laut.de-Kritik

Zusammenbruch unter Selbstüberschätzung.

Review von

Carlo hat es so schwer (ah). Er wacht auf in seinem Strand-Ressort in Bali (ah, yeah), holt sein iPhone X von seinem Ferrari (ah), isst ein Ferrero Duplo (ah, yeah) und ist irgendwie sad (oh). Weil auch reiche, schöne Superstar-Player Gefühle haben (oh, oh-oh). Sein letzter Supermodel-One-Night-Stand hat ihn einen Doofkopf genannt (ah-ah-ah-AHHHH). Auf seinem iPhone 12 am Strand (Uhhhh). Er hört Frank Ocean und Kanyes "808s" (ah, yeah) und Chance The Rapper und Burna Buy (oh-yeah-yeah). Er fragt sich: Kennt das in Deutschland überhaupt irgendwer (Oh)? Wahrscheinlich nicht (Gospel-Chor). Carlo hat es schwer. (Noch mehr Gospel-Chor). Carlo hat es so schwer.

Es gibt kaum einen frustrierenderen Rapper als den modernen Cro. Weil er sich vor ein paar Jahren mal für ein halbes Jahr auf den Arsch gesetzt hat, um ein gutes Album zu machen, hält er sich jetzt für ein konzeptuellen Pop-Mastermind und verwechselt mit guten Songs, irgendwie auf die mit seinem Publikum geteilte Kenntnis von extrem populären, besseren Artists zu deuten. Sein neues Album "11:11" ist eine Sammlung von Songs mit im Grunde irgendwo im Kern soliden musikalischen Ideen, die sich alle weigern, mehr als 15 Minuten Arbeit in diese Fundamente zu investieren, weil Cro nach fünf Minuten bereits so unglaublich beeindruckt von jeglichem halblebigem Ausguss seines Kopfes ist, dass weiteres Ausarbeiten sich erübrigt.

Das Resultat sind kleingeistige und sterbenslangweilige Hommagen an bessere Artists, gänzlich von jeder Kante und jedem Humor befreit. Das Beste, das man in Songs wie "Freiheit" oder "Falling" finden kann, sind abstrakte Vibes. In den besten Momenten könnte man so etwas wie Melancholie oder Weltschmerz darin hören. Die meiste Zeit ist die Atmosphäre aber eher "Nachmittags im All-Inclusive-Hotel aufwachen, wo man, weil man sich mit dem Partner gestritten hat, schmollend eingeschlafen ist, und jetzt den Sonnenbrand auf dem sonst käsefarbenen Bauch spüren, während man existenziell hinterfragt, wofür man das ganze Geld ausgegeben hat", aber ehrlicherweise mit sehr starker Betonung auf dem "eingeschlafen sein".

Ein weiteres Problem mit diesem ganzen Einlassen auf die Vibes kommt mit den Texten. Menschenskinder, man muss ja keinen lyrischen Himmelflug von Cro erwarten, aber so hohl wie hier kann er selbst auf seinen Teenie-Bopper-Alben nicht geklungen haben. Der hohle Wohlstands-Porno, der all seine Versuche von Romantik zu einer Dauerwerbesendung verkommen lässt – geschenkt. Diese grundlegend fantasielosen Beziehungs-Aufgüsse sind zwar peinlich und irgendwie unfreiwillig komisch ("Ja, denn Baby, jedes Mal, wenn du kurz smilst, bin ich high / Und denk', 'Wow'"), aber auch harmlos in Songs, die nicht mehr sein wollen als okay klingendes Playlist-Futter.

Mehr zum Haareraufen sind seine Versuche, seinen Tiefgang zu demonstrieren. Man erinnert sich deutlich, dass er zu seinem damals guten "Tru."-Album ankündigte, er wolle zeigen, dass der Boy auch ein Spitter sei. Wo ist diese Ambition hin? Am Ende von "Freiheit" rappt er mit stolzgeschwellter Brust zweimal "Was los? Was dachtest du? Dass ich nur red' von Insta-Models und Highlife?" und ist sich so sicher, dass er gerade unsere Vorstellung von ihm mit einem richtig deepen Part aus dem Wasser gepustet haben muss. Und man muss schon sagen, bei solchen Verses kommen die großen Dichter und Denker der Geschichte ins Schwitzen: "Ich hab' zwanzig, dreißig Räume hier im Glashaus / Doch die Zimmer sind frei / Frei / Freiheit / Hab' gehört, es gibt unendlich viele Wege, die man gehen kann / Doch ich geh' nur mein'n / Ich bin frei / Freiheit.". Sprachlos. Gänsehaut.

