laut.de-Kritik

Bass Music auf Sprachreise.

Review von

Bereits das epochale Intro von "Second Language" kündigt an, dass hier ein ganz besonderes Album aus den Boxen dröhnt. Angus Finlayson, so der bürgerliche Name von Minor Science, hat mit seiner ersten LP überhaupt ein Werk geschaffen, das dem Prädikat abwechslungsreich eine neue Bedeutung verleiht. Ob jener Abwechslungsreichtum daran liegt, dass der Brite diverse Jahre als Musikjournalist aktiv war und sich in diesem Zug mit sämtlichen Facetten der Dance Music beschäftigt hat?

Die knapp bemessenen 36 Minuten Spielzeit, in denen sich vor allem Bass Music, Techno, Ambient-Einschübe und allerlei Sprachfetzen zu einem Stream of Consciousness verdichten, legen das zumindest nahe. Der Titel des Albums, der Tracks sowie das Simon-Beckett-Zitat auf dem Steinmetz-Cover liefern zudem den theoretischen Hintergrund, vor dem sich "Second Language" bewegt – und dabei eine schlichtweg hervorragende Figur macht.

Klar, insbesondere elektronische Musik ohne Lyrics im herkömmlichen Sinn lässt sich kaum auf eine Bedeutungsebene festnageln. Dass Finlayson sich intensiv mit dem Themenkomplex Sprache beschäftigt hat, erkennt man dann aber doch. Glücklicherweise klingt "Second Language" aber auch für Nicht-Linguist*innen absolut fesselnd – "Balconies" mit seinen Drumsalven und tollen Melodiebögen an zweiter Stelle ist ein gutes Beispiel.

Wie Minor Science mit Samples arbeitet, sie in seiner kühlen, stählernen und doch nicht seelenlosen Klangsprache platziert, ist bemerkenswert. Die Stimme mutiert nicht zum Instrument, wie etwa bei Errorsmithl, dekonstruiert sich aber auch nicht in die Unkenntlichkeit wie bei so vielen Noise-Acts. Am ehesten ersetzen die kurz geschnittenen Samples vakante Stellen im Beat-Gerüst, begeben sich in ein Wechselspiel mit den flirrenden, teils glitchigen Melodien wie im hyperaktiven Bass-Track "Polyglottal".

"Spoken and Unspoken" erinnert mit seinem Knarzen und ausladenden Synths hingegen and die traumwandlerischen Reisen Boards Of Canadas, bleibt aufgrund der Störgeräusche und Lautstärkeschwankungen jedoch betont diesseitiger. "Second Language – Tender Phonemes", einer von insgesamt drei Tracks mit dem Albumnamen im Titel, baut nebst Hi-Hat-Rascheln auf kristallklare Glockenklänge und gewährt eine kurze Ruhepause.

Die ist vor dem extrem hibbeligen "For Want Of Gelt" auch bitter nötig. Der wohl stärkste Track des Albums hangelt sich mit grollenden Subbässen, Cowbells und schimmernden Pads derart stilsicher an der Schnittstelle zwischen Techno und Bass Music entlang, dass es eine wahre Freude ist. Die lächerlich gut programmierten, zunehmend organisch klingenden Drums in der letzten Minute tun ihr Übriges.

"Blue Deal" drosselt das Tempo im Anschluss wieder etwas, lässt etwas Luft zwischen die geschundene Kick und aufgeriebene Snare strömen und fokussiert sich in Beatrice Dillon'scher Manier auf reduzierte Klangforschung. "Gone Rouge" fährt hingegen den geradesten Beat der LP auf und präsentiert sich auch deshalb als das vielseitig einsetzbarste Stück in puncto Dancefloor-Tauglichkeit. Nach einer weiteren eindrücklichen Reprise der bereits aus dem Intro bekannten Melodie beendet "Voiced and Unvoiced" "Second Language" mit einer weiteren Referenz an den Sprachapparat.

Schwelgerisch und ins Ungewisse mäandernd geht Minor Sciences Debütalbum zu Ende. Umso konkreter fällt aber das Gesamtfazit aus. Hier liegt ein Album vor, das konzeptionell hervorragende, durchdachte elektronische Musik liefert, diese aber gleichzeitig nicht ihrer Körperlichkeit beraubt. Eine einnehmende Kombination, die schon im ersten Jahresdrittel die Bestenlisten ins Auge fasst.

Trackliste

  1. 1. Second Language (Intro)
  2. 2. Balconies
  3. 3. Polyglottal
  4. 4. Spoken and Unspoken
  5. 5. Second Language - Tender Phonemes
  6. 6. For Want Of Gelt
  7. 7. Blue Deal
  8. 8. Gone Rouge
  9. 9. Second Language - Kid The Moon
  10. 10. Voiced and Unvoiced

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