laut.de-Kritik

Giger meets ELP: Die Essenz eines Progressiv-Monsters.

Review von

Keith Emerson, einer der ganz großen Tastenmagier der Rockmusik, verabschiedete sich am 10. März 2016 freiwillig von dieser Welt. Der 71-Jährige erschoss sich, weil er mit Leib und Seele für seine Musik lebte, und diese aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr ausüben konnte. Rigoros und konsequent wie sein Leben war auch das Ende.

Emerson hinterlässt ein schillernd hochwertiges Erbe, für das vor allem zwei stilprägende Bands stehen. Zum einen die stark von klassischer Musik beeinflusste und relativ kurzlebige Viererkette The Nice. In erster Linie aber das Superstar-Trio Emerson, Lake & Palmer, das vor allem in den Jahren 1970 bis 1974 wesentliche und teils sehr bizarre Referenzwerke des progressiven Rocks erschuf.

Wenn man das Wesen und die künstlerische Potenz von Emerson, Lake & Palmer erfassen will, sollte man die fünf Alben "Emerson, Lake & Palmer", "Tarkus", das live eingespielte "Pictures At An Exhibition", eine ziemlich durchgeknallte Mussorgsky-Adaption, "Trilogy" und eben "Brain Salad Surgery" kennen. Diese Wahl hat viel für sich, doch könnten an dieser Stelle auch die anderen genannten Scheiben stehen.

Doch für "Brain Salad Surgery" sprechen letztlich ein paar gute Argumente mehr. Es fängt beim Coverartwork an, für das der weltberühmte und ebenfalls verstorbene Schweizer Meister des Düster-Biomechanisch-Bizarren, Alien-Erfinder H.R. Giger, verantwortlich zeichnet. Die bleiche weibliche Schönheit, die sich hinter den zwei aufklappbaren, mit einer unheimlichen, von Metallstäben durchbohrten Robotermaske versehenen Flügeln des originalen Schallplattencovers verbirgt, illustriert den musikalischen Inhalt des Albums zwischen Schönheit, Geheimnis und Magie auf Trefflichste. Und auch der Hauch einer großen, wenn auch verborgenen Gewalt lässt sich anhand dieser Illustration erahnen.

Der Einstieg ins Album gerät dabei ziemlich pompös: "Jerusalem" ist eine hymnisch getragene Einleitung, die an eine Art Einmarschmusik für Gladiatoren in die Arena erinnert. Rollende Trommeln, Glockenklänge, Gongs und Synthesizer-Fanfaren zeigen eine Band voller Selbstbewusstsein, die sich auf das Kommende einstimmt. Auf dem Vorgänger "Trilogy" schlichen sich ELP beim Opener "The Endless Enigma Part One" noch mit Herzschlag-Tönen, flüsternden Synthi-Zungen und Conga-Wirbeln in das Album - jetzt gibt es sofort die volle Majestät.

Seltsamerweise beginnt Stück Nummer zwei, "Toccata", ähnlich dezent wie besagtes "The Endless Enigma", entwickelt sich aber in Windeseile zu einem sehr variablen Klanggemälde zwischen Tastengewitter, nachdrücklicher Perkussion und nervenzerfetzender Elektronik, das die Klassik-Vorlage in alle Einzelteile zerlegt. Es klingt vor allem zum Ende hin fast wie der Soundtrack eines Roboterkriegs.

Ein Stilbruch dann beim nächsten Song: "Still ... You Turn Me On" ist eine typische Greg Lake-Ballade nach dem Muster von "Take A Pebble" vom Debüt oder "From The Beginning" ("Trilogy"). Letzteres hat aufgrund der zerbrechlichen Schönheit und einer sonnigen Melancholie die Nase vorn. Dasselbe gilt für "Benny The Bouncer", dem obligatorischen Music Hall-Stück mit Honky-Tonk-Klavier - ein Muster, das man auf vielen ELP-Alben findet: Auch "The Sheriff" vom Vorgänger wirkt hier stimmiger, ja witziger.

Dann folgt jedoch das Herzstück von "Brain Salad Surgery", die etwa 30-minütige, in mehrere Parts gegliederte "Karn Evil 9"-Suite, die einfach alles liefert, was Emerson, Lake & Palmer groß, erfolgreich und unverwechselbar gemacht hat. Nicht wenige haben sich in der Vergangenheit die Mühe gemacht, dieses Klangwerk in all seine Einzelteile zu zerlegen, um auch das letzte darin enthaltene Element herauszulesen und zuzuordnen.

"Karn Evil 9" stellt so etwas wie die Essenz der Gruppe dar - das stärkste Argument diese Platte als ihre beste zu adeln. Die erstmals bei ELP reichlich eingesetzte E-Gitarre bleibt ein weiterer Pluspunkt. Genauso wie der Schlachtruf "Welcome all my friends to the show that never ends!". Man wünscht sich tatsächlich, dass dieses dynamische, mit hunderten von Details gespickte Inferno zwischen Klassik, Rock, Jazz und Boogie-Woogie niemals endet.

Als Zugabe folgt die utracool groovende Synthesizer-Fingerübung "When The Apple Blossoms Bloom In The Windmills Of Your Mind I'll Be Your Valentine", die übrigens nicht so lang ist wie ihre spinnert zusammengeflickte Benennung. Recht ungewöhnlich beendet das Titelstück die Platte. "Brain Salad Surgery", ebenfalls stark vom Synthesizer, aber auch von Greg Lakes aggressivem Gesang dominiert, wirkt zwar ein bisschen drangehängt, fasst das ganze Werk aber noch mal zusammen. Danach bleibt man irgendwie erschöpft, aber schwer beeindruckt zurück.

Notwendige Bemerkung am Rande: Die letzten beiden Stücke waren nicht Bestandteil der originalen Vinyl-LP. Sie erschienen auf diversen Singles und wurden später auf CD hinzugefügt.

"Brain Salad Surgery" steht als ein mächtiges Stück progressiver Musik im Olymp des Rocks. Danach ging es mit dem Output von Emerson, Lake & Palmer leider nach und nach bergab. Vielleicht wirkt das angesprochene Album "Trilogy" organischer und in sich geschlossener. Doch "Brain Salad Surgery" bleibt die Klammer, die alles zusammenhält. Musikalisch experimenteller und mutiger, spielerisch noch souveräner, textlich höchst anspruchsvoll und vom Konzept her bis heute futuristisch anmutend. Giger meets ELP. Ein Geniestreich.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Jerusalem
  2. 2. Toccata
  3. 3. Still...You Turn Me On
  4. 4. Benny the Bouncer
  5. 5. Karn Evil 9: 1st Impression, Pt. 1
  6. 6. Karn Evil 9: 1st Impression, Pt. 2
  7. 7. Karn Evil 9: 2nd Impression
  8. 8. Karn Evil 9: 3rd Impression
  9. 9. When The Apple Blossoms Bloom In The Windmills Of Your Mind I'll Be Your Valentine
  10. 10. Brain Salad Surgery

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