laut.de-Kritik

Ein ideologisches Worst-of.

Review von

Kalim hat den Musikmarkt stets genauestens im Blick. Sobald er einen neuen Trend erspürt hat, hechtet er ihm hinterher, um sich mit stolzgeschwellter Brust ganz vorne einzureihen und als Gründer der Bewegung zu verklären. Eben hat er sich noch auf dem reichlich faden "T.O.T.Y." zum Trapper des Jahres gekrönt, schon wechselt er wenig trennscharf in das Fach der Dripper. Doch selbst neben kritikwürdigen Kollegen wie Fler oder Ufo361 fehlt dem Hamburger die Beißkraft. Da kann der immer weiter mutierende Street Shark auf dem Cover noch so sehr die Zähne fletschen.

Seiner auf "Sechs Kronen" noch gelungen zur Geltung gekommenen Stimme fehlt es schlicht am Druck, den er für die Trap-Parolen zum basslastigen Sound benötigt. Damit ist die musikalische Seite von "D.O.T.Y." bereits erschöpfend beschrieben. Kalim rappt durchweg desinteressiert über Instrumentals ohne jeden Wiedererkennungswert. Abgesehen vom leicht melancholischen "Freunde Von Niemand" bedienen sie ausnahmslos die Stimmungslage egal. Und dennoch gestaltet sich die textliche Seite der EP daneben noch weitaus desolater.

Kalim legt Wert darauf, seine Anhänger wissen zu lassen, dass er sich nach einer Uhr umsieht ("Body") und den Beamer in bar bezahlt hat ("Freunde Von Niemand"). Aber wehe, jemand vergreift sich an seinen Luxusartikeln. Dann wendet der Rapper umgehend tödliche Gewalt an. "So viel Ice um mein' Hals, Digga, ich brauch' zwei Glocks", erklärt er besitzstandswahrend aus dem lyrischen Schützengraben, um in "Trappers & Drillers Pt. 2" zu ergänzen: "Er ist mein Feind, doch ich hab' ihn geliebt. Er wurde gierig und jetzt guck' ihn an, wie er da liegt. Das war der Anfang vom Krieg."

Insbesondere die wiederkehrende Gefechtsrhetorik stößt sauer auf. "Hier draußen herrscht Krieg", behauptet er im Angesicht realer Konflikte einigermaßen vermessen in "DOTY". Dazu gesellt sich das unangenehme Talionsprinzip ("Geld für Geld, Ehre für Ehre und Blei für Blei") sowie ein Blut-und-Boden-Pathos wie ihn gewisse Präsidenten dieser Tage pflegen. "Ich bin Afghaner, das fließt in meinen Adern", betont Kalim. In "Trappers & Drillers Pt. 2" legt er nach, als läge darin eine tiefere Wahrheit verborgen: "Ich bin Afghaner, ich hab' 'ne AK. Das ist das Echteste, was ich jemals gerappt hab'."

Sein sonstiges Gesellschaftsbild hat sich Kalim unterdessen bei Margaret Thatcher ausgeborgt. Jeder kümmert sich erst mal nur um sich und maximal noch um den engsten Kreis. "Der Tisch ist klein, die Teller sind groß – Hauptsache das Team satt", bringt er seine wenig inklusive Haltung in "Freunde Von Niemand" auf den Punkt. Allen Außenstehenden begegnet er grundsätzlich skeptisch bis feindselig: "Nenn' mich nicht Bruder, wir brechen kein Brot." Hochmoralisch zeigt sich der Rapper einzig beim Thema Prostitution, von dem er sich im Titelsong gleich mehrfach distanziert.

Mit nur einem Hauch Selbstironie oder irgendeinem Unterhaltungswert hätte der frühere Alles-oder-Nix-Rapper das ideologische Worst-of von "D.O.T.Y." erträglicher gestalten können. Doch der Hamburger rappt lediglich desinteressiert über Resterampen-Instrumentals von Bawer, Brasco, Cemo, Almnac, Lotuseffekt oder Nocashfromparents, die sofort in Vergessenheit geraten. Feurige Leidenschaft kommt niemals auf, dafür dominiert überhitzte Trägheit. Oder wie Kalim es in "Trappers & Drippers Pt. 2" so treffend ausdrückt: "Ihr habt Feuer, wir haben Lava."

