laut.de-Kritik

In der Geisterbahn.

Review von

Vorhang auf für ihre Horroshow! Wer glaubt, dass sich Metalcore ständig selbst reproduziert und keine neuen Ideen hervorbringt, muss einer Band aus Boston, Massachusettes Mut zur Veränderung zugestehen. Während andere Genre-Vertreter ihre Härte zugunsten poppiger Elemente ablegen oder ewig am eigenen Sound schrauben, geben Ice Nine Kills ihrer Musik einfach einen anderen Rahmen. Pünktlich zu Halloween bringen sie nun zum zweiten Mal ein Konzept-Album raus, das vor Horrorfilm-Referenzen nur so strotzt.

Um sich darunter mehr vorstellen zu können: Jeder der insgesamt 14 Tracks greift einen bestimmten Schocker der Filmgeschichte auf, sei es lyrisch oder auch über Samples und Effekt-Spielereien. Ein Gefühl dafür, wie sich "Horrorcore" anhört, vermittelt "Hip To Be Scared" ganz gut. Mit "So to hell is where I'll go, but the devil makes exceptions for all American psychos", lässt die Band Mary Harrons "American Psycho" aufleben.

Ziemlich abgefahrenes Experiment, aber es scheint zu funktionieren. Denn "The Silver Scream" (Teil 1) katapultiert die Amerikaner 2018 erstmals in die Top 50 der US-Charts. Irgendeine Faszination scheint von der Hommage an das blutige Filmgenre also auszugehen. Kein Wunder, dass nun das Sequel allen Horrorfilm-Klischees zum Trotz an das Erstwerk anknüpfen will.

Ernsthaftigkeit und tiefgreifende Botschaften sind dabei nicht zu erwarten. Im Gegenteil, reflektiert die Truppe sogar das eigene Spiel mit Stereotypen. "Do you like Ice Nine Kills? (Not really). Their early work was a little bit too scene for me. But when The Silver Scream came out I think they really came into their own. Commercially and artistically.", kommentiert eine Stimme in "Hip To Be Scared" das Rollenspiel selbstironisch.

Rein akustisch ist die Mixtur ebenso selten generischer Standard. Auf wildes Death Core-Keifen in "A Rash Decision" folgen typische Metalcore-Growls und vereinzelt hochglanzpolierter Klargesang. Irgendwas zwischen Splatter und Psycho-Thriller also. Ständig grätschen wie etwa in "Assault & Batteries" gesprochene Samples oder gruselige Spieluhr-Sounds rein und machen das Chaos perfekt. In Anlehnung an "Psycho" lässt "The Shower Scene" melodischen Parts den Vortritt. Ausgenommen die hysterischen Schreie, die zwischendurch immer wieder das Setting definieren. Einst von Hitchcock weltberühmt gemacht, untermalt der Sound zur Duschszene diesmal den Breakdown. Ist schließlich auch eine Art Höhepunkt.

Ob Chöre die Bühne betreten ("F.L.Y.") oder deutschsprachige Bahnhofsdurchsagen das Backpacking in ein slowakisches "Hostel" ankündigen ("Wurst Vacation"): Ice Nine Kills geben sich alle Mühe, zu unterhalten. Das müssen sie auch, damit neben solidem Genre-Handwerk irgendwas hängen bleibt. Denn diese Geisterbahnfahrt ist letztlich vor allem eins: nervenaufreibend!

Es fällt schwer, den Irrungen und Wirrungen innerhalb der Songs zu folgen, geschweige denn zwischen ein paar netten Breakdowns oder eingängigen Refrains, eine musikalische Identität auszumachen. Das Entschlüsseln einzelner Referenzen bestimmt den Spaßfaktor dieser Platte. Wer Horrorfilme schon immer mal mit Metalcore unterlegen wollte, dürfte die Idee der Bostoner schmunzelnd beklatschen. Der Rest fragt sich: Warum?

Trackliste

  1. 1. Opening Night ...
  2. 2. Welcome To Horrorwood
  3. 3. A Rash Decision
  4. 4. Assault & Batteries
  5. 5. The Shower Scene
  6. 6. Funeral Derangements
  7. 7. Rainy Day
  8. 8. Hip To Be Scared (feat. Jacoby Shaddix)
  9. 9. Take Your Pick (feat. Corpsegrinder)
  10. 10. The Box (feat. Brandon Saller & Ryan Kirby)
  11. 11. F.L.Y. (feat. Buddy Nielsen)
  12. 12. Wurst Vacation
  13. 13. Ex-Mørtis
  14. 14. Farewell II Flesh

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3 Kommentare

  • Vor 9 Monaten

    Aber ist nicht genau das die musikalische Identität der Band, also Metalcore im Horrorfilmgewand? Was sich "der Rest" dann fragt, ist doch kein echtes Kriterium, eine Zielgruppe gibt's ja schließlich. Reines Totschlagargument also. Ich find's jetzt nicht überragend, aber im Metalcore-Kosmos schon recht kreativ, was INK da machen.

  • Vor 9 Monaten

    Uff, das ist jetzt schon das dritte "Horror"-Album in Folge. Ich find's einfach nur noch kitschig, die Fans scheinen es aber zu mögen.

  • Vor 7 Monaten

    Überragende unglaublich detailverliebte Scheibe. Mag man aufgrund der Thematik kitschig finden, ist aber musikalisch in dieser Genre-Ecke dieses Jahr recht unangefochten.