laut.de-Kritik

Das trojanische Pferd der Deutschpop-Gefühlsduselei.

Review von

Wir müssen aufhören, Leute zu schnell zu sehr zu loben. Für Schmyt hat es eine EP gedauert, bis er der neue Everybody's Darling im Deutschrap geworden ist und dabei trotzdem jeden glauben lässt, er sei der persönliche Geheimtipp. Fairerweise: "Gift" wird dem Hype ja auch mehr als gerecht. Ein Brezelbruder-Frank Ocean mit Bazzazian-Beats? Ja, bitte! Aber leider wirkt es so, als hätte es auch nur eine EP gedauert, bis Schmyt dem eigenen Hype schon ein wenig zu sehr glaubt: Die halbe Stunde Debütalbum umgibt ein paar Highlights mit langer ereignisloser Synthesizer-Windstille, zu schmachtend, um zu unterhalten, zu Casper 2012, um textlich zu überzeugen. "Universum Regelt" macht zu wenig Spaß, um Pop zu sein, und hat zu wenig Substanz für Indie.

Das Ding ist: Dieses Album macht trotzdem erstmal einen fantastischen Job, atmosphärisch zu klingen. Diese Synth-Wände, tapeziert mit Echo und Delay wie bei einem James Blake oder einem Don Toliver erzeugen diesen tollen Sog-Effekt, den Fridl von Puls treffenderweise als Zeitlupen-Sound bezeichnet hat. Und diesen Sound können er und seine Produzentinnen und Produzenten. Er eignet sich eben auch gut dafür, über lange Strecken so zu klingen, als würde gleich etwas richtig Cooles passieren. Und das tut es manchmal, oft aber auch nicht. Vielen Songs fehlt Spannungskurve oder Bewegung gänzlich. Und das gerade von einem Mann, der mit Songs wie "Taximann" mehr als bewiesen hat, dass ein Lied stimmungsvoll, intensiv und trotzdem ein Banger sein kann.

Was sind die Highlights auf "Universum Regelt"? Das etwas umständlich benannte "Abendkleider Und Nadelstreifen" erweist sich als Volltreffer: Der elektronische Bounce und der gelungene Drop erzeugen einen der treibenden Momente, auch die Vocals und das Autotune klingen geschmackvoll und stimmig. Der Titeltrack "Universum Regelt" macht musikalisch Bock, einfach, weil die Vocals im Refrain die wohl beste Performance des Debüts bringen. Starke Melodie, starker Text, das klingt alles ziemlich fett. Auch "Medusa" baut atmosphärisch einen verschickten Portishead-Vibe auf. In diesen Momenten zeigt Schmyt, dass er zurecht dieses Golden Child der deutschen alternativen Pop-Szene ist; er geht Sound-technisch hier und da definitiv die Extrameile und hat auch die Stimme und das Charisma, eine außergewöhnliche Genre-Idee zu rocken.

Warum schleppt er seine guten Ideen dann trotzdem so oft durch generische Radio-Formeln? "Ich Wünschte, Du Wärst Verloren" ist ein Parade-Beispiel. Ich weiß nicht, ob ich verrückt werde, aber in meinem Kopf singt irgendeine dämonische Stimme im Hintergrund des Refrains Meghan Trainors "Love You Like I'm Gonna Lose You" - und irgendwie kann ich nicht mehr abstellen, wie generisch die Melodie, der Aufbau und der Refrain klingen. Ähnliches gilt für "Höhenangst", "Bumms" und "Scherben Und Schnittwunden": Es ist dieser Typ von deutschem Playlist-Pop, der mit pseudo-intensiven Texten und geschmackvollen Sound-Designs überschminken will, dass diese Musik das Ed Sheeran-Gelüst von Leuten befriedigt, die sich zu fein wären, Ed Sheeran in ihre Playlist zu tun.

