laut.de-Kritik

Schrammelseliger Rock mit Blues und Country.

Review von

Gab es je so etwas wie ein gewöhnliches Neil Young-Album? Nein! Auch nach dem Release von mehr als 60 Werken in knapp 45 Jahren gilt die alte Young-Prämisse: Die stetige Konstante bleibt das Unstete. Seine Tonträger bewegen entweder komplett zum Ärgern oder zum Bewundern. "Fork In The Road" besitzt ein bisschen von beidem.

Auf den ersten Blick könnte man die Platte als Konzeptalbum wahrnehmen. Neils 1957er Lincoln Continental, den er selbst jahrelang im Schuppen zu einem Ökomobil-Prototyp umgebastelt hat, fungiert als Klammer für alle Tracks. Mit diesem Auto fährt er seit zwei Jahren durch Amerika und saugt Impressionen von unterwegs auf, die großen und kleinen Geschichten.

Bei dem alten streitbaren Grantler gerät eine solche Erfahrung typischerweise auch zur Reise ins innere Ich, zur erkenntnisreichen Selbstreflexion. Der Young-typische Cocktail aus donnerndem Zorn und sensibler Sanftmut bleibt dem Hörer glücklicherweise auch auf dieser Scheibe erhalten.

Roh wie frisch geerntete Kartoffeln haut der 63-Jährige uns das Brett um die Ohren, als sei er noch immer 25. Die einzigartige Bratzgitarre des Meisters pflügt auf Albumlänge durchs Notenfeld wie eine Sense, nie wie eine Sichel. Zerbeulter, schrammelseliger Rock mit vielen Blues-Elementen und Wüsten-Country bilden die Basis. Alles klingt hier nach röhrenden Motoren und staubigen Highways.

Angestaubt oder gar antiquiert wirkt der quirlige Rockveteran jedoch in keiner Sekunde. Doch ebenso wie bei einer Fahrt ins Blaue die Ziellosigkeit oberste Prämisse ist, muten die Lieder teilweise etwas richtungslos und skizzenhaft an. Dennoch lohnt es sich, am Ball zu bleiben. Die ganze CD wächst von Mal zu Mal und offenbart ihre Qualitäten im Detail erst nach einigen Durchgängen.

"Just Singing A Song Won't Change The World" will mit einer Art Rock-Meditation wecken und Lethargie bekämpfen. "Cough Up The Bucks" ätzt rüttelnd und ölverschmiert gegen die hegemonialen Oil-Companys und Leichenfledderer der Wirtschaftskrise. "Off The Road" birgt eine introvertierte Bestandsaufnahme der inneren seelischen Landstrasse. Lagerfeuerwarm plickernde Gitarrensounds umhüllen das kleine Lied und halten die Wölfe fern.

Sicher, Partyrock à la "Get Behind The Wheel" wirkt relativ belanglos und eher wie ein Lückenfüller. Die große Bombe erwartet uns aber ohnehin erst am Ende der Forke in Form der wunderschönen Ballade "Light A Candle". Verführerisch und hypnotisch lockt die Akustikgitarre ins Dunkel, um sich selbst und allen Hörern Licht zu sein. Jenseits aller Religionen erzählt Onkel Neil sein spirituelles Bekenntnis zu Unendlichkeit und Seelenwanderung nach dem Tod.

Die zerbrechliche und gleichzeitig unzerstörbar wirkende Melodie hat das Zeug zum Klassiker, ähnlich den Großtaten "Eldorado", "Needle And The Damage Done" oder "After The Goldrush". In einem einzigen Young-Song dieser Sorte steckt mehr bewegend echtes Gefühl als in der ganzen Emo-Szene zusammen.

Nachdem der letzte Akkord verklungen ist, möchte man dem alten Romantiker zuprosten, während er, einem zuzwinkernd, mit seiner alten Limousine am Horizont verschwindet. Verglichen mit einem für seine Verhältnisse nur gelegentlich überdurchschnittlich aufspielenden Neil Young bleiben viele Künstlerkollegen abgeschlagen am Straßenrand zurück. Von diesem 57er Lincoln lasse ich mich gern noch oft ein Stück des Weges mitnehmen.

Trackliste

  1. 1. When Worlds Collide
  2. 2. Fuel Line
  3. 3. Just Singing A Song
  4. 4. Johnny Magic
  5. 5. Cough Up The Bucks
  6. 6. Get Behind The Wheel
  7. 7. Off The Road
  8. 8. Hit The Road
  9. 9. Light A Candle
  10. 10. Fork In The Road

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13 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    Richtig, ich hab vergessen, sein Umweltmobil und seine Überland-Touren damit zu erwähnen. Die Idee als solche, mit einem "grünen" 57er Lincoln durch die Staaten zu brummen, Eindrücke und Ideen zu sammeln und das Ganze dann auf einem Album zusammenfließen zu lassen, ist an sich ja wunderbar.
    Aber was dann dabei rausgekommen ist, hört sich partiell schon ein wenig nach Rost und "Auspuff kaputt" an. ;)

  • Vor 13 Jahren

    Ich hab mir die Scheibe angehört und bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich mir mit dem Kauf Zeit lasse. Auf die 2 - 3 guten Songs kann ich getrost warten, bis ich die Scheibe mal etwas billiger bekomme. Bis dahin hör ich lieber bis zur Besinnungslosigkeit "Prairie Wind" oder "Freedom" oder die anderen tollen Alben von Mr. Young.
    Ich denke, das Problem bilden nicht die Songs ansich, sondern die Tatsache, dass jeder Neil Young-Fan andere Vorstellungen hat. Die einen mögen die sanftere Country- / Folkseite (Comes a time, Silver and Gold...), die anderen eben die härtere Rockseite (Rust never sleeps, Mirrorball) und manche mögen beide Seiten. Das Problem ist eben, dass der alte Neil im Countryfach immernoch ein absoluter Meister ist, im Rockfach hat er allerdings schon seit langer Zeit nicht mehr viel zu bieten (mit einigen Ausnahmen wie "Ordinary People", "I'm the Ocean" und einigen anderen Tracks von Mirrorball oder dem "Broken Arrow"-Album) Der typische Rocksound, den Neil Young seit Jahrzehnten produziert und der sich kaum verändert hat ist eben irgendwie langsam aber sicher veraltet. Was nicht heißen soll, der ers nicht mehr drauf hat. Ich hab ihn letztes Jahr in Leipzig gesehen und es war verdammt geil. Auf seinen Alben sollte er sich jedoch endlich mal was neues einfallen lassen, denn nur mit den ewigen "dreckigen" Gitarrenklängen kann er seine Hörer (auch die alten) nicht mehr bei der Stange halten, so leid es mir tut. Ich verlange keinen Stilwechsel, aber einfach mal wieder was Neues.

  • Vor 13 Jahren

    och nö, Neil! ist ja ziemlich schrecklich, was ich mir hier anhören muss. Dafür gefällt mir der Artikel vom Herren Rezensenten schon sehr viel besser. Musste lachen beim Lesen. Aber die Scheibe - auch als uralte Young Fanin (?) muss das nicht sein. Auch nicht light a candle mit dieser Altmännerstimme. Hoffe nur, er wird beim Konzert übernächste in Köln nicht allzu viel dieser songs spielen!