laut.de-Kritik

Alt-Punks am Apotheken-Tresen.

Review von

Es bleibt alles scheisze. Die Nazis. Die Leute, die neuerdings gerne links reden, aber doch weiter rechts leben. Querdenker als Freidenker getarnt, rechte Whatsapp-Gruppen im Polizei-Apparat. Die Liste ginge eigentlich noch ewig weiter und weiter. Ein Glück, dass Egotronic auch noch existiert und den ganzen Stumpfsinn erträgt. Da darf die Musik auch seit zwanzig Jahren relativ gleich klingen, aber Torsun Burkhardt und seine Kollegen haben sich auch nie als musikalisch versierte Prog-Rocker begriffen.

"Raven gegen Deutschland" muss zuerst den Arsch ansprechen und am Schlusz die woken Slam-Poetry-Studenten, die auch nur viel reden und schluszendlich lieber über verschimmelte Milch im Kaffee weinen. Ja sorry, dann müssen eben wieder ein paar Vierzigjährige übernehmen, wenn ihr einen Beamten-Beruf als Traumberuf angebt und AnnenMayKantereit und Lea den Soundtrack dazu liefern.

Doch auch Egotronic lassen es auf dem zehnten Album ruhiger angehen. So richtig wuchtig klingt nur "Lauf, Bulle, Lauf", dasz den neurechten Arm des Staates ins Visier nimmt. Und doch erkennt man das Ärzte-Zitat aus "3-Tage-Bart" binnen Sekunden. Das bisschen Pop-Einschlag tut den 8-Bit-Punkern überraschend gut und mit Andreas Dorau, schon lange ein Idol von Sänger Torsun, kehrt sogar eine gewisse Milde im Sound ein.

Dabei ist das Thema "Masken" und deren Verweigerung eigentlich mal so gar nicht witzig, doch tatsächlich muss man über die Halloweenverkleidung- und Vermummungs-Verbote lachen. "Es ist weder Halloween, noch Karneval/Doch sind maskierte Menschen überall/Sie verdecken das Kinn, Maske und Mund/Und das aus einem gutem Grund/Traust du dich Menschen zu fragen/Warum sie keine Masken tragen/Die mögliche Antwort willst du gar nicht hören/Sie würde dich nur noch mehr verstören".

In ihrem Agit-Punk steckte halt immer auch eine satirische Poszennreiszerei. Wie in "Jubiläen", das selbstironisch den eigenen Weg vom radikalen Wilden zum grauhaarigen Altersmilde nacherzählt. Alles okay, die jährliche Erinnerung daran überhaupt nicht. "Mögen alle die Jubiläen bitte schnell vorübergehen" singt Wiederholungsgast Dorau das Ständchen zum bitteren Lebensende.

Gestern Punk, heute krank oder anders ausgedrückt: "Der schönste Platz ist anner Apotheke". Anscheinend der neue Szene-Tipp. Eine Hymne an die neue Stammtheke, die uns alle Schmerzen wegnimmt und den Kummer mit Antidepresziva betäubt, war natürlich schon lange überfällig. Die Kids und Hustensaft Jüngling schwören schließlich auch schon auf den freundlichen Dealer aus der Nachbarschaft.

"Dämon" zeichnet den Teufelskreis aus kaputter Psyche und Körper gleich weiter. "Jede Bewegung zu viel erscheint / Ich nur liegen bleib' / Schmerz in den Wahnsinn treibt/Jeden Tag weinen / Nicht mehr wollen, nicht mehr können / Pillen, Fernsehen, viel penn'". Dasz so eine Zeile die juvenile Punk-Mosher in der Blüte ihres noch zarten Lebens anspricht, dürfte eher nicht mehr der Fall sein, doch die mittlerweile chronische Rheuma-Qual von Torsun fühlen alle. Bock auf Tanzen löst der eigentlich bittere und im Kern gar nicht mal so spaszige Song trotzdem aus, selbst wenn es nun ordentlich in der Leiste zwickt.

Ihr Jubiläum ziehen Egotronic also trotz aller Widerlichkeiten und Widrigkeiten konsequent durch. Gute Beszerung, Egotronic, und bitte nicht aufgeben. Wir tun es dank solcher Alben auch nicht.

Trackliste

  1. 1. Stresz Hoch 20
  2. 2. Nadel Verpflichtend
  3. 3. Meine Hotline
  4. 4. Lauf Bulle, Lauf
  5. 5. Masken (feat. Andreas Dorau)
  6. 6. Auf Arbeit
  7. 7. Der schönste Platz Ist In Der Apotheke
  8. 8. Langeweile
  9. 9. Der Dämon
  10. 10. Schlusz mit lustig
  11. 11. Auf Youtube
  12. 12. Jubiläen (feat. Andreas Dorau)

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