laut.de-Kritik

Gelungene Rückkehr zu den kubanischen Wurzeln.

Review von

Mehrfach Grammy-nominiert und mit Multiplatin ausgezeichnet: Camila Cabello ist längst ein echter Superstar. Ihr drittes Studioalbum "Familia" wurde als Rückkehr zu ihren Wurzeln, ihrer Heimat und ihrer Familie angekündigt. Auf Instagram schrieb sie vor einigen Wochen: "Dieses Album ist mein ganzes fucking Herz." Damit hat die Kubanerin voll abgeliefert.

Das 17-sekündige Intro "Familia" startet mit einer richtig schönen Latino-Trompete und macht direkt klar, wo die Sound-Reise hingeht. Vamos a Cuba! Das hört man auch im Auftakttrack "Celia". Ein sommerlicher Beat begleitet die herrlich warme Gitarre. Und Camila Cabello wird gesanglich vereinzelt von ihrer achtjährigen Cousine Caro unterstützt.

Mit "Celia" dürfte Celia Cruz gemeint sein, auch bekannt als "Queen of Salsa" und eine der größten kubanischen Sängerinnen aller Zeiten. Deren Signature-Ausruf "Azúcar!" (Zucker) nutzt Camila Cabello im Song als Metapher für die Latino-Musik: "Er hat sein ganzes Leben ohne azúcar gelebt / Er traf Celia, ohne nach Kuba zu gehen." Mutmaßlich spielt Cabello darauf an, dass auch sie diese Kultur mit ihrer Musik Menschen nahebringt, die damit zuvor kaum Berührungspunkt hatten – etwa ihrem Ex-Freund Shawn Mendes: "Er will nach Miami ziehen und mit Papa einen Tequila trinken."

"Psychofreak" fängt zunächst langweilig an, die Percussions im Hintergrund verleihen ihm aber einen gewissen Groove und retten das Stück musikalisch zumindest ein wenig. Cabello singt von Selbstzweifel, sie fühle sich manchmal wie ein Psychofreak, "vielleicht bin ich ein Außerirdischer, die Erde ist hart." Diese Gedanken dürften zum Teil auch von der Debatte über ihren nicht an die klischeehafte Frauen-Normfigur angepassten Körper kommen, die nach Paparazzi-Fotos vom Strand kürzlich ausbrach. "Mache mir Sorgen, ob ich noch Sexappeal habe", singt sie in. Ja, manchmal ist die Erde wirklich hart. Und dumm.

Dass das Leben einfach eine Aneinanderreihung von Ups & Downs ist, erkennt sie in "Bam Bam" mit Pop-Megastar Ed Sheeran. Als sie ihn mit 16 Jahren das erste Mal traf, sei sie ein heulendes Fangirl gewesen, erzählte Cabello neulich in einem Interview. Kann eben auch ganz passabel singen, der gute Ed. Auf dem Song harmonieren ihre Stimmen klasse, musikalisch ist es ein klassischer Feel-Good-Sommer-Hit – nicht super komplex, aber macht halt gute Laune.

Selbiges gilt für "La Buena Vida". Die Salsa-Vibes und die grandiose Gitarre versetzen einen direkt in die Straßen von Havanna. Inhaltlich dafür eher langweilig. Trotzdem: bisher hatten wir fast nur gute Songs! Höchste Zeit für einen Aussetzer, bevor ich auch zum heulenden Fanboy werde. Gut, dass Cabello direkt zwei hintereinander liefert: "Quiet" und "Boys Don't Cry" lassen sich trotz starkem Gesang getrost in die Kategorie "belangloser Pop" einordnen.

"Hasta Los Dientes" hätte ich nach dem ersten Hören beinahe in die selbe Schublade gesteckt, aber der meisterhaft slappige Bass im Refrain und die ganz dezenten Disco-Einflüsse haben meine Hüften am Ende eben doch in Schwung gebracht. Gebt dem Song ein paar Chancen, es lohnt sich, kein Zweifel.

Apropos kein Zweifel: "No Doubt" ist nicht weiter erwähnenswert, spannend wird es wieder bei "Don't Go Yet", der mit Abstand erfolgreichsten Vorab-Single. Zu dem Track fallen mir auf Anhieb zwei Stichworte ein: WM. Song. Tanzbar, eine fröhliche Melodie, ein Reggaeton-Style-Beat mit exotischen Percussions und ein eingängiger Text, den man im Refrain super mitgrölen kann – auch nach sieben Bier beim Public Viewing – "Ohhhh yeah, Don't Gooooo Yet". Ich hätte jedenfalls nichts dagegen, die Fußball-WM 2022 von Katar einfach nach Kuba zu verlegen.

Etwas ernstere Töne schlägt dann nochmal "Lola" an. Der Song entstand während der San-Isidro-Bewegung, bei der sich kubanische Künstler*innen für freie Meinungsäußerung und gegen Zensur einsetzen. Er handelt von einem Mädchen, das ihr Potenzial wegen der starken Einschränkungen nicht entfalten kann. Featuregast ist der kubanische Sänger und Schauspieler Yotuel: "Er schrieb seinen Teil des Songs und schickte ihn mir, wir sprachen über die Realität eines wunderschönen Landes, das sie zerstören wollten", erzählte Cabello in einem Interview bei ELLE México. Ach so und musikalisch ist der Song übrigens auch überragend. Den Abschluss macht die sanfte, aber eher langweilige Akustik-Ballade "Everyone At This Party".

Bisher war ich wirklich kein großer Fan von Camila Cabello, zu Standard-Radiohit-mäßig waren mir viele der älteren Werke. Durch die Besinnung auf ihre Wurzeln, hat Cabello mit "Familia" bis auf wenige Ausrutscher aber ein echtes Latin-Pop-Feuerwerk abgebrannt. Als Einwanderin in die USA, mit einem mexikanischen Vater und einer kubanischen Mutter steht sie sinnbildlich für den Sound der Platte – mal Englisch, mal Spanisch, traditionelle Rhythmen und Klänge, aber modern umgesetzt. Me gusta mucho.

Trackliste

  1. 1. Familia
  2. 2. Celia
  3. 3. Psychofreak
  4. 4. Bam Bam
  5. 5. La Buena Vida
  6. 6. Quiet
  7. 7. Boys Don't Cry
  8. 8. Hasta Los Dientes
  9. 9. No Doubt
  10. 10. Don't Go Yet
  11. 11. Lola
  12. 12. Everyone At This Party

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