11. Februar 2010

"Green Day sind ja auch schon alt"

Interview geführt von

Jetzt ist Schluss mit lustig. Deutschlands experimentierfreudigste Punkband Smoke Blow holt Thors Hammer raus!Death Metal plus Hardcore heißt der neueste Genre-Cocktail der Kieler. Gekonnt kombiniert mit dem bewährt melodischen Songwriting schmeißt das Sextett der Hartwurstszene einen gehörigen Brocken Rotzmucke vor die Füße. Der gefühlt 1000. Stilwechsel in ca. zehn Jahren? Kann das gesund sein? Ist Punk immer noch tot oder riecht er wenigstens schon wieder ranzig? Fragen über Fragen, die ich dringend mit Norman aka. MC Straßenköter klären muss.

Es gibt sicherlich noch ein paar Leute, die euch wilde Berserker bislang nicht kennen. Erkläre doch mal bitte, wer Smoke Blow sind und was ihr so macht.

Norman: Okay, im Großen und Ganzen würde ich uns natürlich erst mal als Punkband bezeichnen. Die Band besteht seit circa zwölf Jahren; genau. Wir versuchen immer wieder, eine Platte zu machen, die eben am Ende des Tages unsere musikalischen Liebhabereien abdeckt; eigentlich geht es darum, Musik zu machen, die wir selbst auch gern hören würden.

Eure Alben klingen allesamt sehr unterschiedlich, ihr habt ja schon immer zum Namedropping verführt: Danzig, Monster Magnet, Black Flag, Misfits, Hüsker Dü - nun dachte man, man kennt alles, und auf einmal macht ihr eine komplette Kehrtwende und ballert uns einen fiesen Bastard aus rockigem Deathmetal a la Entombed und NYC Hardcore ins Haus. Was sollen denn da die Leute denken?

Das kommt euch allen jetzt auf einmal so plötzlich vor. Das hat sich aber zwischendurch eigentlich schon vorher mal am Rande angedeutet. Da hat es ja schon vor Jahren auch immer mal Death Metal Einflüsse gegeben. Das war ja eigentlich auch in der Intonation schon immer eine Menge Hardcore; aber es gab auch schon zwischendurch die ersten Anzeichen. Diese Mischung finden wir selbst auch interessant. Wir stehen halt sehr auf diesen frühen 80er HC. Oder sagen wir besser ca. die Zeit von 1985 bis 1995. Damit sind wir auch aufgewachsen. Letten und ich sind ja beide sehr große Musikfans mit einem sehr breiten Spektrum. So kommt das dann.

Das heißt, ihr habt im Grunde eure alten Jugendhelden genommen und sie durch den Death-Wolf gedreht?

Ja, das geht in die richtige Richtung. Hüsker Dü waren es eigentlich weniger. Dafür haben wir früher auch immer gern schon den europäischen HC sehr gern gehört. Der Vergleich mit Black Flag ist natürlich sehr schmeichelhaft für uns. Ich war schon immer ein großer Fan dieser Band. Ich glaube aber, es ist gar nicht mal so sehr die musikalische Ähnlichkeit. Es ist einfach die Power, die ich so sehr bewundere. Diese Energie wollen wir auch rüberbringen. Und die hatten auch diesen Hit Appeal, das heißt, es gab oft auch einen richtigen Refrain und eine Melodie. Man hört: die haben eben auch was drauf! Und das, obwohl alles sehr schnell gespielt wird. Diesen Anspruch haben wir auch an uns. Das alles so hinzubiegen und zu mixen, bis es am Ende wirklich steht und klingt, ist ja immer die meiste Arbeit.

Ist das als Methode des dauernden Wechsels nicht riskant? Wenn jetzt jemand um die Ecke käme und Dir sagte: "Die sitzen zwischen allen Stühlen. Die sind der Stefan Raab der Hardcoreszene; machen von allem ein wenig, aber nix so richtig!" ...

(Lacht) O.k., aber wenn man sich jetzt einfach mal jedes einzelne Album anhören würde, bemerkte man, jedes Album ist eben auch in sich geschlossenen und konsequent. Die sind zwar sehr unterschiedlich, aber genau darin liegt ja auch der rote Faden. Wir brauchen diese kreative Spontanität. Da hätten wir zum Beispiel kein Album machen können wie ein zweites "German Angst". Das haben wir alles schon getan. Wir haben uns seitdem aber bewegt. Und diese Bewegung ist uns für die Kreativität ganz wichtig. Es ist ja auch wichtig, dass es für alle immer spannend bleibt.

