29. Juni 2012

"Das passte wie Arsch auf Eimer"

Interview geführt von

Achtzehn Jahre lang schwieg der ehemals treffsicherste Stachel im Allerwertesten der Republik. Nun sind Slime wieder da. Euphorisiert von der fulminanten Live-Rückkehr im Jahr 2010 wollten es die Hanseaten noch mal wissen und prügelten im letzten Jahr tatsächlich ein neues Album ein.Der Treffpunkt für unser Interview in Berlin könnte nicht passender gewählt sein. Im Herzen Kreuzbergs sitzt die quirlige Bagage bereits zu früher Morgenstunde draußen in einem Alternativ-Cafe unweit des ehrwürdigen Wild At Heart und wartet bereits auf die Abgesandten der Presse.

Es dauert nicht lange und der Bürgersteig vor der Location beginnt sich zu füllen. Die Alt-Punks genießen sichtlich den Rummel. Es werden fleißig Handshakes verteilt und jeder zweite Schreiber gar mit einer Umarmung empfangen. Als der Promo-Verantwortliche schließlich mit der Einteilung fertig ist, sitzen wir einem bestens gelaunten Dirk Jora gegenüber.

Hi Dirk, ganz schön was los hier, oder?

Dirk: Ja, das stimmt. So muss das aber auch sein. Wir wollen ja schließlich, dass die neue Platte läuft, ne?

Vor zwei Jahren gab es bereits ähnlichen öffentlichen Andrang, als ihr euch nach sechzehn Jahren das erste mal wieder die Gitarren umgeschnallt habt. War damals schon klar, dass ihr auch irgendwann wieder ins Studio gehen werdet?

Dirk: Nein, auf keinen Fall. Die Gedanken an ein neues Album kamen erst später, als wir alle Zeit hatten, das gerade Erlebte zu verarbeiten.

Ihr hattet demnach also nicht mit einer derartigen Resonanz gerechnet?

Dirk: Nein, absolut nicht. Wir dachten zwar schon, dass sich einige Hundertschaften einfinden werden, um ihre eigene Jugend ein bisschen abzufeiern, aber massenhaft 17-Jährige in Slime-Shirts, die uns anflehen würden, uns nach den Shows nicht gleich wieder aufzulösen, haben wir nicht erwartet.

Wie war das für dich, nach so langer Zeit, wieder unter dem Slime-Banner auf der Bühne zu stehen?

Dirk: Sorry, Ladies, aber beispielsweise die Show am Millerntor waren die geilsten dreißig Minuten meines Lebens. Ich meine, die Konstellation war einfach genial. Ich wurde 50, die Band 30 und St. Pauli 100. Wie geil ist das denn? Für mich war das einfach das Größte. Ich bin schon seit fast dreißig Jahren St. Paulianer. Die Tribüne habe ich mitfinanziert, verstehst du? Einmal in diesem Stadion zu spielen war immer mein größter Traum, und plötzlich steht man da mit den Jungs auf der Bühne und feiert eine halbe Stunde lang mit 20.000 Leuten die größte Party seines Lebens. Das war unbeschreiblich.

Allerdings fand das alles ohne Stephan Mahler und Eddy Räther statt. Woran lags?

Dirk: Nun, Stephan hatte von Anfang an gesagt, dass er keine Reunion machen will. Er hat es sich zwar immer wieder überlegt, aber letztlich wollte er nicht, ganz einfach. Bei Eddy war es so, dass er schon richtig Lust hatte, aber leider zu der Zeit eine Sehnenscheidentzündung auskurieren musste. Er meinte dann, wir sollen nicht ewig auf ihn warten und gucken, ob wir nicht adäquaten Ersatz finden. Zum Glück haben wir ja dann mit Nici, der Freundin von Michael Mayer, und Alex Scherts Top-Leute gefunden.

Alex ist einfach ne Schlagzeughure


Habt ihr euch schwer getan mit der Nachfolge von Stephan und Eddy?

