laut.de-Kritik

Die Chic der 90er kehren zurück - mit Mark Ronson.

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"The Funk Is Back" - Mark Ronson und The Brand New Heavies geben hiermit kein leeres Versprechen ab. Sie beweisen auf "TBNH" mit etlichen sehr guten Songs: Funk funktioniert im Jahr 2019. Erstaunlich unvermittelt, selbstverständlich, rau und plötzlich führen die ersten beiden Tracks in die Welt des Acid-Jazz hinein. In den 90ern handelte es sich bei Acid-Jazz um eine Nische - benannt nach dem Londoner Label Acid Jazz Records, auf dem "TBNH" nun erscheint. Diese Musik lehnte sich an repetitive Beats an, Offbeat, mit echtem Schlagzeug. Zugleich sang ähnlich wie in House und Rave damals in der Regel eine Frau mit lasziver Stimme. Insgesamt diente die Musik zugleich dem Tanzen, dem Chill-Out wie auch (im Falle Jamiroquais) der Bewusstseinsschärfung.

Um von dort beim Funk zu landen, legt nun erstmals Mark Ronson mit Band Hand an. Mainstream könnte man erwarten - jedoch: Fehlanzeige! Um mitsummen zu können, braucht die Platte sehr viele Durchläufe und öffnet zögernd den Blick auf die Geheimnisse hinter ihrer Vielschichtigkeit. "Heat" beeindruckt als richtig basstief gelegter P-Funk im Stile von Parliament. In den Refrain-Keyboards setzen Ronson und die Heavies auf eine wohlbekannte Akkordfolge aus Marillions ewig brillanter Hookline "Kayleigh". Nach zweieinhalb Minuten erreicht das Ensemble so viel Hitze, "Heat", dass die E-Gitarren ekstatisch knittern und knödeln, was in der Kombi mit Honey Larochelles kippendem Tonfall zwischen Engel und Vamp eine extrem intensive Wirkung hat.

Als hingebungsvollstes Stück setzt "Together" mit Angie Stone am Mikro noch einiges drauf: Die recht schnell gespielte Klavierballade verweist wie schon früheres Heavies-Material auf Carole King. Zugleich zaubern die Keyboards noch ganz anderen 70ies-Flair, und zwar aus der Ecke von Roy Ayers und Artverwandten. "We're still together somehow", heißt die Message, und die Saxophone glühen vor Anmut und Erregung. Die E-Gitarre hat das Stoische des Beatles-Klassikers "Come Together", auf den "Together" wohl ganz bewusst anspielt.

"In these troubled times / we'll be confighters, you and I / with the same back-off to fight / They're mountains to climb and with love as I got / we've made it like here alive". Mit Liebe überwindet man die größten Hindernisse (nachzuschlagen schon im Soul-Klassiker "Ain't No Mountain High Enough"). Eine Moog-Orgel psychedelisiert den Song und sorgt so für dessen Peak.

Die weiteren Titel pendeln zwischen Songs der Ronson-Handschrift, z.B. dem Electro-Funker "Wired Up", und Heavies-geprägten Tunes wie "These Walls". Im Sound von Kendrick Lamars Originalsong "These Walls" fand sich die Londoner Band 2015 wohl wieder und covert also nun seinen Acid-Jazz-Rap-Track.

Der kräftige Gesang von N'Dea, sehr viel Saxophon und eine ordentliche Neigung zum Jazz schließen zum Erfolgsalbum "Shelter" von '97 auf, wobei just damals Siedah Garrett am Mikro die Vertretung für N'Dea Davenport machte. Davenport entschied sich für Soloplatten, und einer der neuen Tracks, "It's My Destiny", hätte gut auch auf solchen Solo-CDs von ihr Platz nehmen können. Den jedoch singt hier wiederum Siedah, und die Stimmen lassen sich kaum auseinander halten. Das war immer der Kniff bei den Brand New Heavies: brillanter Gesang, aber bruchlose Wechsel zwischen den Chanteusen. Auf dem Album wechseln sich jetzt sieben Ladies ab.

In "Dance It Out" bringt Toursängerin Angela Ricci bringt hier in einer halben Minute um die 40 Mal die Wörter "Dance" und "Dancing" unter. Der Song knüpft an Chic und den Nile Rodgers-Sound, und an Kool & The Gang in deren zweiter Phase an. Die 2010er-Jahre waren dank Daft Punk, Pharrell Williams, Bruno Mars, Chic-Anthologien und Chic-Comeback-Album eine interessante Revival-Ära dieser völlig übergeschnappt euphorischen Musik.

Abseits von der Anfeuerung zum Tanzen durchlaufen die Texte verschiedene andere Aspekte der Funk-Lyrik: Solidarität und Zusammenhalt, schrittweise Entwicklung zum Besseren, positive Psychologie und Selbstbewusstsein, Enthusiasmus und Glaube an sich selbst, Freiheit und das Kleinreden von Furcht und Ängsten. Auch "when the road is rocky", wenn der Weg steinig ist, muss man an sich glauben, wofür es nie zu spät ist. Jede Entscheidung treffe man bewusst, singt Siedah Garrett im großartigen "Just Believe In You". Die expressiven Saxophone und die Stimme drücken zusammen die Motivationssprüche glaubhaft aus. Man könne jederzeit "vergangene Fehler" korrigieren, wenn man "foolish and self-ashamed" war, meint die Heldin im Song "Getaway"; am Mikro: Davenport. Die Dame will ihren Liebhaber zurückgewinnen, nachdem sie ihn verprellt hat.

Die Hymne des Albums ist das Afro-perkussive "The Funk Is Back". Ronson glückt mit der Verknüpfung zum Disco-Funk ein guter Kompromiss, um die Heavies einer neuen Zielgruppe schmackhaft zu machen. Ein exzellentes Album in praller Klangqualität, das über Hürden klettern hilft ("mountains to climb") und aus dem Instrument Saxophon das Maximum herauskitzelt!

Trackliste

  1. 1. Beautiful
  2. 2. Stupid Love
  3. 3. Just Believe In You
  4. 4. Getaway
  5. 5. Heat
  6. 6. The Funk Is Back
  7. 7. Together
  8. 8. These Walls
  9. 9. It's My Destiny
  10. 10. Wired Up
  11. 11. Dance It Out
  12. 12. Little Dancer
  13. 13. Dontcha Wanna
  14. 14. Get On The Right Side

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