laut.de-Kritik

Ein Mahnmal von einem Album.

Review von

King Von ist tot. Am Freitag der vergangenen Woche geriet der Chicago-Rapper auf einem Parkplatz in Atlanta in eine Schießerei mit Mitgliedern der Crew von Quando Rando. Von wurde schwer verletzt und erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen. Unter den tragischen Todesfällen aufstrebender Rapper der letzten Jahre ist er vieles: bitter, zermürbend, aufwühlend. Doch er kommt sicher nicht überraschend. King Von steht für die Drill-Szene Chicagos und dominiert eine Hip Hop-Kultur, in der seit ihrem Anbeginn in diesem Jahrzehnt zahllose Künstler Gewalt zum Opfer fielen. "Welcome To O'Block" dokumentiert einen Lebensstil und eine Weltsicht, die in Anbetracht seines frühen Todes schwer auszuhalten sind. Aber gerade deshalb ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen.

"Back to back funerals, it's them or us, it's him or me" lautet eine der ersten Zeilen, die auf dem Album zu hören sind. Allein auf den ersten drei Songs referenziert er Dooski, Tooka und FGB Duck, Mitglieder rivalisierender Gangs und Rapper, die seit Anfang des Jahrzehnts verstorben sind. Gerade Duck, der erst im August erschossen wurde, war ein hochprominentes Mitglied der Drill-Szene, Millionen Views auf seinen Videos, musikalischer Respekt. King Von zollt ihnen aber keinen Tribut, er verhöhnt sie weiter. Tote Feinde zu dissen, ist im Drill beinahe normal.

"Welcome To O'Block" ist ein Album von einer auffallenden Kunstlosigkeit. Es ist ein nüchternes, kaltes und finsteres Album, das sich mit der Verpackung seiner Inhalte gar nicht aufhält. King Von lebt von seiner zehrenden Stimme und seinem Storytelling, das genauso minimal und ungefiltert ausfällt. Es erzählt von einem selbstgemachten Krieg in Chicago, von einer Familie, die entweder im Knast oder auf Drogen endet, von einer Region ohne Perspektive und Freunden und Verwandten, die allerhöchstens durch Vons Rap irgendeine Perspektive im Leben gewinnen.

Es ist in dieser Hinsicht ein ekelhaftes Album, eines, das sich kaum objektiv betrachten lässt. Setzte ein Scholly-D in den Achtzigern Kritikern des Gangster-Raps noch entgegen, dass er mit seinem Reality Rap nur ein Aufzeichnen der Wirklichkeit betreibt, wird es für Rapper dieser Drill-Generation deutlich schwerer, diese Abgrenzung vorzunehmen. Die Grenze zwischen aktivem Rapper und Gangmitglied verschwimmt mit jedem Schritt in Richtung Untergrund mehr, die Songs und Disses wirken wie aktive Teile von Eskalation und Gewaltspiralen.

Wenn King Von dann auf "Demon" seinen toten Rivalen Duck disst und zwei Monate später selbst erschossen wird, wird die Spirale aus Kunst werdender Wirklichkeit und Wirklichkeit werdender Kunst zu engmaschig. Die Kritik, dass hier ein aktiv zerstörerischer Lebensstil nicht nur gezeigt, sondern glorifiziert wird, lässt sich bei Songs wie "Why He Told" kaum leugnen. In einem einschüchternd lebendigem Selbstgespräch reflektiert Von, warum ein alter Freund ihn bei der Polizei verraten hat, und wirbt für den Code, an den er sich hätte halten sollen. "He might end up taking me out, damn", wiederholt er, seine Stimme brüchig, erschüttert und paranoid. Liest man sich in einschlägigen Online-Communities quer, lässt sich schnell herausfinden, dass das Szenario auf einer sehr realen Person und einem sehr realen Fall basiert. Der Song enthält kaum verdeckte Morddrohungen.