Dirk: Wir hatten mit Nici und Alex einfach großes Glück. Wir wollten auf keinen Fall mal eben zwei Studiomusiker für fünf Shows einkaufen, sondern Leute finden, die sowohl musikalisch, wie auch menschlich zu uns passen. Ich meine, fähige Musiker, die Slime-Songs nachspielen können, findest du bestimmt an jeder Ecke. Wir wollten aber vor allem Leute finden, die auch zur Geschichte der Band passen.

Nici ist die Freundin von Michael und spielt bei den Mimmi's und Alex ist einfach ne Schlagzeughure. Der trommelt bei Eisenpimmel und zig anderen Bands. Die haben's einfach drauf und kennen sich mit der Materie aus. Das war uns wichtig. Und ohne die beiden würden wir heute wahrscheinlich gar nicht hier sitzen. Seitdem ist nämlich wieder richtig Feuer in der Bude (lacht).

Wie ging es dann nach der eingangs erwähnten "Verarbeitungsphase" weiter?

Dirk: Als wir gemerkt haben, dass die Nachfrage da war, haben wir uns natürlich hingesetzt und uns gefragt, wie es denn jetzt weitergehen soll. Wir waren alle total geplättet. Dass aus diesem Millerntor-Gig mehr werden würde, als ein überschaubares Klassentreffen; damit hatte keiner gerechnet. Aber wir standen auch vor einem großen Problem. Stefan Mahler war weg. Wer sollte sich um die Texte kümmern?

Texte schreiben ist nicht so einfach. Dieses Talent ist dir entweder gegeben, oder nicht. Ich bin zwar jemand, der Texte gut auf der Bühne präsentieren kann, aber selber schreiben? Keine Chance. Michael hatte schon sechs Songs geschrieben. Die passten musikalisch wunderbar, aber auch er tut sich schwer wenn es darum geht, die richtigen Worte zu finden. Also haben wir uns überlegt, externe Texte zu verwenden. Eine völlig legitime Sache, wie ich finde. Für mich ist "1000 Gute Gründe" beispielsweise der beste Toten Hosen-Song aller Zeiten. Der Text ist von Funny Van Dannen. Insofern hatten wir alle kein Problem damit.

Die Idee mit Erich Mühsam-Versen zu arbeiten lag bei uns schon jahrelang in der Schublade. Wer sich Ende der Siebziger mit politischer Literatur befasst hat, der stolperte automatisch über den Namen Mühsam. Wir wollten aber kein bloßes Rezitieren. Weißt du, Ute Lemper oder die Toten Hosen singen Brecht, ist ja schön und gut, aber so richtig eigenständig ist das nicht.

Wir wollten aber was Eigenes. Das war uns ganz wichtig. Und dann haben wir einfach festgestellt, dass die Texte wunderbar passten. Man muss sich ja mal vor Augen führen, dass das Zeugs über achtzig Jahre alt ist und auch heute noch nichts von seiner Aktualität eingebüßt hat. Das ist natürlich total pervers, weil es einem aufzeigt, dass sich irgendwie nichts geändert hat.

Ich weiß noch, wie ich im Auto saß und die ersten Demos gehört habe. Michael hatte sich Texte genommen, die zu seinen sechs Songs passten und bei sich zuhause schon mal ein bisschen vorgefühlt. Ich hatte, ehrlich gesagt auch ein bisschen Schiss. Ich wollte ums Verrecken kein Konzeptalbum. Aber als ich die Stücke dann gehört habe, fiel mir die Kinnlade runter. Das passte wie Arsch auf Eimer.

Rod sollte die Finger von den Reglern lassen


Achtzehn Jahre sind natürlich eine lange Zeit. Dennoch haben nicht wenige erwartet, dass ihr euch vom Sound her eher an alten Slime-Werken orientieren würdet. Stattdessen klingt das Album völlig up to date. Hat sich das im Laufe der Aufnahmen so ergeben, oder hattet ihr gleich von vornherein ein klares Ziel in punkto Sound.