"Was machen wir als nächstes ... HipHop vielleicht?"


Ihr habt in der Öffentlichkeit schon mehr als einmal mit eurer HSV-Vorliebe kokettiert. Stört diese Begeisterung für den falschen hanseatischen Club euch als geschmackliche Behinderung nicht massiv beim Komponieren?

(Lacht) Ja, ja du bist ein Bremer Kollege nicht wahr?! Ihr habt doch schon wieder verloren oder? Und der HSV ist eigentlich gar nicht so meins. Wenn überhaupt, dann bitte mehrheitlich bei den anderen schon eher Holstein Kiel. Aber das ist auch eher etwas für die anderen. Ich bin da gar nicht so der Fußballfan; eigentlich überhaupt nicht. Also mein Ding ist das echt nicht. Bei mir geht da vielmehr mit Tischtennis und so. Da hättest du eher die anderen provozieren können.

Ja nun, man kann ja nicht alles haben.

Tjaja, und insoweit verstehe ich natürlich auch unsere Fans. Da hört man sich unsere Alben an und hat keine Ahnung, was wir als nächstes machen. Nur wissen wir das eben auch nicht. Was machen wir denn eigentlich als nächstes? Keine Ahnung! Was hatten wir dennoch nicht? Hip Hop vielleicht?

Neo Folk wäre mal etwas ganz anderes.

Wäre eigentlich auch geil. Vielleicht sollten wir uns auch alle mal eine Auszeit nehmen, und dann bringt jeder einzelnen so ein akustisches folky Singer-Songwriter Soloding heraus.

Ich glaube, dafür schrubbt ihr viel zu gern das harte Brett. Was haltet ihr in diesem Zusammenhang denn von der Mainstreamisierung des Punk – vor allem in den USA – wo Teenie-Bands und -Soundtracks Punk zu harmlosem Bubblegum-Pop verwässern? Sind Green Day und Co die Wurzel allen Übels oder sind das für euch doch Kollegen?

(Murmelnd:) Ach, die Wurzel, die Wurzel. (Wieder lauter:) Eigentlich, wenn wir ehrlich sind, das war doch alles ganz frühzeitig schon ein Konstrukt. Im Grunde war die Kommerzialisierung doch schon mit McLaren und seinen Sex Pistols gelaufen. So betrachtet, hat der breite musikalische Teil der Bewegung doch eigentlich immer schon was Kommerzielles gehabt. Ich finde das auch gar nicht so schlimm. Man macht es doch auch, damit andere das toll finden und es kaufen. Das darf man sich auch eingestehen. Da hab ich gar kein Problem mit. Wir machen das eben auf unsere Art. Andere machen es mit Pop. Wichtig ist dabei aber einfach immer, dass es ehrlich und authentisch von den Musikern kommt. Darauf kommt es an. Doof ist nur in diesem Zusammenhang, ich muss halt damit leben, dass ich irgendwelche trendy Punkklamotten, Symbole, Accessoires bei H&M als Massenware für 7,50 Euro bekomme.

Genau so was meine ich.

Man muss das wohl einfach trennen. Schließlich kann ich ja niemandem vorschreiben, was er zu hören hat. Ich freue mich ja immer, wenn die junge neue Generation einfach mal richtig schaut.

Bitte?

Ja, nun warte mal. Jetzt ist es ja so: Green Day und Konsorten sind ja inzwischen auch wieder fast 20 Jahre alt oder? Und da gibt es eben immer wieder Kids, die von dem ganzen Kram im Radio - und was weiß ich wo - einfach angenervt sind. Und wenn die an Green Day etwas gut finden, dann gehen sie eben auch los – eine Reise machen und zurück gehen - und schauen mal, wo das denn alles herkommt, wo diese Band das her hat. Weißt du? Der Sache auf den Grund gehen und sein eigenes Ding entwickeln, das meine ich. Aber klar: Mein Punk ist das natürlich auch überhaupt nicht. Ich habe aber irgendwann aufgehört, das ideologisch zu sehen.