An diesem Punkt fühlt es sich fast unethisch an, der Musik noch einen großen Genuss abzugewinnen, wenn man sich mit der gaffenden Neugier eines True Crime-Podcast-Hörers von der anderen Seite des Atlantiks daran ergötzt, wie ein Straßenkrieg in Chicago Jahr um Jahr weitere Opfer fordert. Aber so recht verdammen lässt es sich auch nicht. Von war ein talentierter Rapper, dieses Album ein Dokument seiner schmucklosen Linse auf sein Leben.

Denn so sehr dieser Musikstil sich kritisieren lassen muss, wäre das Abwälzen der Gewaltspirale auf Menschen wie King Von ebenso eindimensional. Chicago Drill ist ein Symptom einer zutiefst gebrochenen Gesellschaft und zeigt die dunkelsten Facetten Amerikas splitterfasernackt. Auch hier fangen Beobachtungen von Von die große Phänomene von struktureller Ungleichbehandlungen unbewusst ein. Er nimmt selbst keine Analyse vor, aber sie drängt sich quasi auf.

Redlining von Stadtteilen schlägt sich in seiner ganz eigenen, sprachlichen Abmessung seiner Stadt wieder. Desolate Schulen und kaputte Gesundheitssysteme finden ihren Weg in den Code, wie er seinen Freunden und Verwandten provisorisch zu helfen bereit ist. Die Perspektivlosigkeit dieser Blocks prangt unübersehbar darin, wie unausweichlich das Gangleben nicht nur Von, sondern auch seinen Gästen erscheint. Polo G, Lil Durk, Moneybagg Yo und Fivio Foreign melden sich für düstere Drill-Banger, und jeder von ihnen, egal wie wohl-etabliert in der Szene er nun auch sein mag, teilt eine grimmige Sympathie für die alles dominierenden Umstände dieser Subkultur.

Es hat einen Grund, warum Drill Anfang des Jahrzehnts als Graswurzelbewegung eine ganz eigene Form des Straßenraps entstehen ließ. Drill ist keine Rapkultur des Beobachtens und Reflektierens, sondern eine Rapkultur des Teilhabens. Nicht umsonst verbreitete sie sich vor allem durch virale Medien in den Highschools dieser Bezirke, wo die Wirklichkeit und das Teilhaben an diesem Lebensstil fast allen Hörern ebenso unausweichlich scheinen.

"Ihr solltet mich zu schätzen wissen, solange ich noch da bin", sagte Von erst vor wenigen Wochen auf Instagram. Die Ironie ist zu bitter, um sie wirklich begreifen zu können. Nach all den Todesfällen, die in den vergangenen Jahren Rap geschockt haben, geht dieser erschlagend unkommentiert ins Land. Schließlich war Von ein MC, der öfter als vom Töten nur vom Sterben gerappt hat. "Welcome To O'Block" zementiert ihm ein mit spartanischer Fratze grinsendes Mahnmal, ein Album, so schwer zu fassen, dass man sich wünscht, die darin verhandelten Inhalte wären doch nur sehr makabere Kunst.

Trackliste

  1. 1. Armed & Dangerous
  2. 2. GTA
  3. 3. Demon
  4. 4. Mine Too
  5. 5. The Code (feat. Polo G)
  6. 6. Why He Told
  7. 7. Back Again (feat. Lil Durk & Prince Dre)
  8. 8. Gleesh Place
  9. 9. All These N*ggas (feat. Lil Durk)
  10. 10. Can't Relate
  11. 11. Mad At You (feat. Deezy)
  12. 12. Ain't See It Coming (feat. Moneybagg Yo)
  13. 13. I Am What I Am (feat. Fivio Foreign)
  14. 14. Ride
  15. 15. How It Go
  16. 16. Wayne's Story

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LAUT.DE-PORTRÄT King Von

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7 Kommentare mit 73 Antworten

  • Vor einem Jahr

    Naja, ein idiotischer Mikrokosmos frisst seine Kinder, würde ich sagen...

    • Vor einem Jahr

      Ziemlich dumme Aussage, oder?

    • Vor einem Jahr

      Warum? Passiert ähnliches in Deutschland, wo sich zb rivalisierende Clans oder Bikergangs gegenseitig verhöhnen oder über den Haufen schießen, hält sich eure Empathie auch in Grenzen. Zurecht. Musik und Habitus sind anders, aber der Kern ist der Gleiche.

