laut.de-Kritik

Die Außenseiterrolle kann so sexy sein.

Review von

Mehr Mut zum Anderssein! Leicht gesagt, wenn die Abkehr von der Norm so sexy daherkommt wie im Fall von Alexisonfire, aktuellen Promofotos zufolge im flippig bunten Hawaiihemd mit einer steifen kanadischen Brise im Herzen. Der selbstbewusste Umgang mit der Außenseiterrolle auf "Otherness" ist nicht mehr als eine Hommage an die eigene Erfolgsgeschichte.

Ist es letztlich nicht so, dass wir die Verbindung von Authentizität und Qualität erkennen und wertschätzen? Möge sie zunächst noch so andersartig oder unauffällig erscheinen. Nur so ist es möglich, dass Außenseiter in Film und Fernsehen zu Helden aufsteigen. Gleiches gilt für die Kanadier, die zu jeder Zeit auf ihrer eigenen kleinen Insel gelebt haben. Verhalten gab es Inspiration von der Außenwelt. Mehr nicht.

Dass sie trotz jahrelanger musikalischer Abstinenz frenetisch weiter gefeiert wurden, während andere Bands kamen und gingen, zeigt, dass hier viel Einzigartigkeit drinsteckt. Ein Vibe, der sich eben nicht leicht kopieren oder gar ersetzen lässt. "Crisis" blieb ein unberührtes Standard-Werk, das jeden Trend überlebte.

Fair enough, als tragende Säule dieser Resilienz fungiert Goldkehle Dallas Green. Mit seinen strahlenden Vocals fällt es deutlich leichter, "Sweet Dreams of Otherness" zu leben. Diese Abhängigkeit birgt auf "Otherness" vereinzelt die Gefahr, das Songwriting zu sehr auf den Solokünstler auszurichten. Ein Song wie "Mistaken Information" unterscheidet sich kaum noch von City & Colour, dem Singer/Songwriter-Projekt, das auch der Post-Hardcore-Kapelle seit mehr als einem Jahrzehnt eine andere Wahrnehmung beschert.

Doch Alexisonfire sind spürbar gereift. Haben wir also Vertrauen, dass sie die Trennschärfe zwischen beiden Welten im Blick behalten. Sie sind fraglos mehr als eine One-Man-Show. Neben Green sticht die seltene Kombi aus Grunge-Anflügen, Post-Hardcore- und Folk-Elementen so unverkennbar heraus.

Ein prägnantes Riff, rasselnde Shouts und ein warmer Melodieregen genügen, um das in "Sweet Dreams Of Otherness" klarzustellen. Sollte es Zweifel gegeben haben, ob die Band noch einmal an den schmissigen Drive vergangener Tage anknüpfen kann: Dieser Song beseitigt sie alle.

Auf Albumlänge gibt es zwar altersmilde Anpassungen. Folkige Gesänge nehmen mehr Platz ein, das Tempo ist etwas gemächlicher und es geht experimentierfreudiger zur Sache. Dennoch sind die Rückkehrer gut wiederzuerkennen.

Bei aller Wärme, die im Sound mitschwingt, hat die Band nicht verlernt, unbequem zu sein. In "Committed To The Con", "Dark Night Of The Soul" oder "Survivor's Guilt" bekommt die grungig-dreckige Note Luft zum Atmen. Für Nostalgiker bildet "Reverse The Curse" das Sahnestück. Der Track strotzt nur so vor Energie, balanciert Melodie, Tempo und Härte ganz im Sinne der alten DNA aus.

Dann sind da noch die vielen ruhigeren Nummern, die, wie angedeutet, vorwiegend Dallas Green prägt. Das ist nichts Neues, auch auf dem letzten Langspieler "Old Crows/Young Cardinals" von 2009 gab es solche Ausflüchte aus der standardisierten Post-Hardcore-Schablone. Ehrlicherweise sind melancholische Einwürfe dieser Art mit diesen leichtfüßigen Clean-Vocals sowieso ein Muss. Essentiell setzt das Wechselspiel mit dem raueren Pendant Wade MacNeil den Klargesang aber erst so richtig in Szene.

Nicht immer geraten die balladesken Stücke so überzeugend wie "Sans Soleil". "It's easier to love someone else, Than it is to be kind to yourself." Die Textzeilen dringen nicht überall so tief ein, wie in diesem Prachtstück von einem Song. Ebenso hebt sich das abschließende "World Stops Turning" ab, übrigens von acht Minuten Länge. Hier kommt die neu entdeckte Experimentierfreude so richtig zur Geltung.

An diesem Album beeindruckt, dass es zu keinem Zeitpunkt anbiedernd, langatmig oder aufgesetzt wird. Schwer vorstellbar, sich angesichts der melodiösen Glanzmomente gegen die Überpräsenz von Greens Stimme auszusprechen. Ein Comeback von strahlender Schönheit, das so gar nicht unbedingt zu erwarten stand. Befreit, leicht und melancholisch zugleich. So darf man gerne wiederkommen und noch eine Weile bleiben.

Trackliste

  1. 1. Committed To The Con
  2. 2. Sweet Dreams Of Otherness
  3. 3. Sans Soleil
  4. 4. Conditional Love
  5. 5. Blue Spade
  6. 6. Dark Night Of The Soul
  7. 7. Mistaken Information
  8. 8. Survivor's Guilt
  9. 9. Reverse The Curse
  10. 10. World Stops Turning

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5 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Nach dem ersten Hördurchlauf bin ich nicht besonders angetan. Ich liebe "Crisis" und "Old Crows", aber entweder bin ich dem Sound entwachsen oder er hat einfach nicht mehr die gleiche Qualität.

    Der Mix ist teilweise auch nicht besonders gelungen (bei "Conditional Love" sind die Vocals zu sehr im Hintergund, was verkraftbar wäre, wenn sich dieser Mix über das ganze Album ziehen würde; bei "Sans Soleil" stehen die Vocals jedoch wieder im Vordergrund).

    Auch ist das Album zu Green-lastig. Man hat das Gefühl als wären die Growls bloss noch "schmückendes" Beiwerk. Bei den älteren Alben war eben Green's Klargesang immer das Pendant zu den harten Growls, jetzt ist eher das Gegenteil der Fall, und somit verkommt die Platte zu einer Dallas Green - Sache gepaart mit ein paar Sprenkel Alexisonfire...

    Schade..

  • Vor einem Monat

    Bringen die nach 13 Jahren einfach mal ihre beste Platte raus.

  • Vor einem Monat

    Wirklich, wirklich gute Platte. Eine der großen Bands meiner Jugend, von der self-titled bis zur OC/YC hab ich alles totgehört - es ist einfach schön zu sehen, wie der neue Sound gleichzeitig erwachsener und verspielter geworden ist, wie Energie & Melancholie gleichermaßen Raum finden. #theonlybandever

  • Vor einem Monat

    Als „Watch Out!“, „The Switcheroo Series“ und vor allem die „Crisis“ rauskamen, haben meine damals besten Kumpels und ich Alexisonfire rauf und runter gehört. Da schwingt beim neuen Album zugegebenermaßen eine gehörige Portion Nostalgie mit. Aber eine faire Chance bekommt es trotzdem.

  • Vor einem Monat

    Gutes Album!
    "Sans Soleil" klingt so wie Nickelback klingen würden, wenn sie geile Lieder schreiben könnten.