laut.de-Kritik

Tolles Rerelease zum 30. Geburtstag mit vielen Bonustracks.

Review von

"You shouldn't take it so hard, yeah! You shouldn't take it...shouldn't take it so hard." Beschwingt schmiegt sich 1988 "Take It So Hard" als perfekte Single in Ohr und vor allem Herz des Hörers. Stones? Nein! Jagger? Nein! Unverkennbar Keith Richards in seiner einmaligen Mixtur aus Rumpeln, Filigranität und gefühlvollem Groove.

"Mick ist jetzt 'Sir Mick', weil die Queen ihn zum Ritter geschlagen hat. 'Sir Mick' ... Wir haben andere Namen für ihn in der Band." Kein Zitat Keith Richards' bringt sein ebenso enges wie schwieriges Verhältnis zu Jagger so britisch-trocken auf den Punkt. Doch ohne diese Reibungen und manch zeitweiliges Zerwürfnis in ihrer musikalischen Ehe gäbe es "Talk Is Cheap" nicht. 30 Jahre nach der ersten Veröffentlichung erscheint Richards erstes, mit Abstand bestes Soloalbum in mehreren Anniversary-Editionen als schickes Remaster mit sechs unveröffentlichten Tracks aus den damaligen Sessions.

England 1987: Keith Richards ist mit einiger Berechtigung stinksauer. Rollender Stein des Anstoßes ist einmal mehr Mick Jagger. Seit längerem widmet Mick sich mit Feuereifer einer Solokarriere, bunkert seine besten Songideen für zwei LPs ("She's The Boss", 1985 und "Primitive Cool", 1987) und behandelt die Rolling Stones eher als lästiges Stiefkind. Kein Wunder, dass das gemeinsame Stones-Album "Dirty Work" 1986 eher durchwachsen geriet und seine beste Nummer - "One Hit (To The Body)" - im Wesentlichen aufs Konto von Ronnie Wood und Keith ging.

Doch aus eben dieser Talsohle erwächst Richards höchst gelungenes Solodebüt. Das sensitive Naturell des ledrigen Rockpiraten fördert in freundschaftlich-harmonischer Umgebung echte Inspiration zu Tage. Kein Wunder, dass sein Gefolge ausnahmslos aus Kumpeln besteht. Auch qualitativ trägt die Band ihren Namen The Expensive Winos zu Recht. Trotz edler Gäste wie Bootsy Collins oder Maceo Parker stechen zwei Asse musikalisch heraus. Mit Drummer Steve Jordan, seines Zeichens Blues Brothers-Urgestein, der gerade Neil Youngs "Landing On Water" einspielte, schreibt er die Lieder, produziert und arrangiert. Jordan kümmerte sich auch um das hervorragende Remaster dieser Ausgabe.

Daneben glänzt besonders Gitarrist Waddy Wachtel. Wachtel - gern gebucht von Iggy Pop oder James Taylor und essentieller Teil jeder Scheibe von Stevie Nicks - übernimmt jenen selbstbewusst ergänzenden Part, den sonst Ronnie Wood im Zusammenspiel mit Richards verkörpert.

Sollte es bis dato noch irgendwelche Zweifel bezüglich Richards' Stellenwert bei den Stones gegeben haben, fegt "Talk Is Cheap" diese nach seiner Veröffentlichung im Oktober 1988 endgültig hinfort. Sehnige Rockriffs, erdiger Blues, ausgelassener Rock'n'Roll sowie ein paar Tupfer Reggae entwerfen ein typisches Keith-Mosaik. Die Stücke unterstreichen simultan die hohe Bedeutung seiner Beiträge zur Mutterband.

Dabei geht ihm Jaggers in jeder Dekade sichtbares Streben nach zeitgenössischen Popsounds komplett ab. Richards kalkuliert weder noch experimentiert er. Seine Lieder interessieren sich nicht für Zeitkategorien oder Trends. Es gibt nur einen Ursprung: Die totale Emotion mit dem Rockriff als Narrativ einer Rhythmus gewordenen Ewigkeit. Zu diesem dominanten Bauchgefühl gesellt sich eine große Portion Cleverness im Songwriting und gebiert ein paar der besten Songs aus dem Stoniversum.

Drei Lieder überragen die ohnehin gelungene Melange und lassen auch die meisten Stones-Tracks hinter sich: "Struggle" präsentiert ein knochentrockenes Riff, dessen simple, schneidige Effektivität augenblicklich mitreißt. Ein Archetyp typischen Keith-Rocks, dessen schlacksiger Charme es mit jedem artverwandten Klassiker aus der Jagger/Richards-Feder aufnehmen kann.

Balladenfreunde erhalten mit "Locked Away" ihren Feuerzeug-Moment. Besonders die akustisch angelegten Elemente gewinnen im 2019er Remaster an Körper und rücken mehr in den Fokus. Den krönenden Refrain wird man tagelang nicht los. "Locked away, she oughta be locked away."

Und dann gibt es noch dieses eine Lied, jenes einzigartige Juwel, in dem Keith alles auf den Punkt bringt, was ihn musikalisch ausmacht. "You Don't Move Me" ist eine unschlagbare Groovenummer, die auch nach weiteren 30 Jahren keinerlei Patina ansetzen wird. "Better that you kill the light. You give it a solar fright. (...) It's no longer funny, he's bigger than money. You just don't move me anymore!" Es gehört nicht viel Exegese dazu, den Sarkasmus als Abrechnung mit Jagger zu enttarnen. Viel wichtiger jedoch als die Textebene ist die Musik.

Man beachte das clevere Zusammenspiel von Akustik- und E-Gitarre und den sexy Drive von Clappings und Orgel mit den keithtypischen "Aha-ah-ah-ahaha"- Chören. Hätte man dieses Lied gemeinsam im Zeichen der Zunge veröffentlicht, es würde heute in der Galerie der Stones-Klassiker einen hohen Rang einnehmen. Im Mittelteil schlägt Richards die Axt so schroff und zerklüftet an, wie er es kurz davor erstmals auf Tom Waits Meilenstein "Rain Dogs" tat. Zum Ende übernimmt Wachtels Akustische das Ruder, bis der letzte Ton verglüht. Besser kann man einen Rocksong nicht umsetzen.

Auch die sechs Outtakes ergeben als erweiterte Fassung des Blickwinkels durchaus Sinn. Jimmy Reed sowie Eddie Taylor, große Vorbilder der Stones, die auch auf "Blue & Lonesome" gecovert werden, erhalten mit "Big Town Playboy" und "My Babe" stimmige Hommagen. Noch schöner klingen Richards Eigengewächse. Das über zehnminütige "Slim" und der "Blues Jam" lassen das instrumentale Könnertum aller Beteiligten explodieren. Regelrecht unter die Haut geht das funky angelegte "Brute Force", eine Art Schwesterlied von "You Don't Move Me". "Viele die über Rock sprechen oder ihn machen, vergessen dabei das 'Roll'", sagte Richards einst. Er nicht.

Trackliste

  1. 1. Big Enough
  2. 2. Take It So Hard
  3. 3. Struggle
  4. 4. I Could Have Stood You Up
  5. 5. Make No Mistake
  6. 6. You Don’t Move Me
  7. 7. How I Wish
  8. 8. Rockawhile
  9. 9. Whip It Up
  10. 10. Locked Away
  11. 11. It Means A Lot
  12. 12. Blues Jam
  13. 13. My Babe
  14. 14. Slim
  15. 15. Big Town Playboy
  16. 16. Mark On Me
  17. 17. Brute Force

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