laut.de-Kritik

Das Pilz-Album der Isländerin: Berechenbar und kalkuliert.

Review von

Björk bezeichnete "Utopia" von 2017 als ihr "Tinder-Album". Nun folgt mit "Fossora" ihr "Pilz-Album". Auf dem verarbeitet sie die Eindrücke ihres Lockdowns in Island sowie den Tod ihrer Mutter, die 2018 verstarb.

Dabei nimmt sie in ihren Texten Bezug auf Dinge, die im Erdreich leben und dort ihre Wurzeln ausbreiten, wobei Pilze als natürliches Internet der Erde fungieren, da sie ein unterirdisches Netzwerk bilden, über das Pflanzen und Waldbäume Informationen und Nährstoffe miteinander austauschen. Die Natur verknüpft sie gleichzeitig mit Mensch und Technologie. Bei dem Begriff "Fossora" handelt es sich um eine von der Isländerin erfundene weibliche Form des Wortes "fossore" (Gräber, Buddler), die sich mit "Frau, die mit Füßen in der Erde gräbt" übersetzen lässt.

Klanglich geht es laut der 56-jährigen "um Bass, um schwere Tiefen". "Sechs Bassklarinetten, die vom Klarinettensextett Murmuri gespielt werden, und "ein wuchtiger Subbass" kommen deswegen zum Einsatz. Neben Murmuri hat Björk, die die Platte auch selbst produziert hat, noch mit weiteren Gästen wie dem isländischen Hamrahlid Chor, dem Siggi Streicherquartett, Kasimyn vom indonesischen Duo Gabber Modus Operandi oder serpentwithfeet zusammengearbeitet. Zudem ist Toningenieurin Heba Kadry wieder an Bord, genauso wie Kreativdirektor Bergur Þórisson. Auch Björks Sohn und Tochter steuern Vocals bei. Was sich auf dem Blatt ganz interessant liest, scheitert leider größtenteils an der Umsetzung.

Schon in der ersten Single "Atopos" gehen Bassklarinetten, der Gesang der Isländerin und Techno-Beats, die Kasimyn beisteuert, nicht gut zusammen. Das Klarinettensextett hat von Björk die Anweisung bekommen, so zu spielen, als hätte jedes Mitglied eineinhalb Gläser Rotwein getrunken, wodurch einem beim Hören ein starkes "Hurz"-Gefühl beschleicht.

Dazu rumpeln die Beats gewaltig im Gebälk, während die Isländerin mit naturgewaltiger Inbrunst die Vokale dehnt, das "R" rollt und sich dabei jeder Zugänglichkeit verwehrt. Am Ende erfährt der Song noch eine aggressive Steigerung, wofür es nach rund dreieinhalb recht albernen Minuten längst zu spät ist. Im Grunde ist das Techno für Leute, die eigentlich gar keinen Techno mögen. Dasselbe Bild in "Fungal City", für das serpentwithfeet zusätzliche Vocals beisteuert, und dem Titelstück, das gegen Ende zu einer stumpfen Gabber-Orgie mutiert. Besser klingen die Ergebnisse, wenn Björk versucht, Intimität und Nähe herzustellen.

In "Ancestress" setzt sie sich, gesanglich unterstützt von ihrem Sohn Sindri, mit den letzten Stunden ihrer Mutter auseinander. Weinende Streicher und düstere Glocken geben der Nummer dabei eine spannende rituelle Komponente. Jedoch fällt der Refrain, der mehr eine schlechte denn rechte Kopie von "Unison" darstellt, zu schwach aus, um den mehr als siebenminütigen Song zu tragen.

Als besser erweist sich "Sorrowful Soil", das ganz im "Medúlla"-Stil ausschließlich aus mehrstimmigen A-cappella-Gesängen besteht und etwas Tröstendes vermittelt, wenn die Isländerin ihrer verstorbenen Mutter schmachtend hinterhersingt: "You did well / you did your best / you did well." In "Her Mother's House", einem berührenden Duett mit ihrer Tochter Isadóra, widmet sie sich der Mutterschaft. "When a mother wishes to have a house / With space for each child / She is only describing / The interior of her heart", singt sie nachdenklich zu verwunschenen, tiefen Klarinettenklängen, während der juchzende und naturverbundene Gesang Isadóras die Sinne umschmeichelt. Ein Stück, das von der Reduktion auf das Wesentliche lebt.

