 50 Jahre alten Originals leiten. Sie macht sich das beklemmende Lied aber völlig zu eigen und etwas Neues daraus, Respekt!

Was den Kunstgriff angeht, überhaupt ein Akustik-Album zu entwerfen, war es das beste, was die Multi-Instrumentalistin sich einfallen lassen konnte. Das auf dem Originalalbum einfach verrauschende "You And I" kommt als "You and I (Acoustic)" erheblich besser zur Geltung, und die Motown-Elemente von "Smile" sind im reduzierten "Smile (Acoustic)" weitgehend erhalten, wobei die Sängerin sich wie eine Supreme anhört. Insgesamt eine Riesen-Steigerung! So wurde in der Deluxe-Ausgabe ein wirklich empfehlenswertes, rundes Werk daraus, das so spannend und vereinnahmend wie auch entschlackend und entspannend rüberkommt.

Trackliste

  1. 1. Stay
  2. 2. Stay Meditation
  3. 3. You And I
  4. 4. Colors
  5. 5. Stardust Scattering
  6. 6. African Proverb
  7. 7. Call Me A Fool
  8. 8. Fallin'
  9. 9. Smile
  10. 10. Within You
  11. 11. Two Roads
  12. 12. Why The Bright Stars Glow
  13. 13. Home Inside
  14. 14. Starlight Ethereal Silence
  15. 15. Within You (Acoustic)
  16. 16. Pink Moon
  17. 17. You And I (Acoustic)
  18. 18. Imagine
  19. 19. Why The Bright Stars Glow feat. Mavis Staples
  20. 20. Smile (Acoustic)
  21. 21. Stardust Scattering (Acoustic)
  22. 22. Stay (Acoustic)
  23. 23. Beautiful Dream

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1 Kommentar mit einer Antwort

  • Vor 9 Monaten

    Die Dame singt schon sehr außergewöhnlich.
    Wenn man die Lp hat ist es natürlich ärgerlich das man nun eine deluxe Edition bekommt.

    • Vor 9 Monaten

      Das stimmt, diese vielen Bonus Tracks sollte man als separates Acoustic-Ding zu erschwinglichem Preis zugänglich machen. Den bisherigen LP-Käufern und auch denen, denen der erste Block vielleicht gar nicht gefiel... Gibt's jetzt nur als mp3 oder sehr teuer.