laut.de-Kritik

Das ist Popmusik, und doch etwas ganz eigenes.

Review von

Aurora will wieder an unser Innerstes, will, dass wir die richtig großen Emotionen fühlen, das macht jeder Song auf ihrem neuen Album "The Gods We Can Touch" ziemlich schnell klar. Der Hall, der den Großteil ihrer eigensinnigen Popsongs prägt, wirkt wie eine Einladung, sich gefühlsmäßig geradezu in die Klangräume reinzuwerfen. Das klappt über weite Strecken ganz fantastisch und die Norwegerin beweist wieder, dass man Schmalz nicht zu scheuen braucht.

Thematisch zieht sich Auroras Faszination für die Götter und Göttinnen der griechischen Mythologie durch das Album, über die sie selbst sagt, sie seien "vollkommen unvollkommen. Fast zum Greifen nah. Wie Götter, die wir berühren können." Die heutigen Götter dagegen: Ziemlich öde und zu fordernd. Die eigenen Mängel und die Antiperfektion feiern auch Songs wie "Giving In To The Love" oder "Cure For Me". Ersterer erinnert musikalisch an Robyns "Dancing On My Own", bleibt aber deutlich optimistischer. "Want to live my life, be all of its pages / And underline that I am not an angel", singt sie da und es gelingt ihr, diese Selbstzufriedenheit und Selbstermächtigung in der Musik zu transportieren.

"Cure For Me" überzeugt vor allem mit dem rhythmischen Synthie in der Hook. Hier unterstreicht die Musikerin, dass sie eigentlich ziemlich fein mit sich ist: "I don't need a cure for me, I don't need it." Auch "A Temporary High", das klingt, als würde Blondie auf Fleetwood Mac treffen, fällt in diese Kategorie. Das Stück strebt nach vorne und reißt mit. Neben solchen eher Dancefloor-orientierten Tracks gibt es bei Aurora aber eben auch die großen theatralischen Gesten und schmalzigen Balladen.

In Stücken wie "Exist For Love" und "This Could Be A Dream" bauen ihr die Instrumente eine breite Bühne, rücken den Gesang noch mehr in den Mittelpunkt. Sie füllt diese Bühne mit ihren fast übernatürlichen Vocals aus, ihre Stimme ist das zentrale Melodieinstrument der Tracks. Der Vortrag sorgt dafür, dass auch Zeilen wie "'Cause when you walked into my life / I could feel my life begin" nicht zu gefühlig geraten. Ganz besonders eindringlich gerät durch ihren Gesang auch das gespenstische "Heathens", und das Theatralische besticht auch in "You Keep Me Crawling". Der Song hätte mit den Streichern und der starken Hook auch gut ein James Bond-Song aus der Pierce Brosnan-Ära sein können.

Durch die teilweise fast schon geflüsterten Vocals und den prägnanten Einsatz von Zweitstimmen erinnert die Musik teilweise an Billie Eilish, die ihrerseits Auroras Song "Runaway" als großen Einfluss bezeichnet hat. Wo aber Eilishs Musik doch meist eher zum Düsteren tendiert, klingt Aurora auf "The Gods We Can Touch" häufig eher himmlisch (oder den griechischen Göttern entsprechend: olympisch). Dabei ist das Album extrem vielseitig, wird aber von den Eigenarten und dem dem guten Händchen für Produktion der Norwegerin zusammengehalten.

Der verträumte Closer "A Little Place Called The Moon", der über lange Strecken instrumental bleibt, wirkt da ebenso passend wie "Artemis". Der Song versetzt einen mit seinem Akkordeon direkt an das Ufer der Seine in Paris und funktioniert auch ganz ohne Beat. Auch "Blood In The Wine", das durch den Hang zum Pathos an den Franzosen Woodkid erinnert, in der Hook dann aber doch einen sehr eingängigen Weg einschlägt, ist sehr gelungen.

Selbst wenn Stücke wie "The Innocent" oder "A Dangerous Thing" im Albumkontext eher unauffällig bleiben und das Album etwas lang gerät, bleibt am Ende große Bewunderung. Aurora macht weiterhin die Sorte Popmusik, die man nur widerwillig so bezeichnen möchte, weil sie eben doch etwas ganz eigenes ist.

Trackliste

  1. 1. Forbidden Fruits Of Eden
  2. 2. Everything Matters
  3. 3. Giving In To The love
  4. 4. Cure For Me
  5. 5. You Keep Me Crawling
  6. 6. Exist For Love
  7. 7. Heathens
  8. 8. The Innocent
  9. 9. Exhale Inhale
  10. 10. A Temporary High
  11. 11. A Dangerous Thing
  12. 12. Artemis
  13. 13. The Blood In The Wine
  14. 14. This Could Be A Dream
  15. 15. A Little Place Called The Moon

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