laut.de-Kritik

Erinnerung an eine genuin einzigartige und schaurige Figur.

Review von

Eigentlich ist es schwer zu fassen, wie schnell und intensiv die Karriere von XXXTentacion sich seinerzeit abgespielt hat. Der Florida-Rapper ist gerade einmal 21 Jahre alt geworden, hat in der Zeit aber den Soundcloud-Sound komplett radikalisiert, sich daraufhin zu einem der maßgeblichen Emo-Trap-Artists umgeschult und mit "?" immer noch das am meisten gestreamte Album aller Zeiten auf dem Kerbholz. Und trotz alledem lieferte er wahrscheinlich nie ein wirklich ausgereiftes, durch und durch gutes Projekt ab. "Look At Me: The Album", so etwas wie ein Best Of-Album zur nun erschienenen Dokumentation seines Lebens kommt dem nahe, indem es die Höhepunkte seiner mannigfaltigen Ära arrangiert. Aber auch wenn es die extreme kreative Breite abbildet, zeigt es X doch wieder nur als das, was er war: Ein kompliziertes und kaum eingelöstes Versprechen.

Wenn man sich auf CD1 durch seine erstmals auf Streaming veröffentlichten Soundcloud-Höhepunkte wühlt, zeigt sich eine Edginess, die man so in der Rapgeschichte einfach noch nicht gehört hat. Und das bezieht sich nicht nur auf diesen Florida-Sound, für den er zu der Zeit wichtige Pionier-Arbeit geleistet hat; aber natürlich sind die völlig aus den Boxen geblasenen Basslines wie auf "#imsippinteainyohood" oder dem völlig absurden "Willy Wonka Was A Child Murderer" direkt in die Popkultur von 2016 eingegangen. Damals war es Musik für Kapuzenpulli-Kids, um Naruto-AMVs zu erstellen, heute hat es etwas Meme-haftes, aber in jedem Fall war es ein wesentlicher Schritt für das Trap-Genre in eine härtere Gangart und wahrscheinlich auch ein essentieller Teil der Entwicklung von Rap-Metal.

Auch inhaltlich war X einer der Vorreiter einer neuen Generation an introspektiven Trap-Rappern. Vorreiter im Sinne dessen, dass er all seine Ideen und Gefühle in einem Zustand des völlig ungefilterten Oversharings ausgebreitet hat, das manchmal viel zu viel, immer aber doch sehr emotional und roh wirkte. Der Einstieg über das immer noch magische "Vice City" mit seinem quasi-Boom Bap-Beat und das emotionale "Never" bis hin zu düsteren Melodramen wie "King Of The Dead" oder "Failure Is Not An Option": Diese erste CD ist stark arrangiert und erinnert daran, was für eine genuin einzigartige und schaurige Figur XXXTentacion bei seinem ersten Eintreffen in der Szene war. Er war blutjung, aber hatte eine Aura an sich, die erklärte, wieso sich so viele Hörerinnen und Hörer um ihn scharten.

Auch sein Ausscheren in alternative Territorien auf der zweiten CD scheint da nur wie eine natürliche Entwicklung. "17" sollte wahrscheinlich bis heute den größten Anspruch seiner Arbeit auf ein wirklich gutes Album erheben, auch wenn es verständlich wäre, diese Sammlung an unausgegorenen Emo-Trap-Songskizzen als emotionale Blackmail abzustempeln. Songs wie "Jocelyn Flores" oder "Everybody Dies In Their Nightmares" sind im Grunde genau das. Aber sie haben doch auch diese Handschrift eines gequälten Geistes, der sich mit der eigenen Psyche beschäftigen will, egal, wie umständlich oder irgendwie dilletantisch. Kendrick Lamar rastete damals darauf aus und nannte es "pure Gedanken", auf die man sich einlassen müsse. Und es lässt sich nachvollziehen, warum er das in X sah – und ein Neuauflegen dieser Songs unterfüttert nur die Theorie, dass eigentlich X die perfekte Besetzung für Kodak Blacks Rolle auf "Mr. Morale & The Big Steppers" gewesen wäre.

