laut.de-Kritik

Melancholischer Folk aus dem Herzen Alabamas.

Review von

Nashville. Das unbestrittene Zentrum von Country und Folk, Heimat der Country Hall of Fame, Produktionsstätte von Elvis Presley, Austragungsort aller großen Festivals des Genres, Standort des Museums zu Ehern von Johnny Cash. Prestigeträchtig und verheißungsvoll, den Sound eines eigenen Albums an einen derartig aufgeladenen Ort zu koppeln, aber gewissermaßen auch schwammig: "Nashville Sound" könnte im Grunde alles bedeuten, das sich im klassischen Kosmos von Country und Folk bewegt.

Für Jason Isbell bedeutet es in erster Linie melancholische Gitarrenmusik im Geiste von Bruce Springsteen, Neil Young oder Ryan Adams. Auf kompakten zehn Titeln spielt der bewährte Songwriter Balladen über die Depression, überwundene und aufkommende Schmerzen und die Hoffnung, die ihn aufrecht erhält. Unterstützt wird er dabei von der 400 Unit-Band, die melodisch wie klanglich auf Albumlänge definitiv abwechslungsreichen und spannenden Sound liefern.

Was zunächst nach einem durchaus vernünftigen Rezept klingt, entpuppt sich recht schnell als wenig anspruchsvoll. Zwar versucht sich Isbell an durchaus ambitionierten Konzepten wie "Anxiety", einer massiven, siebenminütigen Winselei über die beklemmende Weltangst, die tatsächliche Emotionen hinter großen Worten verstecken will. Oder er thematisiert in "White Man's World" systematischen Rassismus und die ethnischen Konflikte Amerikas, wobei allerdings über die Verwendung großer Begriffe hinaus wenig Handfestes gesagt wird.

Besser funktionieren die Stationen, auf denen Isbell gar nicht so viel versucht: "Molotov", "Hope the High Road" und "Tupelo" bewegen sich in bekanntem Country-Fahrwasser, lassen aber allen Interpreten genug Raum, ihre Fachkenntnis unter Beweis zu stellen: Und kommt der entspannte Gesang, das schwärmerische Gitarrenspielen und eine höchst kompetente Backing-Band zusammen, entstehen auf ganz mühelose Art und Weise Songs, die klanglich wie atmosphärisch absolut Spaß machen.

Insgesamt bleibt das Album gewissermaßen also seinem Konzept treu: "Nashville Sound", wie auch immer man das nun im Detail auslegen möchte, das bleibt das Handwerk des Folks. Gute, handgemachte Musik, die sich bestenfalls gar nicht bemüht, neue Wege einzuschlagen, sondern sich in nostalgischer Melancholie suhlt und musikalische Leckerbissen serviert. Ein wenig ernüchternd lässt es dann doch zurück, dass die versuchte Innovation meistens eher ein Klotz am Bein bleibt und Experimente sich weniger auszahlen als das Treubleiben an einer Formel, die bei aller Liebe eben doch nicht die frischeste ist.

Dementsprechend kann man Country-Fans mit einem Einschlag in Richtung Classic Rock definitiv eine Empfehlung für "The Nashville Sound" aussprechen. Ihr Universum wird nicht erschüttert oder entwickelt werden, aber es erwartet sie eine piekfeine Illustration eines musikalisch versierten Melancholikers, der detaillierte Beobachtungen zu verträumten Melodien zum Besten gibt.

Trackliste

  1. 1. Last Of My Kind
  2. 2. Cumberland Gap
  3. 3. Tupelo
  4. 4. White Man's World
  5. 5. If We Were Vampires
  6. 6. Anxiety
  7. 7. Molotov
  8. 8. Chaos And Clothes
  9. 9. Hope The High Road
  10. 10. Something To Love

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