    • Vor einem Jahr

      Und statt Verständnis zu haben für diese Ideologie bräuchte es wieder ein Regulativ, das im Stile früherer Conciousrapper predigt, dass man immer eine Wahl hat. Schimpf mich wieder Hänger, aber das find ich deutlich sinniger.

    • Vor einem Jahr

      Nee, hat Nix mit "Hänger" zu tun und natürlich ist diese Kultur beschissen. Aber ich bin der Meinung, dass man das nur sehr begrenzt mit irgendwelchen Idioten in Deutschland vergleichen kann, da die Ausgangslage einfach eine Andere ist.

    • Vor einem Jahr

      Die Ausgangslage für derartige Kleinkriege sind immer Armut, Perspektivlosigkeit und soziale Verkümmerung, oder?

    • Vor einem Jahr

      Bin da bei MannIN. Dieser idiotische Mikrokosmos besteht so schon seit Jahrzehnten und teilweise sind schon die Großeltern in diesen Gangs oder deren Ablegern gewesen. Ganze Familien sind seit Generationen dadurch geprägt. Die haben alle unglaublich viele Verluste durch die Gewalttaten erlitten, was die Spirale immer weiter fortführt. Das ist nicht so einfach zu durchbrechen. Dazu kann man dem ganzen auch schwer entkommen, wenn man keinen Abschluss, kein Geld und auch keine Ziele hat. Das kann man nicht mit den Gegebenheiten hier vergleichen.

    • Vor einem Jahr

      Ich vergleiche es nicht komplett mit hier, aber mir fehlt da der Ansatz für mehr Empathie. Nur zu sagen dort werden die vom Staat Vergessenen in einem Zugehörigkeitsgefühl und einem kruden Wertekanon aufgefangen/sozialisiert und daher können sie sich dem schwerlich entziehen, ist mir etwas zu einfach. Dennoch gab und gibt es ja zu allen Zeiten Menschen, die ihre negative Erlebniswelt in etwas Positives kanalisiert haben und damit sogar sinnstiftend für andere waren.

    • Vor einem Jahr

      Ich verstehe eure Argumente aber auch, so isses nicht. Was da drüben (hausgemachter Weise und mit viel Anlauf) abgeht, kann uns nur mahnendes Beispiel sein.

    • Vor einem Jahr

      ...und sieht man ähnlich (aber nicht gleich) ja zT auch in unserem Nachbarland jenseits des Rheins.

    • Vor einem Jahr

      Von den vom Staat Vergessenen zu sprechen ist scon hart euphemistisch. Wohl eher von den vom Stast Unterdrückten, von der Gesellschaft Ausgegrenzten und von der Justiz Versklavten. Der Vergleich mit Deutschland hinkt nicht nur ein wenig, er ist mindestens beidseitig beinamputiert, unterhalb der Hüfte.

    • Vor einem Jahr

      Naja CAPS, wenn Common und Talib ein nices Concious Albung droppen würden, dann würde das schon Alles ganz schnell vorbeigehen. ;)

    • Vor einem Jahr

      Wo du es schon ansprichst:

      "Und statt Verständnis zu haben für diese Ideologie bräuchte es wieder ein Regulativ, das im Stile früherer Conciousrapper predigt, dass man immer eine Wahl hat."

      Welche Wahl hat denn ein junger Schwarzer, der zum Beispiel in East Baltimore geboren und aufgewachsen ist?

    • Vor einem Jahr

      Dennoch ist jeder Mensch für sein Schicksal oder zumindest für das Ausleben von Gewalt ein Stück mitverantwortlich und Vergleiche sind natürlich nie Projektionen, sondern immer in Relation zu betrachten, heißt im Kern bleibe ich dabei. Seine Empathie zu selektieren find ich nicht weniger euphemistisch, harte Schicksale wird es hier in Brennpunkten ebenso geben, über die macht man sich aber gerne als talentlose Asis lustig, wie gesagt teils zurecht. Ich sehe da durchaus Analogien. Zudem sind zb Islamisten auch nicht von grundauf schlecht, sondern wurden so sozialisiert und konnten sich der Ideologie schwerlich entziehen. Macht es das besser?

