laut.de-Kritik

Rockstarleben geschwänzt, um Cartoons zu schauen.

Review von

Trippie Redd hat eine verwirrende Karriere. Er stand oft kurz davor, das nächste große Ding zu sein. Mal um Mal ist er am Versuch gescheitert, dieses eine Album zu machen, das sein Potential so richtig verwirklicht, aber er hatte trotzdem Hits genug, um den Glauben daran nicht erlöschen zu lassen. "Trip At Knight" sieht nun nach zwei geradezu katastrophalen, völlig unfokussierten Projekten wie der Versuch aus, noch einmal aufs Ganze zu gehen. Mit großkaliberigen Gästen schießt er sich musikalisch auf den neuen Rage-Sound ein und versucht, seinen eigenen "Die Lit"-Moment zu forcieren. Die Kohäsion macht das Projekt stimmiger, aber am Ende fehlt ihm doch das Songwriting, um 18 Rage-Sounds nicht monoton werden zu lassen.

Interessant ist die überwältigende Bandbreite an Produzenten, mit der er arbeitet. Die sind teilweise sehr unbekannt, zumeist talentiert und kommen aus allen Ecken der Welt. Es ist nur problematisch, dass fast jeder Song von anderen Beatmachern übernommen wird. Trippie muss eine klare Vision davon gehabt haben, was Rage-Sound für ihn bedeutet: Videospiel-Synthesizer, sperriges Melodie-Layering, ein bisschen 8Bit- und Chiptune-Psychedelia und energetische 808-Grooves. Es ist ein logischer Sound für ihn, für den er mit Songs wie "Love Scars" selbst mit Grundfesten gelegt hat. Nun holt er ins Boot, wer 2021 diesen Sound macht und findet eine ganze Reihe starker und markanter Beats. Und man muss sagen - die klingen alle gleich gut. Betonung leider aber eher auf dem "gleich" als auf dem "gut".

Playboi Carti hat damals mit Pi'erre Bourne ebenfalls versucht, aus einer eng abgesteckten Soundidee alles herauszuholen, aber durch die enge Produzenten-Zusammenarbeit kamen variantenreichere Songs heraus. Es gibt auch auf "Trip At Knight" die Songs, die herausstechen. Aber auf jedes "Holy Smokes" und jedes "Matt Hardy 999" kommen ein halbes Dutzend Songs, die man quasi nicht auseinanderhalten kann. "iPhone", "Space Time" oder "Finish Line"; es ist so offensichtlich die selbe Idee, der selbe Flow und die selbe Stimmfarbe.

Was am Ende effektiv gegen die drohende Monotonie hilft, das sind Features. Die besten Songs der Platte profitieren von ihren Gastbeiträgen. Dass die beiden Singles "Miss The Rage" mit Playboi Carti und "Holy Smokes" mit Lil Uzi Vert gleichzeitig auch die besten und markantesten Songs der Platte sind, hilft dem Gesamteindruck wenig. Drake macht sein Ding überraschend smooth auf dem explosiven Beat von "Betrayed", Juice WRLD wird mit dem sich wunderschön zum Ende variierenden Instrumental auf "Matt Hardy 999" ein süßes Denkmal gesetzt. Auch SoFaygo und Ski Mask The Slump God machen ihr Ding.

Aber das ist es halt auch; die Features sind da, um das abzurufen, was sie ohnehin machen, so richtige Euphorie kommt kaum auf. Die amplifizierende Wirkung der Zusammenarbeit stellt sich nicht ein, weder durch die Produktion, noch durch Trippies Präsenz als Performer. Der macht leider auch meistens nur Dienst nach Vorschrift. Dafür, dass er zur Zeit eine der variantenreichsten Stimmen der Rap-Landschaft hat, bleibt er hier überraschend oft im selben Bag, rappt wenig griffige Refrains und pendelt inhaltlich zwischen leerem Gang-Gepose und unzähligen Referenzen an Kinderserien. So süß Namedrops an Zack & Cody, Phineas & Ferb, Dragonball Z und ein Dutzend andere auch sein mögen, irgendwann fühlt die Sause sich an wie ein Typ, der zwischen den Studio-Sessions das Rockstar-Leben schwänzt, um Cartoons zu schauen.

Am Ende hängt es voll und ganz daran, wie sehr man sich auf den Rage-Sound einlässt, denn musikalisch gibt es keinen Moment, in dem "Trip At Knight" nicht mindestens cool und nach vorne gedacht klingt. Spätestens im letzten Drittel merkt man aber, wie aus der Sound-Skizze der Platte die Luft weicht, vor allem dann, wenn Trippie selbst den Songs nicht mehr zutraut, mehr als einen Part und Hook zu tragen. Das sollte vielleicht Monotonie vorbeugen, macht aber nur, dass die Songs noch weniger Eindruck hinterlassen.

Vielsagend ist, dass mit "Rich MF" mit Polo G und Lil Durk sowie der Detroit-Kollabo "Captain Crunch" zwei Songs nachgeschoben werden, die ihren Features die Ehre erweisen und vielleicht Crossover-technisch viel Potential haben, aber offensichtlich überhaupt nicht auf dieses Album gehören. "Trip At Knight" ist ein mutiger Vorstoß in ein wachsendes Subgenre und klingt beizeiten großartig, aber es zeigt einmal mehr, dass Trippie einfach nicht über die Songwriting-Skills verfügt, um eine ganze Platte auf dem eigenen Rücken zu tragen. Features sind seine einzige Taktik gegen die Monotonie, aber am Ende holt er aus denen auch nichts anderes heraus, als es jeder andere getan hätte.

Trackliste

  1. 1. Molly Hearts
  2. 2. MP5 (feat. SoFaygo)
  3. 3. Betrayal (feat. Drake)
  4. 4. Finish Line
  5. 5. Holy Smokes (feat. Lil Uzi Vert)
  6. 6. Super Cell
  7. 7. Miss The Rage (feat. Playboi Carti)
  8. 8. Supernatural
  9. 9. Demon Time (feat. Ski Mask The Slump God)
  10. 10. Matt Hardy 999 (feat. Juice WRLD)
  11. 11. Vibes
  12. 12. New Money
  13. 13. Danny Phantom (feat. XXXTentacion)
  14. 14. Space Time
  15. 15. Baki
  16. 16. iPhone
  17. 17. Rich MF (feat. Polo G & Lil Durk)
  18. 18. Captain Crunch (feat. Sada Baby, Babyface Ray & Icewear Vezzo)

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1 Kommentar

  • Vor einem Jahr

    Geb dem Ding ne 4/5. Ist für diesen Sound schon etwas lang. Aber der Track mit Drake oder MP5 machen dass wieder wett. Und „Miss the Rage" ist sowieso der Track des Jahres bis jetzt. Find dass Album insgesamt sogar besser als Whole lotta Red.