Trackliste

  1. 1. DOTY
  2. 2. 2 Glocks (mit Shafo)
  3. 3. Trappers & Drillers Pt. 2
  4. 4. Spaghetti (mit Xatar)
  5. 5. Body
  6. 6. Freunde Von Niemand

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LAUT.DE-PORTRÄT Kalim

"Meiner Meinung nach mache ich keinen Gangstarap, ich mache einfach Straßenrap. Rap kommt von der Straße. Ich erzähle, wo ich herkomme, auf Westcoast-mäßigen …

5 Kommentare mit 7 Antworten

  • Vor einem Monat

    "Ich bin Afghaner, ich hab' 'ne AK. Das ist das Echteste, was ich jemals gerappt hab"

    Wack af!

    Der Wechsel zu Trap hat seine Karriere gebumst.

  • Vor einem Monat

    KI-Kritik:

    KALIM- "
    D.O.T.Y."
    VÖ: 10. Juni 2022 (Universal Urban)
    HipHop/Rap
    Kalim - D.O.T.Y. Artwork
    LAUT.DE-KRITIK
    Ein ideologisches Worst-of.
    Review von Dominik Lippe
    Kalim hat den Musikmarkt stets genauestens im Blick. Sobald er einen neuen Trend erspürt hat, hechtet er ihm hinterher, um sich mit stolzgeschwellter Brust ganz vorne einzureihen und als Gründer der Bewegung zu verklären. Eben hat er sich noch auf dem reichlich faden "T.O.T.Y." zum Trapper des Jahres gekrönt, schon wechselt er wenig trennscharf in das Fach der Dripper. Doch selbst neben kritikwürdigen Kollegen wie Fler oder Ufo361 fehlt dem Hamburger die Beißkraft. In Kalim steckt weder coolste Techno, noch getragene Bars, selbst die gute Laune, die dieses Album mit unüberwindlichen Rhythmen und Soundwänden, aber auch damit abgetrockneten Songs fehlt er immer. Ganz vorne schreitet auch Kalim in "D.O.T.Y. Mix" verschiedene Bands hinter sich. Aber keine Rede von Größen wie De Staat oder Theke. Und schon gar nicht von Kalim, der es kaum geschafft hat, alles in seine Richtung zu nehmen und nicht an anderer Stelle den Völkermord beizutragen, welcher eine Attraktivität hinter ihm schließt, die er ebenfalls alle auf der Platte verlässt, als im wahrsten Sinne des Wortes, heißt es so selten wie sein letzter Solo-Album, den "Requiem", das eigentlich weniger musikalisch begangen ist, als überaus funktioniert ist und ein halbes Jahr nach seinem Debüt "Flairless" noch immer hält. Kalim hakt bewusst über die grauen Ideen, die dieses zurückgehend ausgelassenen Album zusammenkommt und streut sie aus, aber alles verhindert nichts für den kleinen Bann auf Fälle von Enthemmung. In seinen 80 Minuten entsteht daraus kein Gefühl des Slums, den Kalim begegnen kann. Das passiert auf solch wie lebendigen, exakten Punkrock. Ein typisches Album von Kalim. Vor allem aber musikalisch. Macht alles schon mal nach, wenn das frisch gehasste neuer Album "Kalim" wieder auftaucht. Wenn Kalim's Überflieger "Prototype" in mehreren Versionen mit seinen Freunden auf der Bühne steht, macht es lautstark wieder mal wieder Spaß an Konzerten. Dass die Band mit diesem Soloprojekt noch nicht aus der Homophobie heraus in irgendeiner offiziellen Szene wegzieht, ist allerdings gut so.

    Album-Stream: KALIM - "Kalim"

    Trapperhand von Vortex

    Ab 18 Uhr

    Saalbau

    5183 Hamburg

    Mit fünf verschiedenen Themeninnen wird dem Experimentingenplatten zur Popkultur gebrachte Label die Bühne gestört: Vortex' Alle Gräsern verschleiern die Saalbauten mit den Phantoms, Hydra' Aktuelle Liste mit Pop & Geschichten, die neben Trapperhand zur Metalblume werden. Ska-Brötchen und Aut

    [Am Ende hatte sogar die KI kein Bock mehr auf Kalims Album und fing mit diesem Text an - Anmerkung des Kommentators]

  • Vor einem Monat

    Thronfolger war genial, hör ich immer noch gerne. Was aber danach bei ihm musikalisch passiert ist, ist schon sehr seltsam

  • Vor einem Monat

    Bitte zurück nach Afghanistan, da passt er mit seiner AK und seinem mindset deutlich besser hin.