      Natürlich kann positive Musik helfen, sofern sie diese Menschen erreicht und es schafft, eine Identifikation herzustellen. Die Negativität ihrer eigenen Musik kann ja auch die Gewaltspirale weiterdrehen ;)

    • Vor einem Jahr

      Natürlich wird es ungleich schwerer, wächst man in seit Dekaden bestehende repressive Verhätnisse hinein. Nur ist dieses Problem vielerseits hausgemacht, Aktion und Reaktion sind interpretierbar oder werden unterschiedlich ausgelegt, je nach Perspektive. Es kann also auch nur durchbrochen werden, wenn ein multilateraler Anfang gemacht wird. Und da kann jeder nur bei sich selbst Anfangen.

    • Vor einem Jahr

      Grundsätzlich halte ich dich wirklich für einen Guten, aber hier schwurbelst du nun wirklich ziemlich viel. ;)
      Was für ein Problem ist denn "hausgemacht"?
      Was ist denn ein "multilateraler Anfang"?

    • Vor einem Jahr

      "Aktion und Reaktion sind interpretierbar"
      Ja, das mag im Detail vielleicht so sein. Aber ich werde da bestimmt nichts ruminterpretieren, denn eine Sache ist nicht interpretierbar: dass die Wirtschaftskraft der sich USA komplett auf Sklaverei gründet. Und ich halte in der Regel nicht viel von identitätspolitischen Sprechverboten, aber in dem Fall muss ich sagen: da halte ich als Weißer gepflegt den Kopf geschlossen. Wenn da jemand was interpretieren will, dann sollte das Schwarze Community sein. Alles andere empfinde ich als ziemlich übergriffig.

    • Vor einem Jahr

      Empathie ist immer selektiv, das hat mit Euphemismen nichts zu tun. Ich würde hier aber eher von Verständnis für Motivation und Handeln sprechen, auch wenn im Ergebnis auf das gleiche hinausläuft.
      Ich denke, wir bewerten die Voraussetzungen einfach unterschiedlich. Chicago ist mMn nochmal etwas anderes als der Rest der USA.

      Fundamentalisten aus Wasiristan haben auch mein Verständnis, Fundamentalisten aus Hannover dagegen weniger ;)

    • Vor einem Jahr

      Naja, aber Hannover ist schon auch richtig schlimm. :lol:

    • Vor einem Jahr

      Aber zu dieser schwarzen Community zählen doch auch (auch existierende) wohlhabende Schwarze, deren Wohlstand ebenso auf der Versklavung ihrer Vorfahren in einem annektierten Land fußt. Mir ist das einfach zu viel Schwarz/Weiß, im wahrsten Sinne. Gewaltsprialen enstehen immer durch bi- oder multiliterale Animositäten und Ressentiments und die stärkere Partei, hier die Staatsgewalt, wird nie der Agitator für eine positive Wende sein. Mehr sag ich doch gar nicht. "Hausgemacht" im Sinne von seit Jahrzehnten verhärteten Fronten ohne den Willen zum Dialog auf irgendeiner Seite. Ähnlich wie hier Integration leider ewig eine Chimäre bleiben wird. Ja, hinkt, aber ich hoffe ihr checkt den Ansatz.

    • Vor einem Jahr

      "Grundsätzlich halte ich dich wirklich für einen Guten" - na, wenn das nicht mal ein Ritterschlag ist. Da kann der gute Chris aber mal erleichtert durchatmen.

    • Vor einem Jahr

      wenn die bösen einen als "gut" adeln, sollte man seinen moralischen kompass neu justieren. ^^

    • Vor einem Jahr

      gib acht junger padawan, darth mannIN will dich in seinem team.

    • Vor einem Jahr

      Wenn man nichts beizutragen hat, einfach mal.... Usw.