"Wir wollen in die Top 100!"


Diese ewige Frage nach der Ideologie ist hier auch in diesen Wochen auf bizarre Art gerade wieder ganz besonders aktuell. Was haltet ihr denn von der RATM-Aktion in England?

Habe ich nicht mitbekommen. Was meinst du?

Es gibt in Großbritannien ja auch eine Variante von DSDS. Die Sieger des jeweiligen Wettbewerbs werden seit Jahren fast automatisch die Nummer eins der Charts zum Jahreswechsel. Und da die Qualität unter ästhetischen Gesichtspunkten einfach auch nicht wesentlich besser ist als bei uns, haben RATM einfach mal ihren knapp 20 Jahre alten Kultklopper "Killing In The Name Of" aus der Rumpelkiste geholt und zum ideologischem Kauf des Songs als Statement gegen Billigmucke aufgerufen. Es hat geklappt. Das Lied wird dort wieder überall gedudelt und schoss unangefochten an die Spitze der Hitliste. Der Erlös wurde gespendet. Schöner Tropfen auf den heißen Stein oder affige Selbstdarstellung?

Ok, das habe ich jetzt echt noch gar nicht mitbekommen. Aber ich finde das schon super. Ich kenne ja jetzt die Einzelheiten nicht, aber RATM sind ja grundsätzlich eigentlich in Ordnung. Ich finde es auch immer wichtig, dass man den Leuten mal zeigt, man kann einfach auch sein Ding machen und das verkaufen, ohne dass man sich selbst verkauft und ohne dass man irgend so ein "Superstar" - oder weiß der Geier - zum Verheizen sein muss. Also von daher finde ich diese Idee wirklich großartig.

Großartig kann das alles für euch ja auch bald werden. Dann könnt ihr selbst derartige Aufrufe oder Trends starten. Denn sobald unser Gespräch auf laut.de veröffentlicht wird, darf man ja davon ausgehen, dass euer Album mit euch durch die Decke geht und von Abermillionen Menschen gekauft wird. Und bevor ihr es so recht bemerkt, seid ihr selbst die Nummer eins oder richtige echte Rockstars. Was wäre denn bei so einem Seitenwechsel? Dekadenz und Punk? Geht das?

Ja klar! Das geht! (lacht) Wir haben das eigentlich schon alles bis ins Detail durchgeplant. Wir werden da ganz neue Maßstäbe setzen (lacht). Aber im Ernst: Alter, weißt du was? Wir wären total stolz, wenn wir überhaupt mal in die Top 100 kämen. Das ist uns nämlich bislang noch mit keinem Album gelungen. Das wäre schon toll. Aber es ist nicht unser Ziel. Die Hauptsache ist doch, dass es sich einfach okay verkauft. Wir waren ja schon immer eine Band, bei der es in der Biografie keine Einbrüche gab, aber eben auch nicht irgendwelche besonders deutlichen Ruhm-Tendenzen.

Es ist ja allgemein unter Freunden der Band bekannt, dass ihr alle sehr auf Black Sabbath steht. Jetzt hat man gesehen, wie nach so vielen Jahrzehnten im Rock Business ein fast 70-jähriger Mann wie Dio gänzlich unpeinlich und bewundernswert kraftvoll die ganzen alten Klassiker abspult. Könnt Ihr euch denn auch vorstellen, nach so vielen Jahren immer noch gemeinsam unveränderter Besetzung Musik zu machen?

Boah, ja. Das ist jetzt nun mal so eine Frage ... ich weiß es nicht ... wohl eher nicht! Aber andererseits ... ich bin ja mit 36 auch der jüngste. Die anderen sind ja alle schon um die 40. Da ist ein gutes Stück des Weges schon gemacht. Und da haben wir doch gar keinen Grund, aufzuhören oder uns umzubesetzen. Die musikalische Mission, die wir haben, wird erfüllt. Ach, weiß der Geier, ey!

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LAUT.DE-PORTRÄT Smoke Blow

Jack Letten (Gesang), Greif Hellhammer (Bass), Kentucky (Gitarre), Fabrizio (Drums) und Gerrard the J.R. (Gitarre) aus Schleswig-Holstein bilden Smoke …

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