Porträt

laut.de-Biographie

The Zombies

Ein Zombie taucht aus einem Grab wieder unter den Lebenden auf. Den Hit über den Zombie hatten dummerweise nicht The Zombies, sondern Dolores O'Riordan und ihre Cranberries. Im Rap fand Capital Bra Gefallen an der Spookyness, und dann gibt's da noch die Zombiez aus Hannover, und im passenden Gruft-Genre Gothic das Stück "Zombies" von Lacuna Coil. The Zombies hingegen sind keine Schwarzkutten-Träger und mitnichten die Band Rob Zombies, sondern eine ganz 'normale' englische Rockband.

Und dann doch mehr als normal: Mit ihrer Platte "Odyssey & Oracle", ihrem zweiten Album, legen sie in Artwork-Design, Klassik-Komponenten und musikalischer Versunkenheit zugleich das Fundament für Psychedelic-Rock wie auch Barock-Pop, während sie am Rande das britische Folk-Revival flankieren. Rings um die Gruppe herum machte sich Verspultes breit, das aus Rock'n'Roll, Mersey-Beat und Garage-Rock hervorging. The Zombies wandelten das ins Sanfte ab und hatten damit, im Frühsommer 1967, die zeitgemäße Erleuchtung. Aus ihrem Grundlagen-Werk wurde "Time Of The Season" ("Ta-ha-ha-ha-haim of the sea-hea-hea-hea-son") die Hit-Auskopplung und das Markenzeichen der Band, das sich selten jemand zu covern traut. Die Dave Matthews Band tat es live. Sample-Spuren der eingängigen Akkordfolge gibt's bei Eminem auf seiner "Marshall Mathers LP 2" und auf Melanie Fionas "The Bridge".

Wie's oft so ist: Die Gruppe glaubte nicht an das Lied, das ihr größter Hit wurde. Keyboarder Rod Argent hatte es geschrieben. Der Weg zur Aufnahme war ein steiniger, sorgte für Missmut und gereizte Band-interne Diskussionen. Innerhalb Großbritanniens verpufft die Single völlig, in Nordamerika erreicht sie aber Goldstatus, in Kanada gar die Charts-Spitze, in Südafrika Rang 2, und bei unseren holländischen Nachbarn klettert sie in die Top 15. Abgesehen von diesem frühen Erfolg, verbindet man den Namen Rod Argent heute eher mit der Band Argent und der Zeile "produced by Rod Argent".

Geboren am 14. und 24. Juni 1945, in den Spätausläufern des Zweiten Weltkriegs, gehören er und sein Mitstreiter Colin Blunstone zu einem großen britischen Musikerjahrgang: Rod Stewart, Robert Wyatt, Robin Trower, Eric Clapton, Ritchie Blackmore, Pete Townshend, John McVie von Fleetwood Mac. International sind es Bob Marley in Jamaika, Bob Seger in Detroit, Neil Young in Kanada, Björn und Anni-Frid von ABBA in Schweden, die 1945 zur Welt kommen. Der Wiederaufbau-Generation stehen viele Wege offen, die Jugend hungert nach neuen Ausdrucksformen, subversiven Gesten und Idolen. Wer einen neuen Stil kredenzt, muss sich nicht mit Musikvideos durchsetzen und keine Algorithmen bedienen - sondern schlicht in den richtigen Clubs in London auftreten.

Die Gründungsmitglieder kennen sich aus der Schule und von einem Fußballspiel zweier Kirchenchöre, die in einem jährlichen Ritual gegeneinander antreten: der St Etheldreda's Church und dem St Albans Cathedral Choir im Raum Hatfield (nördlich von London). Sie treffen sich als Teenager dann vor einem Pub, zu jung um dort reinzugehen, und verabreden die Besetzung Colin im Gesang und Rod an den Keyboards. Die Teens gründen sich als 'The Mustangs'. Keyboards sind damals noch eher ungewohnt in der Musik, ein relativ neues Handwerkszeug. Kirchenchor-Erfahrungen mit Orgel und Cembalo färben dabei auf die Jungs ganz klar ab.

Paul Atkinson an der Gitarre und Hugh Grundy am Schlagzeug sind Mitschüler von Argent, Grundy zugleich Chorknabe neben Colin Blunstone. Grundys Papa, ein Flugzeugmechaniker und Metallarbeiter, schraubt seinem Knirps in Arbeitspausen ein handgefertigtes Drum-Set aus Ersatzteilen zusammen. Rod Argent stammt aus einer musikalischen Familie, wo der Papa, als Ingenieur ebenfalls in der Flugzeug-Industrie tätig, zuhause Klavier spielt. Mit acht Jahren steht Rods Berufswunsch 'Musiker' fest. Fünfter Mann wird nach einer Umbesetzung Christopher White, kurz Chris. Der Sohn eines Swing-Fans bringt das Covern von Gershwins "Summertime" ins Band-Repertoire ein.

