laut.de-Kritik

Eier! Dieses TV-Format braucht mehr Eier!

Review von

Vox befindet sich dank der zweiten Ausgabe von "Sing meinen Song – Das Tauschkonzert" wieder im ungeahnten Quoten-Hoch. Was für den Privatsender quotentechnisch der Kilimandscharo, bleibt musikalisch brav auf Feldberg-Niveau. Mit der zweiten Staffel geht Vox wieder auf Nummer sicher und wirft dem interessanten Konzeptkarren große Steine in den Weg. Der Einzige, der mit Spitzhacke bewaffnet diese wenigstens aus dem Weg zu räumen versucht, ist wieder mal das unbekannte Gesicht.

Was dem Fan der ersten Staffel noch ein Gregor Meyle, das ist uns nun also Daniel Wirtz. Der Vollbartträger sticht nicht nur optisch durch Tattoos und geweitete Ohrlöcher aus dem Teilnehmerfeld heraus. Auch musikalisch bleibt er mit gitarrenlastigen Rock-Varianten wie "Du Hast Mein Herz Gebrochen" der einsame Leuchtturm im Schmalz-Pop-Meer. Darin schwimmen in Staffel Zwei Yvonne Catterfeld, Christina Stürmer, Andreas Bourani, Sebastian Krumbiegel und Tobias Künzel von den Prinzen und Pur-Frontmann Hartmut Engler. Garniert wird die Sahnetorte der Eintönigkeit von der Reichsbürger-Kirsche Xavier Naidoo, der als Gastgeber mal wieder vors lauschige Lagerfeuer in Kapstadt lädt.

Die Krux an der zugehörigen Platte ist vor allem die Songauswahl. Klar, Vox muss fair bleiben: Jeder Künstler ist zwei Mal dran, jeweils als Interpret und zu Interpretierendem. Wer die Sendung verfolgt hat, vermisst dabei schnell einige Stücke. So schafft es zum Beispiel Andreas Bouranis schnarchnasige Version des sowieso schon schnarchnasigen "Schlaflieds" von den Prinzen in die Best-Of-Sammlung, nur weil Tobias Künzel davon so gerührt war, dass er die Version zum "Song des Abends" wählte. Die hervorragend rockige Wirtz-Interpretation von "Millionär" bleibt dafür auf der Strecke.

Das Beispiel macht auch deutlich, was in der zweiten Staffel von "Sing meinen Song" das große Problem bleibt: Die Teilnehmer. Der ganze Sinn eines Coversongs ist doch, den Original-Song in einer ungewohnten Fassung mit andersartigem Sound wiederzugeben. Am spannendsten gerät das beim Sprung zwischen den Genres, wie schon Denyo bei "Cover my Song" großartig vormachte, als er Schlagerstars auf Rapper los ließ. Wenn aber Christina Stürmer "Pendel" von Yvonne Catterfeld neu einsingt, geht der Sinn einer Coverversion komplett verloren. Nicht nur die beiden sind sich musikalisch zu nahe. Sowohl Catterfelds Version von Bouranis "Hey", oder eben Bouranis Prinzen-"Schlaflied" funktionieren nicht.

Bis auf wenige Ausnahmen zieht sich das durch den kompletten Langspieler. Gastgeber Naidoo liefert mit seiner Version von Stürmers "Mitten Unterm Jahr" eine Einschlafgarantie, auch sonst prägen die "Sing meinen Song"-Sammlung hauptsächlich ruhige Balladen.

So richtig unerträglich wird es aber erst, wenn Hartmut Engler zum Mikrofon greift. Dann weicht die zuvor gleichgültig gelangweilte Stimmung dem unaufhaltsamen Reflex, die Kopfhörer und am besten gleich den ganzen PC im Bodensee zu versenken. Der Pur-Frontmann reizt nicht nur in jeder Folge mit seinen überspielten Darbietungen und Schweins-Grunzern die Schamgrenze aus, auch seine zwei Coverversionen "Millionen Lichter" (Stürmer) und "Overkill" (Wirtz) lassen eine ungute Mischung aus Übelkeit und Fremdscham in mir aufsteigen.

Der selbsternannte "Ganzkörpersänger" legt in jede Silbe möglichst viel Pathos, als wolle er beweisen, wie berührt und ergriffen er doch ist. Catterfeld und Co. tun gut daran, Herrn Engler vielleicht mal einen Rat mit auf den Weg zu geben: Manchmal ist weniger mehr. Statt Boyband-artigen "Yeahs" und "Oohs" am Ende jeder Zeile und dem übertriebenen Genöle sollte der Pur-Sänger sich einfach mal auf das konzentrieren, worauf es ankommt: Singen.

Zwischenzeitlich beschleicht einen das Gefühl, er wolle mit seinem Theaterspiel seine mangelnden Gesangskünste übertünchen. Das hat Naidoo bekanntlich nicht nötig. Beim Wirtzschen "Frei" offenbart das Album neben den wenigen gelungenen Covern noch eine zweite Stärke: Zwar wird hier nicht viel am Soundbild des Originals gebastelt, einen Xavier Naidoo aber zur Abwechslung mal auf Gitarrenriffs und harten Basslines, statt auf ruhigem Pop-Gedudel zu hören, macht dann doch Spaß. Genauso gut funktioniert Catterfeld bei ihrem Prinzen-Medley "Küssen Verboten/Alles Mit'm Mund". Die brave Brünette packt ihre verführerische Seite aus und landet damit einen Volltreffer.

