laut.de-Kritik

Vom Freiburger Nischenrapper zum Hip Hop-Schwergewicht.

Review von

Wenn man bedenkt, wie unermüdlich Jottaweh noch auf dem letzten Tonträger postulierte, einen "Schock Fürs Leben" davon getragen zu haben, so ist es doch beachtlich, wie selbstbewusst er nur neun Monate später sein Hirn in den Mixer steckt. Angst vor der Welt, oder gar dem Rest der Rapszene? Keine Spur! Energie, wohlfeile Attacken auf Gesellschaft, Szene und so ziemlich alles, was dem Volke gut und heilig ist. Und da soll noch mal einer die Effizienz von Antidepressiva anzweifeln.

Der Titel für das Release ist jedoch missverständlich
gewählt: Klar, für ein Mixtape bringt er ordentlich
Wortwitz mit. Aber die Tracks bilden mitnichten einen
Einheitsbrei aus Emotionen und abgefahrenem Gedankenmus. Statt dessen befasst sich JAW schön separiert mit völlig verschiedenen Themen: "Zwei Tode" zum Beispiel beschreibt beeindruckend die Gedanken unmittelbar vor einem Suizid, ein weiteres Mal mit einem Sample aus "Menschenfeind" eingeleitet.

Auch "Paradies Der Finsternis", der Kurztripp in den geistigen Hades entpuppt sich nicht zuletzt wegen eines sehr feinen Parts von Featuregast Headtrick und eines treffend gewählten Beats zu einer echten Albtraumreise. Einen gutes Auge für die sinnvolle Vergabe von Gästelistenplätzen beweist JAW eh: Illoyal, Peter Maffya, Labelkollege Hollywoods Finest und natürlich die Crew-Buddies von PCP komplettieren ein stimmiges Lineup ohne Ausfälle. Dennoch stiehlt niemand Doktor Jotta die Show, sein Hirn in Anwesenheit der werten Hörerschaft
gänzlich zu sezieren.

"In Sachen Lebenslust bin ich leider leicht frigide / doch wenn ich keinen Vogel hätte, wär' ich wohl ne Eintagsfliege" - wieso denn so selbstkritisch? Auch ohne psychische Nahtoderfahrungen entspringen dem Hirn des Rappers doch großartige Tracks, nicht zuletzt der äußerst amüsante Battletrack "Parental Advisory" oder die aggressive Szenekritik "Amerikas Schwanz". Das alles geschieht übrigens auf einem Klangteppich aus - größtenteils recht unbekannten - Amibeats. Paradox? Sicherlich, aber was will man das jemandem vorwerfen, der aus seiner Schizophrenie ohnehin keinen Hehl macht?

JAW verfügt über Talent, Intellekt und Lebenserfahrung genug, sich mit Themen zu befassen, die andere Rapper meiden wie der Teufel das Weihwasser. Mehr als das: Er beschreibt Emotionen und Ängste so detailliert, dass man ständig weghören möchte, aber analytisch genug, dass man immer fasziniert bleibt. Ein rappender Chuck Palahniuk, das hat der deutschen Sprechgesangsszene bislang gefehlt, und da tut es der Begeisterung auch keinen Abbruch, dass nicht jeder Beat perfekt mit dem Style des Freiburgers harmoniert und nicht jeder einzelne Track inhaltlich vollstes Interesse erweckt.

Solche Randerscheinungen sind wohl der Wehmutstropfen jedes Mixtapes, und JAWs Karriere steckt ja ohnehin noch in den Kinderschuhen. Einen Namen machte sich der Rapper mit seinem Debütalbum schon, von der Juice im letzten Jahr zum Demo des Monats geadelt, und natürlich mit seinem Platz Eins in der höchsten Liga der Reimliga Battle Arena. Mit seinem Mixtape schlägt er den Bogen vom Nischenrapper zum schwer zu übersehenden Talent und setzt hinter das J.A.W. ein deutliches Ausrufezeichen.

Trackliste

  1. 1. Gehirn In Den Mixer
  2. 2. Titellos
  3. 3. Kein Morgen
  4. 4. Zwei Tode
  5. 5. Begierde Skit
  6. 6. Auf Meine Weise
  7. 7. Verzweifelte Hobbysuche ft. Peter Maffya
  8. 8. Dinge Passiern
  9. 9. Weiße Weste
  10. 10. Paradies Der Finsternis Rmx. ft. Headtrick
  11. 11. Die Pille
  12. 12. Parental Advisory ft. Hollywoods Finest
  13. 13. Lieber Gott
  14. 14. Gilette Messer Skit
  15. 15. Alles Was Du Willst ft. Rynerrr
  16. 16. Böses Mit Bösem ft. Illoyal, Farah
  17. 17. Amerikas Schwanz
  18. 18. Untergrund Sklaven ft. Sentinel
  19. 19. Staub Skit
  20. 20. Was Passiert ft. PCP
  21. 21. Arztbesuch
  22. 22. Teufel Skit
  23. 23. Jung Und Dumm
  24. 24. Bis Zum Ende
  25. 25. Gehirn Aus Dem Mixer

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