Die Decca, damals berühmt dafür, die Beatles für einen Plattenvertrag abgelehnt zu haben, leckt seinerzeit Wunden. Die Stones hat man gesignt, sie spielen aber bluesorientierter als die Beatles. Argent, Atkinson, Blunstone und Grundy bieten ebenfalls Blues und covern Bo Diddley, machen aber etliches anderes: Beat mit einer breiteren Aufstellung, US-Jazz- und Motown-Prägung, einer leichten Spur Klassik-Einfluss und frühem Artpop. Die Texte sind freilich einfach gestrickt. "She's Not There", viel mehr fällt den 18-/19-Jährigen zum Vorspiel-Termin nicht ein. Im damaligen Pilzkopf-Hype reicht das aber völlig aus.

'Hoolahoop' heißt ein kurzlebiges Fernsehformat, das nur 1965/66 - also in der Beat-Höchstphase - alle 14 Tage in den USA bei NBC über die schwarz-weiße Mattscheibe flimmert. In jeder Folge gibt's eine Schalte nach London, wo kein Geringerer als Beatles-Manager Brian Epstein quasi als Korrespondent von der Themse neue Talente vorstellt. Die Zombies stehen gerade mit ihrem Erstling auf der Zwo der Billboard-Single-Charts, als die Sendereihe startet. Ein Muss, sie dort vorzustellen!

Die Jungs lösen hysterische Schrei-Orgien des Saal-Publikums aus, sehr ähnlich der Beatlemania. Das Debütalbum "Begin Here" enthält Kompositionen Argents und des Bassisten Chris White. Die heterogene Langspiel-Platte folgt zügig nach dem ersten Hit, geht aber zu ihrer Zeit unter und ist zum Teil ihrer Zeit ein bisschen voraus.

Zu dieser 'advanced'-Stilistik tragen neben 12-saitiger Gitarre, Orgel und Mundharmonika Instrumente bei, die neu auf den Markt kommen. Das elektromechanische Tasteninstrument Mellotron findet sofort Rods Gefallen. Später wird er einer der Pioniere in der Rockmusik sein, die mit Hammond B3-Orgel und dem Pianet von Hohner experimentieren und damit atemberaubende Soli bauen. Über das Stück "I Remember When I Loved Her" schreibt Argent auf der LP-Rückseite, die Band hätte dem Lied "einen Hauch Mystizismus einer gespenstischen Kathedrale um Mitternacht" verleihen wollen.

Das einschneidende zweite Album "Odyssey & Oracle" bekommt die Band schon nicht mehr als Gruppe mit, weil sie sich vor dem Erscheinen bereits wegen geschäftlicher Detail-Fragen zerstreitet. Im Dezember 1967 ziehen die Jungs getrennter Wege, im April 1968 erscheint das Album trotzdem. Outtakes und Demos, die für den Nachfolger gedacht waren, erreichen die Öffentlichkeit erst 1997 in der Fünf-Stunden-Box "Zombie Heaven" und im Jahr 2000 als überraschend gute CD "R.I.P."

Aufgeführt werden die meisten Songs aus "Odyssey & Oracle" entsprechend zu ihrer Zeit nie. Umso verblüffender ist der Stellenwert der Scheibe auch Jahrzehnte später. Covers aus der legendären LP finden sich im Lauf der Zeit bei so unterschiedlichen Acts wie Uriah Heep und Vanessa Paradis.

Rod Argent gründet nach The Zombies die Band Argent, die durchaus in der Tradition der Zombies steht, die Rezeptur aber weiter entwickelt. Er braucht für die neue Combo wieder einen Sänger, will nicht selbst trällern. Russ Ballard verdingt sich daher am Mikrofon und findet Geschmack an üppigen Keyboard-Ausflügen. Nach Ballards Abflug in eine Solo-Karriere, aber auch in den Hardrock als Songlieferant für Kiss, Ace Frehley, Rainbow und viele andere, sowie für Hot Chocolate und ABBA ist 'Argent', diese Pionierband des 'Classic' Rock, schnell Geschichte. Jahre nach Argent und Kiss wird Ballards musikpädagogisches Stück "The Story Of The Making Of 'The Fire Still Burns'" in der Langfassung zu einer sehr schönen Darstellung der Arbeitstechnik des Kollegen Argent, und Russ erläutert transparent, wie sich die Teile eines vielschichtigen Klassik-angehauchten Rocksongs nach und nach zusammen setzen.