Dirk: Wir hatten absolut keinen Bock einen Sound zu fahren, der lediglich ein Abklatsch dessen wäre, was wir früher gemacht haben. Wir wollten das Brett, was wir auf der Tour live gefahren haben, auch unbedingt auf die Platte bringen. Ich kann die alten Sachen echt nicht mehr hören. Das sind so geile Songs, aber der Sound ist so verramscht und altbacken auf den alten Scheiben, dass mir echt die Haare zu Berge stehen, wenn ich da rein höre. "Yankees Raus" wurde damals von irgend so einem Schnösel aufgenommen, der vorher mit Ina Deter und Konsorten gearbeitet hatte. Und plötzlich stand da eine Polit-Punkband in seinem Studio. Das konnte einfach nichts werden.

Oder "Viva La Muerte": die Scheibe hat damals Rod von den Ärzten gemischt. Die klingt einfach nach nichts. Der Gute sollte Musik machen, aber die Finger von den Reglern lassen, wirklich (lacht). Wir haben natürlich nicht das Budget der Hosen oder der Ärzte, die sich mal einfach so für drei Monate im Studio einquartieren können. Wir hatten den Druck, einen fetten Sound in möglichst kurzer Zeit hinzukriegen.

Also haben wir vor dem Studio erst einmal wochenlang geprobt und haben dann bis auf den Gesang alles komplett live eingespielt. Ich finde, das Ergebnis spricht für sich. Ich kann von dieser Platte einfach nicht genug bekommen. Momentan höre ich sie echt jeden Tag. Für mich ist es definitiv das mit Abstand beste Slime-Album, dass wir je aufgenommen haben.

Zwischen "Schweineherbst" und "Sich Fügen Heißt Lügen" kam nicht viel von anderer Stelle. Habt ihr die gesamte Szene damals gleich ungewollt mit aufgelöst? Was meinst du?

Dirk: Das ist eine gute Frage, auf die ich leider keine Antwort weiß. Ich sehe das ähnlich. Nach uns haben sich ja die Probleme nicht in Luft aufgelöst. Insofern ist es schon traurig, dass danach nicht sonderlich viel nachgerückt ist. Als Markus Wiebusch noch mit Rantanplan zugange war, hatte man wenigstens das Gefühl, dass jemand versteht, um was es uns damals ging. Aber seit Kettcar kommt da nicht mehr viel rum, außer Betroffenheitslyrik. Das soll jetzt keine Wertung sein, aber ab da war irgendwie der Ofen aus.

Auch die Zitronen haben sich im Laufe der Jahre immer mehr zu einem Theater-Projekt entwickelt. Immer noch schwer politisch, aber musikalisch doch fernab von den Anfängen. Warum, wieso, weshalb? Ich hab keine Ahnung. Ich könnte jetzt sagen, dass wir einfach zu gut waren. Aber das klänge etwas arrogant.

Sechszehn Jahre Pause und seit zwei Jahren wieder auf Hochtouren. Wie geht's weiter mit Slime? Plant ihr langfristig?

Dirk: Absolut. Wir haben die VÖ des Albums extra in den Juni gelegt, weil wir unbedingt charten wollen. Es soll ja auch ein bisschen Kohle reinkommen. Mit Slime Geld verdienen ist halt so eine Sache. Daher spielen wir auch nur wenige Festivals in diesem Jahr. Ab Oktober geht es dann aber richtig dicke auf Tour.

Außerdem steht nächstes Jahr noch eine sehr interessante Band-Biografie ins Haus, an der der Schweizer Autor Daniel Ryser gerade emsig arbeitet. Da wird es vor allem auch viele rare Interviews von uns geben, und es werden auch Leute zu Wort kommen, die uns über die Jahre nicht immer wohlgesonnen waren. Joschka Fischer hat leider abgelehnt, aber wir sind gerade an Claudia Roth dran. Mal sehen, ob die sich dem stellt. Auf jeden Fall ein hochinteressantes Projekt. Außerdem haben wir noch ein Livealbum im Vertrag zu stehen.

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