Aber all diese Radio-Anbiederei ist ja spätestens widerlegt, wenn man einen Blick auf seine bestimmt sehr guten und gefühlvollen Lyrics wirft, oder? Nun ja, teils. Ich muss noch mal auf meinen Casper-Vergleich zurückkommen, denn mein erster Impuls war, in Schmyt das "XOXO"-Pendant dieser Generation zu sehen. "Vielleicht ist Fliegen nur fallen von Flügelschlag zu Flügelschlag", "Du kannst so kalt werden, alles friert / Ich halte Brandtränen, alles taut", "Ein blutender Mond, sie hat dunkle Visionen", "Kann sie nicht mehr seh'n, optimierte Gesichter / Trägst du da Goldkette oder ist das ein Strick?" - erzählt mir bitte nicht, dass ihr diese Lines nicht sofort in Caspers Stimme hört - und es gibt viele dieser Lines, die Klassenkameraden damals auf Tumblr gepostet hätten. Weil sie völlig überzogen, etwas gewollt poetisch und beim zweiten Nachdenken ziemlich bescheuert sind.

Aber dann musste ich doch zurückziehen: Denn zum einen zielt Schmyt vermutlich auf eben die Kids, die damals "Xoxo" gehört haben, und zum anderen ist dieses Tape einfach viel zu bieder, um einen vergleichbaren kulturellen Impact zu haben. Auf "Bumms" regt er sich über Nazis und den Klimawandel auf, was prinzipiell gut und richtig ist, aber er macht es so halbherzig, dass man spürt, dass diese Lines nicht hier wären, wenn sie nicht die in der Bubble mehrheitsfähigste existierende Position wiederholen würden. Aber es passt in ein Bild einer recht gemütlichen Platte, die verzweifelt einen rebellischen Anstrich sucht.

Absurder äußert sich das in seinen immer wieder auftauchenden Lines gegen die Reihenhäuser und Gartenzäune, gegen die Spießbürger und Anzugträger. Ich wette zum einen meine linke Arschbacke darauf, dass dieser Mann selbst längst in einem Haus mit weißem Zaun lebt, aber selbst wenn nicht; wen will er mit dieser berufsjugendlichen Yolo-Attitüde denn verarschen? "Lebe heute, weil's kein Morgen gibt / Morgen ist auch nur ein neues Jetzt" deutschpop-bardet er auf "Höhenangst", "Komm, wir trinken ohne Grund, ja / Im Schrank von dei'm Papa ist noch Rum, ja" singt er auf "Bumms", als wäre er nicht locker dreißig. Der Prechorus von "Höhenangst" setzt auf "Jetzt weiß ich für immer, was mir fehlt, wenn du mal leavest" einen Anglizismus so unnatürlich, er lässt nach den fellow youths fragen und will wissen, wie es denen gerade so geht. De facto textet Schmyt die ganze Zeit ein bisschen so, als hätte Bob Dylan ihm einen Kompass ohne Norden gegeben. Und über den Cro-Part sprechen wir freundlicherweise einfach mal nicht.

Aber mal darüber hinweggesehen, dass sich ein paar schwache Lines in dieses Album geschlichen haben: Seine Texte fühlen sich generell erschreckend uninteressant an. Seine Idee von Atmosphäre geht kaum über den selben Bilderpool von Autos, Partys und Alkohol hinaus, den man auch in einer Lifestyle-Werbung für Zigaretten verwurstet finden würde. Auch die angeblichen Storyteller bleiben dünn und vage. Ich habe mir den Text zu "Keiner Von Den Quarterbacks" jetzt wirklich ein paar mal durchgelesen - und wer abseits von der Einstiegs-Line irgendeine Auseinandersetzung mit Mobbing darin sieht, muss mehr Fantasie als ich haben. Auch dass "Alles Anders" sich mit toxischer Männlichkeit auseinandersetzen soll, darf mir gerne jemand am Text belegen. Ich sehe es nicht.