Demgegenüber tun sich in "Victimhood" mit klackender Elektronik und finsteren Drones ganze Naturgewalten auf. Dazu zieht der schwere Gesang Björks den Hörer hypnotisch in die Tiefe. Zum Schluss versinkt ihre Stimme im Strudel dissonanter Klarinetten und technoider Beats. Noch finsterer gerät "Trölla-Gabba", wenn Kasimyn dem lieblichen Gesumme schäppernde, bedrohliche Industrial-Rhythmen entgegensetzt.

An anderen Stellen mutet das Album für Björk-Verhältnisse geradezu beliebig an. "Allow", dem die norwegische Sängerin Emilie Nicolas zusätzlich ihre Stimme leiht, verbreitet zwar mit folkloristischen Flötenklängen eine märchenhafte Waldatmosphäre und hat auch gesanglich kraftvolle Momente, zieht sich jedoch ohne songwriterisch nennenswerte Höhepunkte in die Länge, ebenso wie das streicherdurchtränkte "Freefall", das mit Kontrabasstönen und schwebendem Gesang unspektakulär ausklingt. An solchen Stellen wünscht man sich wieder "Arca" zurück, die mit ihren vielschichtigen wie bildreichen Soundwelten diese Schwächen gut kompensiert hätte.

Den Vogel schießt jedoch "Mycelia" mit seinen furchtbar prätentiösen, auf- und abebbenden Gesangssamples ab, die all zu penetrant nach Kunst schreien und schon nach wenigen Sekunden nerven. Dabei kann Björk auch Pop machen, wenn sie es möchte, wie "Ovule" beweist. Dort verschmelzen nämlich trippige Beats, Posaunen und der emotional packende Gesang der Isländerin zu einer romantischen Symbiose. Dabei lässt sich in den Vocal-Samples sogar sowas wie eine Hook ausmachen.

Warum also nicht die Trotzhaltung gegenüber poppiger Zugänglichkeit ablegen und einfach nur auf die Wirkung einer guten Melodie vertrauen? So bleibt "Fossora" in seiner allzu spröden und sperrigen Ästhetik größtenteils das, was es wahrscheinlich nicht sein sollte: Berechenbar und kalkuliert.

Trackliste

  1. 1. Atopos
  2. 2. Ovule
  3. 3. Mycelia
  4. 4. Sorrowful Soil
  5. 5. Ancestress
  6. 6. Fagurt Er Í Fjörðum
  7. 7. Victimhood
  8. 8. Allow
  9. 9. Fungal City
  10. 10. Trölla-Gabba
  11. 11. Freefall
  12. 12. Fossora
  13. 13. Her Mother's House

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18 Kommentare mit 49 Antworten

  • Vor einem Monat

    Hups.

    Es mag beeinflussen, dass dies die erste Albumveröffentlichung Björks ist, die ich bewusst mitbekomme. Aber in meinen Augen (und Ohren) ist "Fossora" mindestens eines ihrer besten Alben und ihr bestes seit 1997.

    "Atopos" mag mit seiner Melodieführung zunächst irritieren, entwickelt nach wenigen Hördurchgängen jedoch mehr Eingängigkeit als vieles auf "Utopia" und wirkt sogar etwas wie ein zweites, wilderes "Human Behaviour", ohne allerdings ganz an diesen Übersong heranzureichen. Nichtsdestominder, ein hervorragender Opener, wie immer.

    "Ovule" ist eines der Albumhighlights. Ein "Medúlla"-Track, dem die "Volta"-lastige Pop-Produktion zugute kommt bzw. ein "Volta"-Track, der die kompositorische Substanz aufweist, die auf "Medúlla" öfter vorhanden war - wie man es betrachten möchte, am Ende bleibt es vor allem: großartig.

    "Mycelia" wiederum hätte so auf "Medúlla", aber auch "Vespertine" einen Platz finden können. Es hätte nicht zu den besten Stücken gezählt, was bei Songs wie "Pagan Poetry" oder "Oceania" aber keine Schande ist. Sehr schmuck, auch wenn sich im Laufe des Tracks eine der vielleicht geradlinigsten Melodien des Albums hören lässt, die auch einem klassischeren Popsong gestanden hätte.