Weit neben das Ziel schießen dagegen die Prinzen mit ihren wenig überraschenden Sing-Sang-Versionen von Bouranis Durchbruch-Hit "Nur In Meinem Kopf" und "Wenn Du Schläfst" von den Söhnen Mannheims. Da Naidoo sein Liedgut schon in der ersten Staffel verbraten hat, stellt er dieses Mal die Songs seiner Band zur Verfügung. Der im Radio längst totgespielte Bourani-WM-Soundtrack "Auf Uns", bei dem sich alle Teilnehmer noch mal die Ehre geben, bildet dann den Abschluss der Platte und weckt, mit Akustik-Gitarre im Hintergrund, den Eindruck, den man eigentlich während des kompletten Langspielers verspürt. Gut gemeint, aber schlecht umgesetzt.

Nach der letzten Ausgabe von "Sing meinen Song" bzw. dem "Weihnachtskonzert" schlugen die Hoffnungen auf spannende Cover nicht gerade Purzelbäume. Trotzdem überwiegt auch bei Volume 2 die Enttäuschung. Vox braucht, was Oliver Kahn so glaubhaft wie kein anderer fordert: "Eier". Mit etwas mehr Mut bei der Auswahl des Teilnehmerfelds könnte aus diesem Konzept tatsächlich eine interessante Musikshow erwachsen. So aber bleibt nur die Hoffnung, dass das erfolgreiche Format auch nächstes Jahr wieder so einen wie Wirtz ausgräbt, der das Ganze zumindest halbwegs erträglich macht. Wenn wir schon Naidoo als Gastgeber erdulden müssen, dann doch bitte neben Musikern, die das Konzept bereichern.

Trackliste

  1. 1. Du Hast Mein Herz Gebrochen
  2. 2. Pendel
  3. 3. Hey
  4. 4. Nur In Meinem Kopf
  5. 5. Schlaflied
  6. 6. Küssen Verboten/Alles Mit'm Mund
  7. 7. Millionen Lichter
  8. 8. Mitten Unterm Jahr
  9. 9. Funkelperlenaugen
  10. 10. Wenn Sie Diesen Tango Hört
  11. 11. Overkill
  12. 12. Frei
  13. 13. Volle Kraft Voraus
  14. 14. Wenn Du Schläfst
  15. 15. Auf Uns

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8 Kommentare mit 21 Antworten

  • Vor 7 Jahren

    Frag dich nicht, was "Sing meine Song" für dich tun kann...

  • Vor 7 Jahren

    Leider stammen hier alle "Künstler" aus der selben Deutsch-Pop/Rock/Schlager-Ecke. Wäre ein wenig interessanter gewesen, wenn man zumindest versucht hätte, Interpreten unterschiedlicher Musikrichtungen zusammenzubringen - das hier ist leider völlig belanglos.

    Xavier kann ja beim nächsten mal ein paar Landser-Lieder trällern....

    • Vor 7 Jahren

      Ahoi Freibeuter!

      Dem kann ich mich anschließen auch wenn der Witz am Schluss recht fad ist.

    • Vor 7 Jahren

      Ich möchte jetzt nicht von "Resterampe" sprechen, aber das sind (bis auf Bourani) alles Musiker, die ihre besten Zeiten hinter sich haben (oder sie noch nie hatten, auch wenn ich Wirtz sehr mag).
      Klar wäre es reizvoller, Andrea Berg "Lass die Affen ausm Zoo" interpretieren zu lassen. Oder Till Lindemann "How much is the fish?!". Oder Max Raabe "Keine Amnestie für MTV". Nur, die kriegste eben nicht.
      Der Sender muss sich mit abgelaufenem Rock/Pop zufrieden geben, da ist das jetzige Teilnehmerfeld wohl das höchste der Gefühle. Fehlt eigentlich nur Laith Al-Deen.

  • Vor 7 Jahren

    Habe zufällig zwei mal kurz reingelinst in diese Sendung des Teufels: Größtmöglicher Schmutz, größtmöglicher Fremdscham.

  • Vor 7 Jahren

    Ich finde es erschreckend wie viele eindimensionale Menschen es gibt, die anscheinend jeder Verschwörungstheorie glauben schenken sobald ihr Popidol eben jene verkorkste Meinung vertritt.

    Die Musik finde im übrigen grausig, aber das ist ja Geschmackssache.

    Achja bevor jetzt Reichsbürger kommen und mich bekehren wollen, ich bin bestens bewandert mit der deutschen Geschichte von 1886 bis heute und ich habe keine Lust auf verblödete Debatten.

  • Vor 7 Jahren

    Selbst wenn man die "Xavier-Reichsbürger-Brille" abzieht und sich nur auf die musikalischen Aspekte des Formats konzentriert, kommt bei der Sendung nichts rum. Promo-Schrott für Weichspül-Pop und das noch mit unerträglichen Künstlern. Schade, das Konzept ist eigentlich vielversprechend, wobei mir die Umsetzung mit den Schlagerstars und Rappern damals mit Denyo besser gefallen hat.

  • Vor 7 Jahren

    Könnte man den Engler nicht gleich im Bodensee mitversenken ? Oder wär das nicht fair gegenüber den Wassertieren !