Was ich sehe, das sind durch die Bank extrem bemühte und überschriebene Sprachbilder, Melodrama, das auf 11 von 10 gedreht ist und immer wieder der Versuch, nach dem Motto "viel hilft viel" irgendwie Poesie in die Texte zu kriegen. Es entstehen textliche Monstrositäten wie "Aschewolken und Lava, wo bist du? / Der ganze Laden voll Napalm, Mon Bijou?" oder Klischees wie "Und all die Kohle hier macht auch nicht reich / Bеhalt die Rolli, gib mir nur die Zeit, ja". Es fühlt sich vieles an, als wäre zu wenig oder schon viel zu viel daran gearbeitet worden. Denn die besten Momente kommen textlich immer dann, wenn er alltägliche Sprache zu frischen Ideen formt: "Manche spüren den Regen, andere werden nur entsetzlich nass" ist zum Beispiel eine Hammerline, aber auch die unterkühlte, bestimmte Hookline "Ich mach mich nicht zum Hurensohn für dich" entfaltet ihre Wirkung.

Abschließen darf das Album übrigens OG Keemo, der standesgemäß vermutlich dann auch den besten Verse hier kickt. Und auch, wenn die Kollabo an sich schon wie ein feuchter Traum der deutschen Rap-Hipsterschaft anmutet, wirkt es für mich eher bezeichnend, dass Keemo nach diesem erschreckend drögen Album gefühlt erst einmal die langweiligen Synthesizer abschütteln muss und den Beat schließlich komplett umwälzt, um sein Ding zu machen. Ja, das mag ein an sich guter Song-Aufbau sein und "Mach Kaputt" funktioniert gut, aber gerade bei wiederholten Hören fühlt es sich doch immer mehr wie ein Symbolbild an. "Universum Regelt" mag zwar grundsätzlich eine ähnliche Ästhetik und einen ähnlichen Sound wie die "Gift"-EP mitbringen, fühlt sich aber auf Anhieb so viel weniger spannend an. Der Wagemut, die Risiken, die Banger sind alle weg; man fühlt sich, als würde hier im trojanischen Pferd der interessanten, atmosphärischen Musik doch nur wieder der immergleiche Deutschpop-Trog an uns herangeführt werden.

Trackliste

  1. 1. Ich Wünschte, Du Wärst Verloren
  2. 2. Medusa
  3. 3. Alles Anders (Weniger Im Arsch) (feat. Cro)
  4. 4. Keiner Von Den Quarterbacks
  5. 5. Liebe Verloren
  6. 6. Tangobounce Freestyle
  7. 7. Abendkleider Und Nadelstreifen
  8. 8. Buddy Holly
  9. 9. Scherben Und Schnittwunden
  10. 10. Universum Regelt (feat. Majan)
  11. 11. Höhenangst
  12. 12. Proteinprodukte 2D Metaverse Skit
  13. 13. Bumms
  14. 14. Mach Kaputt (feat. OG Keemo)

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10 Kommentare mit 4 Antworten

  • Vor einem Monat

    Problematisch wird es, wenn ich bei manchen Songs erst überlegen muss in welcher Sprache er eigentlich singt. Wenn er doch wenigstens mal den Mund aufmachen würde...

  • Vor einem Monat

    Universum regelt mindestens 5/5 - überragend! Endlich jemand der Pop mal anders macht! Und Herr Götz, der macht alles wie immer - langweilig! Vielleicht mal bei Schmyt einen Kurs für neue Bilder finden buchen?

  • Vor einem Monat

    "Wir müssen aufhören, Leute zu schnell zu sehr zu loben."

    lol? stattdessen regelrecht hasserfüllt ablästern? Das ist keine Review, das ist ein richtig abgefucktes Opinion-Piece. Man muss die Mucke oder den Typ ja nicht mögen. Aber das ist so ziemlich die beschissenste, einfallsloseste Kack-Review, die ich hier je gelesen hab. Und ich bin schon ein Paar Jahre dabei. Und hab auch schon paar richtige Kack-Reviews hier gelesen. Aiaiai, Dicker. Hat Matthias Manthe dir dein Frühstücksbrot geschmiert? :D