Rod nimmt mit Phil Collins und Gary Moore ein Album unter seinem Namen Rod Argent auf. In den '80ern verdient er sein Geld mit Intro-Melodien für Fernsehshows von Comedy bis Sport. Mit Peter Van Hooke (von Mike & The Mechanics) baut er 1987 eine Firma auf, um junge Talente zu unterstützen. Der Link zu Van Hooke kommt wiederum über Ballard zustande, für den Van Hooke auf "The Fire Still Burns" die Drum Machine programmiert hatte. Als Producer-Duo verantworten Rod und Peter einige große Singer-Songwriter-Alben der Folgejahre, darunter Tanita Tikarams "Ancient Heart", auf dem sie auch Instrumente spielen.

Auch ein Klassik-Album mit Kompositionen von Fréderic Chopin, Edvard Grieg und Johann Sebastian Bach verwirklicht Argent, und es wirkt wie die Erfüllung eines lang gehegten Jungentraums. In den 2000ern wird er Teil von Ringos 'All Starr-Band'.

Colin Blunstone feiert nach der Zombies-Trennung in den Siebzigern einige regionale Softrock-Hits in England. Ab 1971 unterstützen ihn die Ex-Bandmates Chris White und Rod Argent als Produzenten und Songlieferanten für drei Alben. Diese Platten halten das Niveau der Zombies und stoßen bei der Musikkritik auf großes Wohlwollen und Interesse. In der Folge nehmen Elton John und Bernie Taupin dann Colin unter Vertrag. Auf ihrem neuen Rocket Record Company-Label legt Blunstone einige durchwachsene, aber ganz nette Alben vor, die den Kuschelsound der damaligen Ära spiegeln.

Beide bekannten The Zombies-Mitglieder hört man über die Jahre auch immer wieder in einer Reihe anderer namhafter Produktionen. Während Rod Argent zum Beispiel 1978 das Klavier-Intro von "Who Are You" für The Who spielt, gehört Colin Blunstone die Stimme auf dem Album "Ammonia Avenue" des Alan Parsons Project 1983. Er singt auch den prägnanten Hit "Don't Answer Me" in malerischen Bögen. Der Zombies-Kosmos erstreckt sich durch diverse Quer-Vernetzungen auf einen beträchtlichen Teil der UK-Musikszene.

Die Kollegen Hugh Grundy (Drums) und Chris White (Bass) hatten ihr Einkommen zwischenzeitlich hinter den Kulissen bestritten. Grundy arbeitet in den Siebzigern bei Columbia Records als Talent-Scout, White bei Vertigo, für die er beim Hören einer BBC-Sendung eine lokale Band namens Café Racers entdeckt, die dann unter dem Namen Dire Straits durchstartet. Wesentlich bekannter bei den Dire Straits wird aber ein anderer, jüngerer Chris White, den die Knopflers als Saxophonisten gewinnen.

Grundy und White lassen sich sowohl für eine Reunion ohne den viel beschäftigten Rod auf einem Album 1991 so wie für manche Gigs einer ausgedehnten, über zehn Jahre dauernden, "Odyssey & Oracle"-Gedenk-Tour gewinnen. Die dauert mit Pausen von 2007 bis zur Corona-Pandemie und kommt im United Kingdom sehr gut an. Endlich bringt die Combo die uralten Songs auf der Bühne zur Geltung.

Ins Studio ziehen die Instrumentalisten Chris und Hugh bei den Zombies nicht mehr mit ein. Rod engagiert seine Cousins, die Brüder Rodford. Auf den gelungenen Alben "Breathe Out, Breathe In" (2011) und "Still Got That Hunger" (2015) sind sie zu hören, dann stirbt jedoch Jim Rodford, und Søren Koch wird neuer Bassist auf "Different Game" (2023). Tom Toomey heißt der fünfte Mann und spielt Gitarre. Fürs alte Material aus dem Sixties touren die Senioren live noch mit einem sechsten Teilzeit-Mitglied, dem deutlich jüngeren Darian Sahanaja als zusätzlichem Keyboarder, aus der Band des Beach Boys Brian Wilson.

2023 werden Argent und Blunstone 78. Aufhören können sie nicht. Als Re-Prints erscheinen "Begin Here" und "Odyssey & Oracle" nochmal in farbigem Vinyl. Anlässe sind die Band-Doku "Hung Up On A Dream" und das neue Album. "Different Game" "zu machen war von Anfang bis Ende eine Freude", so Blunstone. "Nach dem Lockdown waren wir fest entschlossen, zusammenzukommen und so 'live' wie möglich aufzunehmen - um diese magische, flüchtige Qualität der Energie und die Unmittelbarkeit der Performance einzufangen… Ich kann es kaum erwarten, dass ihr es hört!"

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