    • Vor einem Jahr

      @Chris: Ich glaube nur du redest hier von "dieser schwarzen Community". ;) Natürlich gibt es Schwarze, die dieser Spirale entkommen sind, aber wenn Du halt wie o.g. in East Baltimore als Kind eines gangbangenden Crackers auf die Welt kommst, dann ist von klein auf die "Karriere" schon ziemlich vorgezeichnet in den allermeisten Fällen. Das was Güldi oben zum Thema "Wirtschaftskraft aus Skalverei" schreibt bezieht sich vmtl nicht auf die klassische Skalverei, sondern auf Prsion-Industry usw...bitte korrigieren, falls ich falsch interpretiert habe. :D

    • Vor einem Jahr

      "Naja, aber Hannover ist schon auch richtig schlimm. :lol:"

      Kann ich bestätigen!
      :ill:

      Was issen am Team Darth MannIn schlimm?

      #teamDarthMannIn

    • Vor einem Jahr

      Gueldener hat doch von der "schwarzen Community" und deren Deutungshoheit gesprochen. Hatte das nur aufgegriffen und meine Sicht dazu geschildert. Sollte dies auf den PIC bezogen gewesen sein, dann bin ich da eher bei euch.

      Natürlich kommt nicht jeder mit denselben Chancen zur Welt. Selbst in diesem Wohlstandsland nicht und global erst recht nicht. Traurig, ungerecht und wahr. Dennoch gab es seit jeher auch im Prekariat helle Köpfe, die die Prädestination durchbrochen oder anderen Mut gemacht haben, für heere Ideale einzutreten. Insofern find ich meinen Ausgangsaphorismus immernoch passend.

      Mein größtes Problem ist ehrlicherweise wahrscheinlich, dass es für mich Ohrenkrebs mit dümmlichen Inhalten bleibt und hier eher als Katalysator denn als Ventil fungiert.

      Ideal natürlich als Zeitzeuge einer kaputten Gesellschaft, das stimmt schon.

    • Vor einem Jahr

      "Dennoch ist jeder Mensch für sein Schicksal oder zumindest für das Ausleben von Gewalt ein Stück mitverantwortlich"

      Das ist mir zu philosophisch, lässt sich nicht eindeutig sagen.

      "Vergleiche sind natürlich nie Projektionen, sondern immer in Relation zu betrachten, heißt im Kern bleibe ich dabei"

      Vergleiche funktionieren nur bei genügend Ähnlichkeit. Du schreibst ja oben:
      "Passiert ähnliches in Deutschland, wo sich zb rivalisierende Clans oder Bikergangs gegenseitig verhöhnen oder über den Haufen schießen, hält sich eure Empathie auch in Grenzen. Zurecht. Musik und Habitus sind anders, aber der Kern ist der Gleiche."
      Wenn du wirklich glaubst, dass der Kern der Gleiche ist, dann weißt du bestimmt nicht gerade viel über Black History in den Staaten. Kriminelle Clans in Deutschland sind evtl mit italienischer Mafia zu Beginn des letzten Jahrhunderts u.ã. vergleichbar, und Biker Gangs mit Biker Gangs. Die Kerne sind vollkommen andere.

      "harte Schicksale wird es hier in Brennpunkten ebenso geben, über die macht man sich aber gerne als talentlose Asis lustig, wie gesagt teils zurecht. Ich sehe da durchaus Analogien."

      Ja, ne. In den USA gibt es ein hartes Kollektivschicksal, und zwar die systemische Unterdrückung der schwarzen Minderheit.

      "Zudem sind zb Islamisten auch nicht von grundauf schlecht, sondern wurden so sozialisiert und konnten sich der Ideologie schwerlich entziehen. Macht es das besser?"

      Ersteres ist wieder recht philosophisch, und wie bereits von anderer Seite angedeutet, es macht das ganze "besser", wenn es durch Gewalt und Gehirnwäsche bedingt entsteht. Denn dann kann man davon ausgehen, dass es bei Änderung der Umstände nicht geschieht.

      "Natürlich wird es ungleich schwerer, wächst man in seit Dekaden bestehende repressive Verhätnisse hinein."

      Im Fall USA sind es aber nicht Dekaden, sondern mittlerweile Hektoden.

