laut.de-Kritik

Angriffslustiger EBM als Katalysator für eine produktive Karriere.

Review von

Anfang bis Mitte der 80er-Jahre bildete sich im kanadischen Vancouver eine stark vernetzte Electro-Industrial-Szene heraus, die sich zwischen den Polen EBM und Industrial bewegte. Gegenüber europäischen EBM-Formationen, die mehr auf minimalistische Strukturen und eine sterile Produktion setzten, verfolgten Bands wie Skinny Puppy, Numb und Front Line Assembly mit ihrem rauen, komplexen und vielschichtigen Sound einen experimentelleren Ansatz.

Ende der 80er-Jahre suchten schließlich Skinny Puppy und Numb mit rockigeren Klängen den Schulterschluss zum Industrial Rock. Front Line Assembly setzten dagegen das EBM-Erbe konsequent fort, mischten noch mächtige Gitarren dazu und machten diesen Mix mit "Caustic Grip", das am 07. August 1990 erschien, in den Clubs salonfähig.

Der österreichisch-kanadische Musiker Bill Leeb war einst mehrere Jahre lang unter dem Pseudonym Wilhelm Schroeder Musiker bei Skinny Puppy gewesen. Dort fristete er aber noch ein Schattendasein, so dass er die Band verließ und 1986 Front Line Assembly (als Frontline Assembly) gründete.

Danach produzierte er mit "Nerve War" ein limitiertes Demotape und fand mit Rhys Fulber und Michael Balch musikalische Gleichgesinnte, um bis zum Ende der 80er-Jahre in teils unterschiedlichen Konstellationen ein weiteres Demo sowie mehrere EPs und Alben aufzunehmen, die trotz tanzbarer Rhythmen noch eine sehr minimalistische, paranoide und apokalyptische Atmosphäre ausstrahlten. Die erinnerte oftmals an die Kühle von Industrial-Pionieren wie Cabaret Voltaire. Bestes Beispiel bildet "State Of Mind", das auch heute noch eine einzigartige, cyberpunkmäßige Stimmung besitzt.

Rhys Fulber stieg schließlich 1989 zum vollwertigen Mitglied auf, während Balch ein Jahr später die Formation verließ. Eigentlich hatten Bill Leeb und Michael Balch vorgesehen, "Caustic Grip" zusammen einzuspielen. Jedoch kam es nicht dazu, da Balch zu der Zeit auch andere Projekte verfolgte. Anstatt auf die Rückkehr seines Kollegen zu warten, schrieb Leeb zusammen mit Fulber die gesamte Platte in einem winzigen Schlafzimmer mit alten analogen Geräten, einem Plattenspieler und einem Kassettendeck. Danach ging es in ein kommerzielles Studio, die Vancouver Studios, um Vocals aufzunehmen und die Scheibe von Greg Reely mixen zu lassen.

Leeb und Fulber bilden bis heute den festen Kern der Formation, obwohl Rhys über die Jahre auch mehrmals seinen Posten für Leute wie Chris Peterson oder Jeremy Inkel räumte. Der letztgenannte Musiker starb 2018 mit nur 34 Jahren an den Folgen einer Asthma-Erkrankung.

"Resist" läutet mit einer knallharten Synthline, infektiöser Elektronik, Samples, rockigen Gitarreneinschüben und peitschenden Vocals Bill Leebs die 90er-Jahre angriffslustig ein. Dabei sorgt der melodische Refrain dafür, dass die Nummer auch noch bis heute live ein Höhepunkt bleibt. Den aggressiven Kurs verfolgen die Kanadier auch mit "Victim" weiter. Nur gestaltet sich die Vocal- und Synthie-Arbeit um Einiges atmosphärischer.