    "Sorrowful Soil" ist wunderschön. Viel mehr kann ich nicht mal dazu schreiben, aber: Wirklich schmuck.

    "Ancestress" ähnelt "Unison" - ist aber besser. Bemerkenswert ist vor allem, wie sie die disneyhafte Atmosphäre mancher "Vespertine"-Songs hier wieder evoziert, ohne das Stück völlig unangebracht im Kitsch zu ertränken.

    Nach einem netten Interlude folgt "Victimhood". Und: Meine Fresse, fährt das Ding ins Fleisch. Und ab hier beginnt das Album dann gefühlt erst, zumindest im Nachhinein: Dieser und die folgenden Stücke gehören zum immersivsten, was Björk je produziert hat.

    Auf diesen dunklen Track folgt der beste Song des Albums. "Allow" klingt nicht nur, als hätten Nicolas Godin und Jean-Benoît Dunckel mit Hand angelegt, es ist offensichtlich ein "Utopia"-Song, aber noch einmal um Welten besser als alles auf diesem Album, mehr noch: Es zieht mit "Isobel" gleich.

    "Fungal City" wirkt nach diesen zwei Großtaten etwas unscheinbar, baut jedoch die im Titel angedeutete Welt vor dem geistigen Auge überzeugend auf und vertritt für mich gewissermaßen das Album. Gegen Ende erinnert der Song auch etwas an "Hyperballad".

    "Trölla-Gabba" verstört. Und das tut es großartig.

    "Freefall" scheint in seiner ersten Hälfte "You've Been Flirting Again", "Jóga" und "New World" zu referenzieren, und das klingt dann auch schön. Die zweite Hälfte erst recht. Hätte fast ein "Vulnicura"-Song sein können.

    Mit "Fossora" ist ausgerechnet der geradlinigste Song einer der "schlechteren" - wundervoll ist er dennoch. Nicht, dass man das Gabber-Inferno am Ende gebraucht hätte; mir taugts.

    So, wie auf "Homogenic" "Pluto" von "All Is Full Of Love" ausgeglichen wurde, dient hier "Her Mother's House" als Erholung und Schlusstrack. Der wieder sehr schön gerät, wenn er auch nicht allzu sehr hängenbleibt. Muss er auch nicht.

    Was man noch festhalten kann: Nahezu alle Songs auf diesem Album klingen, als entstammten sie einem "The Legend Of Zelda"-Soundtrack. Auch "Mycelia". Die klingen allerdings nicht nach Pop. Warum Björks Alben das tun sollten, ist auch nicht klar. Dieses Album ist eine logische Konsequenz aller Entwicklungen auf den Vorgängern, ohne auf neue Ideen zu verzichten, und ohne Frage ein Meisterwerk.

    5/5, natürlich.

    • Vor einem Monat

      "Dieses", natürlich.

      Darüber hinaus stellen sich mir zwei Fragen: Wieso ist bei "Trölla-Gabba" von "lieblichem Gesumme" die Rede, obwohl schon dieses die bedrückende Atmosphäre setzt, während "Mycelia" "nervt"?

      Und wie kann ein Album unbeabsichtigt "kalkuliert" sein?

    • Vor einem Monat

      halbe buch wer liest das?

    • Vor einem Monat

      Ich. Weil der Text zutreffender ist als die Rezension. Nur die Meinung, dass der Titeltrack einer der schlechteren Songs des Albums ist, kann ich nicht teilen.

    • Vor einem Monat

      ""Trölla-Gabba" verstört. Und das tut es großartig."

      :rolleyes:

    • Vor einem Monat

      @agunt

      "Schlechter" meint in diesem Falle, dass man sich subjektiv am technoiden Geböller stören kann und insbesondere an den GMO-Vocals (die zumindest in der CD-Fassung noch enthalten sind).
      Ein genialer Song bleibt es natürlich trotzdem.

    • Vor einem Monat

      Danke für die gute Rezension.

    • Vor einem Monat

      Die einzig gute Rezension hier ist die von Toni. Was du hier als solche fehlbezeichnest und belobigst ist tatsächlich nichts anderes als eine unkritische Kaufempfehlung und nichts anderes wolltest du in Sachen neue Björk-Platte ganz offensichtlich auch lesen, wie dein stumpfes und absolut argumentbefreites Gepöbel weiter unten und im Medulla-Fred heraus schält sowie anschließend für alle gut sichtbar fett unterstreicht.