Leider franst die Qualität seines Materials an diesem Punkt recht spürbar aus. Ja, "SAD!" war zwar noch ein Megahit auf dem Gipfel seines Hypes, aber das "?"-Album hatte schon mehr dubiose und weniger fokussierte Arbeit wie das inzwischen etwas zum Meme verkommene "Moonlight", dessen ätherischer, federleichter Beat immer noch eine schöne, magische Stimmung erzeugt. Aber damit erreichen wir auch den Zeitpunkt seines Todes und die darauf immer ehrenloser veröffentlichten posthum veröffentlichten Alben, auf denen wirklich jede verdammte Vocal-Spur des Mannes zu einem Song verwurstet wurde. Selbiges passiert hier mit seiner Hook für den angeblichen "Donda 2"-Cut "True Love" mit Kanye West, der zwar wesentlich okayer klingt als fast alles auf "Bad Vibes Forever" oder "Skins", aber einen richtig guten Nachgeschmack hinterlässt dieser Abschluss doch nicht.

Irgendwie ist es schade, dass auch "Look At Me: The Album" mit einer scharfen Abwärtsbewegung endet, nachdem zumindest die ersten zwei Drittel dieser Compilation neben der problematischen und gewalttätigen Seite von XXXTentacion durchaus auch den rohen und musikalisch innovativen Rapper zeigen, der es künsterisch verdient hat, dieses massive Phänomen auszulösen. Und gerade CD1 gibt eine für ein Rapalbum einzigartige und dichte Stimmung vor, die gut und gerne in der nächsten Generation mit Erstaunen wiederentdeckt werden könnte. Aber Stand jetzt fühlt sich "Look At Me: The Album" wie viele X-Alben an: Frustrierend. Denn sie zeigen die Arbeit eines Rappers mit unvergleichlichem Potential, der es nie ganz ausschöpfen durfte.

Trackliste

  1. 1. Vice City
  2. 2. NEVER
  3. 3. Rare
  4. 4. FUXK (feat. Ski Mask The Slump God)
  5. 5. WingRiddenAngel
  6. 6. King Of The Dead
  7. 7. FAILURE IS NOT AN OPTION (Interlude)
  8. 8. #ImSippinTeaInYoHood
  9. 9. I Spoke To The Devil In Miami, He Said Everything Would Be Fine
  10. 10. Willy Wonka Was A Child Murderer
  11. 11. KILL ME (Pain From The Jail Phone)
  12. 12. Look At Me!
  13. 13. I Don't Wanna Do This Anymore
  14. 14. YuNg BrAtZ
  15. 15. Jocelyn Flores
  16. 16. Depression & Obsession
  17. 17. Everybody Dies in Their Nightmares
  18. 18. Alone, Part 3
  19. 19. Moonlight
  20. 20. SAD!
  21. 21. Changes
  22. 22. Hope
  23. 23. Before I Close My Eyes
  24. 24. Train Food
  25. 25. True Love (feat. XXXTentacion)

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4 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor einem Monat

    Anderthalb Alben zu Lebzeiten, jetzt schon das dritte posthume...die Industrie ist schon ne Bitch.

  • Vor einem Monat

    Das größte Problem, dass ich hier sehe ist, dass die Geschichte von X schon längst auserzählt wurde. Klar, ein, zwei posthume Alben mit unveröffentlichtem Material sind soweit okay, aber waren auch nicht notwendig. Ich brauche da jetzt nicht noch die zehntausendsten Quellen, die von seiner konfliktbehafteten Persona berichten.

    Darüber hinaus war sein Werk auch nicht dafür bekannt, mit einem Gefühl der Vollständigkeit zu glänzen. 17 klang zu skizzenhaft, "?" war vielleicht länger, aber auch hier wirkten viele Songs zu kurz. Natürlich verspürt man da als Publisher und vor allem als Fan den Drang, irgendwo einen Abschluss zu finden, den es aber nicht gibt.

    Relevanz und Einfluß hin oder her, er war vielleicht nur vier Jahre aktiv in der Szene unterwegs und ist schon eine ganze Weile tot. Ab diesem Punkt sollte man in Ruhen lassen.

  • Vor einem Monat

    Immerhin gut dass es die alten Tracks jetzt auch offiziell bei Spotify gibt. Die anderen posthumen Veröffentlichungen davor hätte es bis auf wenige Tracks aber einfach nicht gebraucht.

  • Vor einem Monat

    wenn ich noch einmal genuin lese fahr ich konstanz und hau ynk aufs mowl