      "Nur ist dieses Problem vielerseits hausgemacht, Aktion und Reaktion sind interpretierbar oder werden unterschiedlich ausgelegt, je nach Perspektive. "

      Alles kann unterschiedlich interpretiert und ausgelegt werden, aber du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass die Schwarzen in den USA selbst an die Nase fassen müssen, gucken was SIE hätten besser machen können, oder?!

      "Es kann also auch nur durchbrochen werden, wenn ein multilateraler Anfang gemacht wird. Und da kann jeder nur bei sich selbst Anfangen."

      Nein, das kann nur durch institutionelle Änderungen erreicht werden. Wie kann ein multilateraler Anfang gemacht werden, wenn die eine Gruppe die andere seit Jahrhunderten unterdrückt?

      "Natürlich kann positive Musik helfen, sofern sie diese Menschen erreicht und es schafft, eine Identifikation herzustellen. Die Negativität ihrer eigenen Musik kann ja auch die Gewaltspirale weiterdrehen "

      Das ist nicht Köln Chorweiler, wo Murat oder Vinoud vom Arge-Sachbearbeiter passiv-aggressiv fertig gemacht und von der Kassiererin im Netto latent frremdenfeindlich des Diebstahls bezeichnet und sich alle paar Jahre mal ein Asylant sich selbst im Polizeigewahrsam in Brand steckt (so schlimm das schon alles ist), da kann in den falschen Vierteln jeder Tag dein letzter sein und außer an der Ecke ticken gibt es sehr wenig, womit man sein Lebensunterhalt sichern kann. Es gibt keine Polizei, die dir hilft, die kommen nur um dich zu verprügeln, oder schlimmeres. Früher oder später landet jeder im Knast oder auf dem Friedhof. Positive Musik kommt da bei keinem an. Die hören wütende oder traurige Musik, wie Vince Staples, Kendrick Lamarr oder Brandon Banks. Oder Realitätsfluchtmusik.

      "Aber zu dieser schwarzen Community zählen doch auch (auch existierende) wohlhabende Schwarze, deren Wohlstand ebenso auf der Versklavung ihrer Vorfahren in einem annektierten Land fußt."

      Das ist doch nur ein Strohmann. Klar, es gibt reiche Schwarze, aber unter den Reichen sind Schwarze stark unterepresentiert und werden immer noch unterdrückt, auch wenn das im Vergleich erträglicher erscheint,
      "They call me nigga, until I fill my pockets/ then they call me mister nigga and follow me while shopping"

      " Mir ist das einfach zu viel Schwarz/Weiß, im wahrsten Sinne. Gewaltsprialen enstehen immer durch bi- oder multiliterale Animositäten und Ressentiments"

      Aussagen, die vorgeben immer zu gelten, sind, abseits der Mathematik, problematisch. Welchen unterdrückten Bevölkerungsgruppen könnte man da alles eine Mitschuld für ihr Schicksal geben?

      "und die stärkere Partei, hier die Staatsgewalt, wird nie der Agitator für eine positive Wende sein."

      Für eine psositive Wende braucht es keine Agitation, sondern Intiation. Es gibt einiges, was von Seiten des Staates, der Staaten, getan werden müsste.

      "Mehr sag ich doch gar nicht. "Hausgemacht" im Sinne von seit Jahrzehnten verhärteten Fronten ohne den Willen zum Dialog auf irgendeiner Seite. Ähnlich wie hier Integration leider ewig eine Chimäre bleiben wird. Ja, hinkt, aber ich hoffe ihr checkt den Ansatz."

      MLK rotiert im Grab.

    • Vor einem Jahr

      "Mein größtes Problem ist ehrlicherweise wahrscheinlich, dass es für mich Ohrenkrebs mit dümmlichen Inhalten bleibt und hier eher als Katalysator denn als Ventil fungiert."

      :D

      @Para: Bitte einfach Faketrolle ignorieren, sie sind es nicht wert. ;)

    • Vor einem Jahr

      #TeamDarthMannIN ist das wert!

    • Vor einem Jahr

      :lol: Para bester Mann, wie gewohnt.

