laut.de-Kritik

Mehr "Rick & Morty" als bierernster Prog-Metal.

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Irgendwann auf dem Maifeld Festival trug sich ein interessantes Schauspiel zu: Während der Headliner King Gizzard & The Lizzard Wizard die Neuronenreizung auch körperlich zum Äußersten trieb, nahmen die Mitglieder von Black Midi gelassen im Graben vor der Bühne Platz und schauten das Spektakel fast schon unterkühlt analytisch an. Kein Wunder, beide Bands gehören zu den Speerspitzen einer neuen aufregenden Rockmusik, die gerne Grenzen sprengen und deren Arbeitsrhythmus kaum noch mit den Ideen Schritt halten kann.

Das dritte Album "Hellfire" erscheint kaum ein Jahr nach dem Vorgänger "Cavalcade" und greift dessen lyrischen Ansatz auf. Es soll um düstere Charaktere und menschliche Abgründe gehen. Der Begriff "Hellfire", so die Bandmitglieder, sei schon länger herumgeschwirrt, letztendlich benannte die Band sogar ihr Aufnahmestudio nach dem infernalischen Fegefeuer. Die Hölle, die sämtliche göttlichen Regeln negiert, passt auf jeden Fall zum Chaos, das die Briten schon auf der letzten Platte verbreiteten, auch wenn "Cavalcade" die Hyperaktivität bereits drosselte.

Black Midi wollen aber nicht nur Unruhe stiften, sie wollen auch Geschichten erzählen und die Kontraste zwischen Schönheit und Irrsinn weiter ausbauen. "Sugar/Tzu" liefert dafür erneut ein Paradebeispiel. Eine kurze Geschichte über einen Box-Event im Jahr 2163 und - um nicht die ganze Story zu spoilern - eine fatale Entscheidung. Zärtlich im Anfang, angenehm beruhigend, bloß dass schon bald wieder die Kulisse in Flammen steht und Dämonen auf der Bühne alles in Brand setzen. Was für ein irrwitziges Schauspiel, was für ein herrliches Kabarett! Schon zum Anfang des Tracks läutet eine Glocke einen Boxkampf ein, und genauso erwischt einen dieser Tanz zwischen Kokain-Funk und Lounge-Jazz. Ein ständiges Hin- und Herscheuchen unter den Lichtern und am Ende ein verschwitztes Keuchen in der Ecke: Black Midi verlangen immer noch viel, aber das Gefühl von Auspowern entschädigt.

Doch das war nur eine kleine Auftaktübung. Die nächste Herausforderung "Eat Man Eat" fletscht bereits die Zähne, und schon wieder fällt man anfänglich auf ihren Charme herein. Laut Picton handelt es sich um die lyrische Fortsetzung von "Diamond Stuff", so wirklich klar wird in diesen Meta-Texten und Mehrdeutigkeiten jedoch ohnehin nichts mehr. Ob der besungene Red River für Verletzungen steht oder doch nur als Freestyle-Hirngespinst existiert, erscheint da schon fast egal.

Der Percussion-Fiebertraum führt in die Dunkelheit und mündet in einer Achterbahnfahrt durch Schächte und unerträgliche Hitze. "Burning, burning", schreit eine ominöser, betrunkener Kapitän seine Mannen an. Der im Song erwähnte Trunk steht übrigens auf der Seite Tank Music zum Verkauf bereit, direkt neben einem Rum von My Dying Bride und der edel-fruchtigen Rebsorte von Paradise Lost.

Geordie Greep hat nicht zu viel versprochen, als er für "Hellfire" Charaktere am Rande des Wahnsinns und der Moralität ankündigte. "Fast jede Person ist eine Art Drecksack", sagt er. "Fast alles, was ich schreibe, beruht auf einer wahren Begebenheit, auf etwas, das ich erlebt und aufgeschrieben habe. Ich glaube nicht an die Hölle, aber dieser ganze althergebrachte Wahnsinn eignet sich hervorragend für Songs." Stimmt, die wahre Hölle ist die Existenz der Mitmenschen auf Erden.

In keiner dieser Geschichten möchte man selbst eine Rolle spielen. Alles ist Blut, Dreck und nacktes Überleben in aus den Fugen geratenen Albtraum-Welten. Doch es gibt auch Ruhe in der apokalyptischen Kakofonie. Einen ganzen Song lang erwartet der leidgeprüfte Hörer wieder eine Scharade oder einen sadistischen Überraschungsangriff aus dem Hinterhalt, die Überraschung in "Still" bleibt aber, dass es ausnahmsweise weder Finte noch Twist gibt. Statt dessen slidet eine Country-Gitarre, und ein paar Rumba-Rhythmen später wirkt alles so erholsam wie ein Urlaub am Strand, dass es schon wieder höchst verdächtig erscheint. Nein, das kann nicht sein. Nach all diesen Affekt-Ausbrüchen durchgängig zärtliche Ruhe? Geordie Greep streichelt verständnisvoll die Hand und flüstert sanft ins Ohr: "I know a song that gives everything that you need."

Einfach dankbar zurücklächeln und friedlich einschlummern, bis "Halftime" natürlich doch unsanft weckt. Störgeräusche, Morse-Code und ein wirrer Radiomoderator verändern nachhaltig den Frieden im Paradies. Sehr witzig, netter Prank, Black Midi!

Allerdings fährt das Album ab der Halbzeit wirklich einen Gang runter und verlegt seine Extreme mehr in die ruhigen Momente. Ja, da gibt es immer noch, dieses unfassbare Maschinengewehr-Drumming von Morgan Simpson und den dauererregten Sprechgesang von Greep, aber dann auch wieder Augenblicke von absoluter Schönheit. Scott Walker schimmerte ja schon auf "Cavalcade" deutlich durch, sein Geist durchzieht auch "The Defence". Warum nicht?

... und warum sollte auf Jazz nicht noch Art Rock folgen oder das Finale "27 Questions" in hypnotischer Drone-Atmosphäre enden? Das ist eindeutig mehr absurder "Rick & Morty"-Cartoon als bierernster Prog Metal mit Kunsthochschulabschluss. In diesem Multiversum der Möglichkeiten darf alles stattfinden, und das Schönste: Diese immer noch unfassbar jungen Kids entfachen auch auf Album Nummer drei einen höllischen Spaß und übertragen ihn auf den Hörer.

Trackliste

  1. 1. Hellfire
  2. 2. Sugar/Tzu
  3. 3. Eat Men Eat
  4. 4. Welcome To Hell
  5. 5. Still
  6. 6. Halftime
  7. 7. The Race Is About To Begin
  8. 8. Dangerous Liaisons
  9. 9. The Defence
  10. 10. 27 Questions

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