Der britische Musikjournalist und Autor Simon Reynolds beschreibt in "Rip It Up And Start Again" erstmals umfassend die musikalischen Entwicklungslinien direkt nach Punk.
Konstanz (mmö) - Was viele als eine übergangslose Zeit zwischen der überpolitisierten DIY-Attitüde des Punk und dem ichbezogenen Hedonismus der Achtziger in Erinnerung haben, war in Wirklichkeit eine Ära hochinteressanter musikalischer Experimente. Das Buch ist im Hannibal Verlag jetzt auf Deutsch erschienen.
Die Originalausgabe von "Rip It Up And Start Again - Postpunk 1978-1984" erschien bereits 2005 bei Faber And Faber (Taschenbuch, 624 Seiten, €13,95). Das Q Magazine urteilte damals: "Diese bemerkenswerte und perfekt abgestimmte kulturgeschichtliche Abhandlung ist eine Pflichtlektüre." Womit der Rezensent nicht Unrecht hat.
Wer popkulturell interessiert ist und erfahren möchte, was ab 1978 aus Punk geworden ist, findet in Reynolds' Wälzer Antworten auf alle Fragen. Der Autor zeigt Entwicklungslinien, Parallelen und Unterschiede auf, stellt die wichtigsten Protagonisten (z.B. Malcom McLaren, der berüchtigte Manager der Sex Pistols, John Lydon, der Frontmann der Pistols und von Public Image Ltd. oder Trevor Horn, Superproduzent der New Romantic Bewegung) heraus.
Dabei bettet er die verschiedenen Akteure, ihre Bands und ihr Schaffen, in den größeren Kontext ein. Wie kann man das Ska-Revival um das legendäre 2-Tone-Label oder die Anarchosyndikalisten von Crass verstehen, ohne die gesellschaftspolitischen Umstände des Thatcher-Großbritanniens zu kennen? Wie ordnet man die Hardcore-Bewegung in den USA ohne das Wissen um die machtpolitischen Wagnisse eines Ronald Reagan ein?
Reynolds schreibt dabei stets unterhaltsam, manchmal sogar witzig, so dass der Leser den Schinken gerne vom eröffnenden "Ever get the feeling you've been cheated?" bis zur abschließenden Spiegelung des Ausspruchs von Johnny Rotten aka John Lydon verschlingt. Die deutschsprachige, jetzt im Koch International/Hannibal-Verlag erschienene Ausgabe (Gebunden, 576 Seiten, €29,90) ist um ein Vorwort von Klaus Walter (Mitautor des Popdiskursprotokolls "Plattenspieler") erweitert und von Conny Lösch vorzüglich übersetzt.
Und so ist "Rip It Up And Start Again", im Deutschen mit dem Zusatz "Schmeiss Alles Hin Und Fang Neu An" versehen. Wie radikal der Neuanfang mitunter war, deutet schon das erste Kapitel über Public Image Limited an, die Experimentalband um Ex-Pistols-Frontmann John Lydon. Aber auch Devo, Gang Of Four oder die diversen Projekte des Oberfreaks Genesis P. Orridge zeigen auf, was damals alles möglich war.
Auf seiner Reise von '78 bis Anfang 85', als "alle vom Punk abgeleiteten Spielarten [...] sich entweder in einer Sackgasse [befanden] oder [ins] Nichts [liefen]," geht Reynolds allerdings nicht chronologisch, sondern nach Genres vor und hangelt sich gekonnt an bestehenden Zusammenhängen entlang.
So lernt der wissbegierige Leser einiges über Bands, die heute immer noch als Referenzpunkte für innovative Künstler gelten: Devo, Talking Heads, Joy Division, Throbbing Gristle oder The Fall. Aber auch heute fast vergessene Bands wie Pere Ubu, Magazine, The Slits oder Scritti Politti werden ausgiebig beleuchtet.
Entsprechend ist von Industrial über EBM bis hin zu New Romanticism eigentlich alles vorhanden, was damals auch nur den Hauch des Innovativen versprühte. Für den Entdeckergeist ein wahres Lesevergnügen.
10 Kommentare
klingt ehr interessant und der reynolds ist ein ganz lustiger schreiber. hat auch so ein buch über techno verfasst. kannst du mir das buch mal ausleihen? danke, bussi.
die deutsche ausgabe hab ich gekriegt, da der mölli ja immer einen auf native speaker macht. ich kanns dir aber gern leihen, wenn ich 2009 damit fertig bin (lese ja jede nacht nur etwa 2 seiten ...)
kannst ja mal zwischen windeln wechseln und fläschchen geben aufbleiben, dann schaffst auch vier.
ganz schön schlau dein töchterlein! hat sie das vom vater?
von dem hat zumindest mal die musikalische früherziehung gefruchtet, denn sie übt schon morrisseys pathos-jaulen. ich bin entzückt
ist das nicht vielleicht der versuch, manowar zu imitieren?