    • Vor einem Monat

      Nennen wir es vielleicht: Zusammenfassung von Eindrücken?
      Danke.

    • Vor einem Monat

      Wenn du das fanhörnchentypische "Unkritische" noch an den Anfang packst wird's ein Deal. Dass es schon per Definition des Begriffs "Rezension" keine solche ist siehst du ja wenigstens direkt ein. Aber für Fanhörnchen, die das Prädikat "Uneingeschränkte Kaufempfehlung!" aus jedem Text zu ihren Lieblingen heraus lesen möchten, ist deine Lobhudelei hier sicher Balsam für die von unbequemen Wahrheiten zerschundene Fanseele, lese cgcgcgcg.

    • Vor einem Monat

      Deal.

      Aber ich glaube, bei "Volta" wäre ich kritischer gewesen. Kann ja nix dafür, dass das Album so gut ist.

    • Vor einem Monat

      @Pseudologe Sorry, hier hab ich wohl jemanden verletzt

    • Vor einem Monat

      Nö, hast du nicht, du BIST durch die Rezis verletzt worden und das projizierst du hier und jetzt. Gewaltiger Unterschied.

      Ich bin ja nicht derjenige, der hier und in nem anderen Björk-Thread lesbar enttäuscht rumheult, dass ihre Platten vermeintlich nur deswegen schlecht bei laut.de bewertet würden, weil die jeweiligen Autor*innen nicht mal ansatzweise Zugang zu ihrer Musik fänden bzw. der nach Revision antiker Rezis heult, weil ihm die Bewertung von vor 18 Jahren nicht passt. Was übrigens alles auf so ziemlich jeder Betrachtungsebene stets absoluter Heularschkäse bleibt, wie allen Menschen alsbald aufgehen sollte, die mal mehr als diese eine Rezi von Toni respektive von Kai Kopp damals gelesen haben.

      Aber rumheulen, dass die eigenen Lieblinge vermeintlich nicht adäquat berücksichtigt werden, sich an anderer Stelle für den eigenen, implizit als exklusiven und nur für besonders musikalisch Gebildete verfügbar dargestellten Zugang zur Musik von Stockhausen und Merzbow feiern und jedem Gegenwind zum eigenen Elitismus diesem auch noch die eigene narzisstische Kränkung unterjubeln wollen ist zwar in jeder Hinsicht bequemer und einfacher, leider jedoch im Großen und Ganzen auch sehr viel stumpfer und beschränkter als sich selbst gescheit vorab zu informieren, zu recherchieren und sich in Kommentarform ein für alle mal zu entblöden, sollte klar sein.

    • Vor einem Monat

      @Pseudologe Oh weh, ich mach’s nur noch schlimmer. Der Eindruck, dich verletzt zu haben, kam durch die negative Emotionalität und Intensität deiner Antworten zustande, ohne dass es mein Anliegen gewesen wäre, mich gegen dich oder Toni zu wenden. Es tut mir leid, wenn ich deinem Freund zu nahe getreten bin; ich kenne euch beide viel zu wenig, um mir eine persönliche Meinung bilden zu können und dürfen. Ich wünsch’ dir einen hoffentlich entspannten Tag.

    • Vor einem Monat

      Wär ich im korrekten Einschätzen von Emotion und Motivation in mir und anderen so ein Totalversager wie du, dann wär ich dankbar für jemanden wie mich, der dich sachte darauf hinweist, vielleicht mal mit ner Psychotherapeutin über deine Schwierigkeiten im Erkennen und Vorhersagen eigener und fremder Psychodynamik zu quatschen.

    • Vor einem Monat

      …ist längst angekommen. Vielen Dank für das nette Gespräch, ich wünsche erneut einen schönen Resttag.

    • Vor einem Monat

      Meine Favoriten, nach mehrfachem Aufguss: Freefall und Victim Hood. Als sperriges Gesamtwerk wieder deutlich spannender als Utopia.

  • Vor einem Monat

    … Sechs Bassklarinetten, die vom Klarinettensextett Murmuri gespielt werden…

    Hallo? Wie kann man da denn bitte nicht die Höchstwertung vergeben?