    • Vor einem Jahr

      @ManIn: Nee, ich habe damit schon ganz konkret die "klassische Sklalverei" gemeint. Denn die ganze USA, wie wir sie heute kennen, wäre ohne die Profite der Baumwollindustrie so nicht möglich gewesen. D.h. alles, was dieses Land ausmacht, die ganze DNA dieser Nation, fußt auf der systematischen Ausbeutung Schwarzer Menschen. Das ist für mich ein Umstand, der mit nichts, mit keinem anderen Land, mit keiner anderen Gesellschaft, zu vergleichen ist. Und was das für eine Schwarze Person in diesem Land bedeutet, das kann ich mir als Weißer vielleicht noch irgendwie intelektuell erschließen, aber das kann ich unter keinen Umständen wirklich nachvollziehen. Und deswegen verbietet sich für mich da auch eine Kritik dran.
      Oder um es mit dem weisen Bruder Caps zu sagen: "du willst mir doch nicht ernsthaft erzählen, dass die Schwarzen in den USA selbst an die Nase fassen müssen, gucken was SIE hätten besser machen können, oder?!"

    • Vor einem Jahr

      Also wenn sich Chris‘ Punkt auf ein schlichtes „Auch die widrigsten Umstände entlassen den Einzelnen nicht (gänzlich) aus seiner moralischen Verantwortung“ runterbrachten lässt, gibts da mMn nicht viel dran zu bemängeln
      #teambäcker

      Widerspricht doch deiner Skizze vom schwarzen Leben in Amerika auch gar nicht zwangsläufig, oder Caps?
      Der von dir angeführte Kendrick Lamar hat mit dem hier auch jüngst wieder (zurecht) abgefeierten GKMC mbMn übrigens ja durchaus ein Statement in diesem Sinne abgegeben...

    • Vor einem Jahr

      @Caps: In vielen Punkten denken wir doch sehr kongruent. Die Polemik "MLK rotiert im Grab;...dann weißt du nicht viel über Black History" etc würde ich mir sparen, denn genau daran kranken Diskussionskulturen in Foren. Ansonsten verstehe ich viele deiner Einwände, finde aber, dass ich da nicht weit von weg bin, weiß jedoch nicht, wie ich es noch deutlicher machen kann. Für mich sind eben tradierte Gewaltspiralen auch von Minderheiten zu durchbrechen, und wenn nur ein Anfang im Geiste gemacht wird. Wenn nicht gegenüber der repressiven Obrigkeit, dann immerhin gegenüber sich selbst. Institutionell ändert sich doch aus Eigenantrieb nie etwas. Gewalt und Verrohung in Musik und Habitus fördern aber nur Selbstdestruktion, zementieren den IST-Zustand und affirmieren die (Konsens: sündige) Gegenseite und vllt als negativen Nebeneffekt auch die öffentliche Wahrnehmung zu ihren Ungunsten.

    • Vor einem Jahr

      Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

    • Vor einem Jahr

      Ich liebe euch alle!!! ♥ ♥ ♥ :kiss: :kiss: :kiss: auf eure Eicheln

  • Vor einem Jahr

    RIP VON
    In der Falle geboren, in der Falle gestorben

  • Vor einem Jahr

    Gute Review, Yannik. Bringst das Dilemma gut auf den Punkt. Diese Mischung aus Social Media, Gang culture und Rap ist einfach nur absurd.
    Man mag gar nicht glauben, dass das alles real ist. Das ist auch der Grund, warum man Drill nicht nach normalen Rapmaßstäben beurteilen kann, weil die Motivation und Umstände nochmal ganz andere sind.

    Von selbst war nicht der beste, aber wohl der notorischste Rapper und an dieser Gewalttspirale auch abseits von Rap nicht ganz unschuldig. Hätte auch eher erwartet, dass er bei einem Besuch in Chicago in Schwierigkeiten gerät - als Rache für Duck - aber da war er wohl zu sehr auf der Hut.

    @Yannik
    Wooski lebst, du verwechselst ihn wahrscheinlich mit Dooski, auf dessen Beerdigung er in den Kopf geschossen wurde.