laut.de-Kritik

Reiche Menschen, die auf sich selbst anstoßen.

Review von

Es gibt diese Theorie, dass Künstler, die in schwierigen Zeiten erfolgreich sind, keine gute Musik mehr machen, sobald sie ihr Leben erst einmal im Griff haben. Eminems grauenhaftes "Revival" wäre so ein Kandidat. Aber selten war der Sound einer heilen Welt so im Vordergrund und aufdringlich und dabei so substanzlos und seicht wie auf Chance The Rappers offiziellem Debütalbum "The Big Day". Die Album-Verarbeitung seiner sechsmonatigen Ehe schwingt irgendwo zwischen Instagram-Pärchenfoto und christlichem Jugendcamp.

Das ist verwirrend und frustrierend, denn Chance hat mit "Acid Rap" ja einen verbrieften Klassiker geliefert, der zu großen Teilen auf seinem erzsympathischen Charakter fußt. Er ist der lockere, etwas verpeilte und quirlige Dude, der auch im Angesicht einer verlorenen Stadt und Drogenproblemen noch das Gute in der Welt, in Anderen und in sich selber sieht. Das Gute sehen steht auch im Zentrum von "The Big Day". Nur ist Channo inzwischen Rap-Superstar, reich, nüchtern und verheiratet.

Das heißt nicht, dass man ihm das Glück nicht gönnt. Aber es verändert das Narrativ. Und dass er auf den 70 Minuten kontinuierlich über seine Frau spricht, aber abseits von all dem liebestollen Gesülze kein Detail über sie verrät, hat sich schon zurecht zum Meme entwickelt. Es ist ja nicht mal so, dass diese Platte musikalisch verkehrt wäre. Schon der Opener "All Day Long" zeigt auf Kaytranada-eskem Neo-Soul mit Gospel-Einschlag, wie agil Chance rappt. Aber er dreht sich nicht nur im Kreis, er rotiert regelrecht um die eine Emotion, die das ganze Album auffüllen soll.

Es ist eindimensional. Klingt erst einmal nicht so schlimm, wenn man bedenkt, dass ein paar der besten Rapalben aller Zeiten eindimensional sind. Aber es ist der Ton, der "The Big Day" zum Verhängnis wird. Denn es ist nicht nur komplett auf einem Thema aufgebaut, es bearbeitet dieses Thema auch noch undetailliert und oberflächlich, dafür aber mit Unmengen an emotionalem Wulst. Schon die Introtracks klingen wie ein sentimentaler Closer. Und die ganze Stunde Material, die darauf folgt, ist nur immer sentimentaler werdender, schnulziger Closer mit ein paar Unterbrechungen aus der Pop-Rap-Landschaft, die wenig Sinn ergeben.

"Hot Shower" ist gegen öffentliche Meinung ein absolut solider Trap-Banger, auf dem Chance sehr schamlos Valees "Womp Womp"-Flow klaut, Madeintyo und DaBaby aber routiniert über den Beat joggen. "Handsome" und "Slide Around" sind solide Pop-Rap-Nummern, die in Sachen Kommerzialität zwar auf ein DJ Khaled-Album passen, aber wieder von starken Gastverses aus den Federn von Megan Thee Stallion, Nicki Minaj und Young Nudy gerettet werden. Schlimmer ist da das von Shawn Mendes unterstützte House-Graus "Ballin Flossin", das selbst sein Bieber-Feature auf "Coloring Book" wie krediblen Untergrund-Hip Hop aussehen lässt.

Diese Songs wären okayer Filler für ein anderes Projekt, wirken hier aber deplatziert im Konzept. Dass sie trotzdem alle Highlights oder zumindest erfrischende Momente sind, bezeugt demnach, dass das Konzept ziemlicher Mist ist. Wenn man mit den ersten Nummern klarkommt, wird es ab der Hälfte wirklich schwer auszuhalten, was die Schwülstigkeit angeht. Spätestens bei der Hochzeitsrede von Chances Vater bleibt man mit dem Gefühl zurück, hier eine uninteressante Episode aus dem Leben reicher Menschen zu sehen, nach der man nie gefragt hat. Und Chances Darstellungen vom Verliebtsein sind so überkandidelt, pappsüß und offensiv uncool, dass man sich dafür schämen möchte, je in einer Beziehung gewesen zu sein.

Aber mit jedem Track werden die Gospelchöre ein wenig selbstgerechter, der Bombast etwas unerträglicher und man hat das Gefühl, Chances erzwungenes Grinsen durch die Kopfhörer zu spüren. Es hat den emotionalen Effekt einer sentimentalen Endszene in einem Videospiel, in dem man konsequent jede Dialog-Sequenz übersprungen hat. Es hat den Flair von reichen Jungunternehmen, die auf sich selbst anstoßen. Es hat die Ästhetik von Helikoptereltern. Was für ein verschwendetes Potential nach drei beeindruckenden Mixtapes. Aber man sage Bescheid, wenn das Album über die Scheidung kommt. Das könnte dann nämlich wieder interessant werden.

Trackliste

  1. 1. All Day Long (feat. John Legend)
  2. 2. Do You Remember (feat. Death Cab For Cutie)
  3. 3. Eternal (feat. Smino)
  4. 4. Hot Shower (feat. MadeinTYO & DaBaby)
  5. 5. We Go High
  6. 6. I Got You (Always And Forever) (feat. En Vogue, Ari Lennox & Kierra Sheard)
  7. 7. Photo Ops (Skit)
  8. 8. Roo (feat. Taylor Bennett & CocoRosie)
  9. 9. The Big Day (feat. Francis And The Lights)
  10. 10. Let's Go On The Run (feat. Know Fortune)
  11. 11. Handsome (feat. Megan Thee Stallion)
  12. 12. Big Fish (feat. Gucci Mane)
  13. 13. Ballin Flossin (feat. Shawn Mendes)
  14. 14. 4 Quarters In The Black (Skit)
  15. 15. 5 Year Plan (feat. Randy Newman)
  16. 16. Get A Bag (feat. Calboy)
  17. 17. Slide Around (feat. Lil Durk & Nicki Minaj)
  18. 18. Sun Come Down
  19. 19. Found A Good One (Single No More)
  20. 20. Town On The Hill
  21. 21. Our House (Skit)
  22. 22. Zanies And Fools (feat. Darius Scott & Nicki Minaj)

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