Auch sein Versuch, sich auf "Facetime Luv" an Liebe im digitalen Zeitalter abzuarbeiten, endet in so vagen Plattitüden, dass man glauben möchte, ein Mann Ende 60 habe dieses Kauderwelsch verbrochen. Und sein gemeiner Tell-Of an die Ex "Lieber Nicht" kommt nicht nur mit RTL2-Seifenoper-Melodrama im Outro ("Yeah, Baby / Ich bin mir sicher, du weißt ganz genau wer gemeint ist / Vielleicht sieht man sich irgendwann wieder / Aber ich glaub' eher nicht, peace"), seine absurd schwachen Burns müssen an das eigene Album gerichtet sein: "Sie will Blubber-Blubber, bitte nicht ne, ne, ne / Komm, hier ist ein' Uber, bitte geh', geh', geh'/ Bitte lösch die Nummer von dei'm iPhone X / Get off my dick."

An "11:11" ließe sich eine psychologische Studie darüber vollführen, warum man dem eigenen Hype nicht allzu sehr glauben sollte. Cro reitet hier auf so mancher Welle, bei der man sich fragt, woher er das Selbstbewusstsein dafür hat. Zum Beispiel glaubt er, als Pop-Produzent gut genug zu sein, wenn er die erste Hälfte des Albums auf freudlosen Afrobeat-Schablonen-Beats singt, die den Stallgeruch des vermutlich vorher konsumierten YouTube-Tutorials "how to make afrobeat instrumentals with FL Studio" nie loswerden. Schlimmer noch glaubt er, ein waschechter R'n'B-Sänger zu sein, und scheißt jeden einzelnen Vocal-Take mit Schwadronen nutzloser und uneleganter Vokalisierungen zu, die "Ohs" und "Ahs" und "Yeahs" kriegt aber kein Autotune der Welt aus seiner Drei-Ton-Stimmlage und bornierter Stimmfarbe befreit. Der Witz ist ja: Die Künstler, die er gerne wäre, verstehen ihre Schwächen haargenau und arbeiten mit genialen Strategien, diese in Stärken zu verkehren. Cro wirft hier einfach nur jede seiner Schwächen an die Front und verwechselt das mit Emotion und Verwundbarkeit.

Allein die von Miksu und Macloud produzierte Disco-Single "Crobot" generiert so etwas wie einen Puls, sackt dann aber auch unter dem Gewicht der geballten Plattitüden, Klischees und Selbstüberschätzungen zusammen. Der Rest ist nicht einmal guter Pop. Diese Platte klingt nach Nickerchen. Halb bekifft in der Sonne eingeschlafen, sie hat keine Grooves, keine Hooks und kein bisschen Freude. Ein krasseres Falscheinschätzen der eigenen Stärken gab es im Deutschrap selten zu beobachten. Dieses Album ist nichts. Nichts, an dem man sich reiben könnte, nichts, zu dem man tanzen wollen würde, nichts, das einem irgendetwas Neues bietet.

Lief Cro schon immer die Gefahr, nur die oberflächlichsten Qualitäten seiner Vorbilder zu kopieren, findet er hier einen neuen Tiefpunkt. Denn auf "11:11" kopiert er zum ersten Mal auch nur die oberflächlichen Qualitäten seiner selbst.

Trackliste

  1. 1. Hey Love
  2. 2. Facetime Luv
  3. 3. Fallin
  4. 4. Amazing
  5. 5. Freiheit
  6. 6. 11:
  7. 7. 11
  8. 8. Lieber Nicht
  9. 9. Feelings
  10. 10. High (feat. Claudia Valentina)
  11. 11. Crobot (feat. Miksu/Macloud)
  12. 12. Fenster

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12 Kommentare mit 21 Antworten

  • Vor einem Monat

    Sachmal, gehts noch Yannik?!
    Der Cro hat mit Raop einen ganz neuen Stil und ein ganzes Musikuniversum kreationiert, dem neuen Album gebe ich wieder 11/11 Masterminds!
    C245h und ich tun das schon den ganzen Sommer über pumpen und ich sag euch, es ist der summer auf der Überholspur, den ihr euch alle wünscht aber dann müsst ihr euch eben auch mal solchen angesagten nicht-Metal Sounds öffnen!
    Wir hängen jetzt mit beliebten Chicks und Dudes und wenn wir die Drinks schmeißen, dürfen wir uns sogar manchmal im glow von echten Influencern sonnen.

  • Vor einem Monat

    "und ist sich so sicher, dass er gerade unsere Vorstellung von ihm mit einem richtig deepen Part aus dem Wasser gepustet haben muss."

    Ynk bleibt ynk.

  • Vor einem Monat

    Mal abseits vom Geschmiere von Yannik, was ist das für ein Müll? Wer pumpt dass und denkt sich "Geile Musik" und fährt mit Fenster unten mit diesen Müll laut aufgedreht durch die Stadt??

    • Vor einem Monat

      Ähm, angesagte Leute vielleicht, die etwas Lebensbejahendes und nicht nur Metall hören?
      C542h und ich pumpen das fleißig.

    • Vor einem Monat

      Das hört man halt in der jeweiligen Neustadt der nächsten Metropole, während man mit seinen 17 jährigen Kumpanen Fritz Cola schlürft, mittelmäßige Hecke raucht und sich äußerst lit fühlt.