Dem Stück setzen Leeb und Fulber mit "Overkill" einen relativ rohen Track entgegen, den monotone Drumrhythmen, eine blubbernde Synthline, verspielte Keyboardklänge und krächzender Gesang durchziehen. Den erachten Fans oftmals als Schwachpunkt der Platte. Jedoch stellt dieses noch eher Raue und Ungeschliffene, das auch das rasantere "Force Fed" auszeichnet, einen wohltuenden Kontrast zum perfektionistischen Sounddesign späterer Alben dar. In "Forge" kommt dagegen mit kühlen Rhythmen, klaustrophobischen Synthies und der gequälten Stimme Leebs eine beklemmende Stimmung zum Tragen.

Es folgt mit "Provision" ein Song, der mit straighten Rhythmen und Vocals, einer echten Gitarre (Jeff Stoddard) und einer einnehmenden Hook, die von hymnischen Keyboardklängen mitgetragen wird, Atmosphäre, Tanzbarkeit und Rockigkeit perfekt in Einklang bringt. "Iceolate" lässt demgegenüber mit eiskalter Synthline, psychopathischem Gesang und irrwitzigen Synthie- und Samplespielereien das Blut in den Adern gefrieren.

Ihre hymnische Seite betonen Front Line Assembly wieder mehr im getragenen "Threshold". Das nimmt mit seiner wunderschönen Melodie und den durchgängig melodisch gehaltenen Vocals schon den Sound nachfolgender Platten wie "Tactical Neural Implant" oder "Hard Wired" vorweg. Auf denen streifen die Kanadier zugunsten einer eigenständigen, sowohl eingängigen als auch komplexen Electro-Industrial-Signatur, für die man sie heute am besten kennt, ihre Ecken und Kanten vermehrt ab.

In "Mental Distortion" kommt schließlich mit präzisen, tanzbaren Rhythmen, komplexen Spannungsbögen, einprägsamen Melodien und treibendem Gesang so gut wie alles zusammen, was die Platte ausmacht. Am Ende hinterlässt das rein instrumentale "The Chair" mit verstörenden Samples und düsterer Elektronik ein flaues Gefühl in der Magengegend.

Zwei Jahre nach "Caustic Grip" veröffentlichten Bill Leeb und Rhys Fulber mit ihrem Sideprojekt Noise Unit das Album "Strategy Of Violence", das über eine ähnlich rohe und aggressive Ästhetik verfügte und zum Teil mit ähnlich starkem Material aufwartete. Danach war für die beiden EBM nur noch ein Soundbestandteil unter vielen. Über die Jahre kamen bei Front Line Assembly und Noise Unit immer mehr Versatzstücke aus anderen Genres wie Metal, Trip Hop, Ethno oder Brostep hinzu.

Fulber, der übrigens seit 1993 die Fear Factory-Veröffentlichungen mit zusätzlichen Keyboardsounds veredelt, frönt aktuell, wenn er nicht gerade mit Bill Leeb an neuer Musik feilt, mit Conjure One und unter eigenem Namen seiner Vorliebe für sowohl vocallastigen Trance als auch dreckigen, dunklen Industrial Techno. Zudem unterhalten die beiden Musiker mit Delerium ein poppiges Downtempo-Projekt, das durch die Remixe des von Sarah McLachlan gesungenen Tracks "Silence" von der 1997er-Scheibe "Karma" auch einem größeren Massenpublikum bekannt ist und von dem gerade mit "Signs" ein neues Album erschien.

Letzten Endes war "Caustic Grip" sowas wie der Katalysator für die lange, produktive Karriere und die bis heute anhaltende Relevanz von Bill Leeb und Rhys Fulber. Der britische Melody Maker kürte nämlich "Iceolate" und "Mental Distortion" jeweils zur Single der Woche, so dass die beiden auch außerhalb Nordamerikas mit ihrer Musik größere Wellen schlugen. Außerdem gab es danach so gut wie kaum ein einziges EBM-Album mehr, das eine vergleichbare Frische und Energie besaß wie diese Scheibe.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Resist
  2. 2. Victim
  3. 3. Overkill
  4. 4. Forge
  5. 5. Provision
  6. 6. Force Fed
  7. 7. Iceolate
  8. 8. Threshold
  9. 9. Mental Distortion
  10. 10. The Chair

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