laut.de-Kritik

Eine Ode an das Ende der Dinge und die Akzeptanz des Verlusts.

Review von

Tristan Brusch präsentiert mit "Am Rest" seine ganz eigene, moderne Auslegung des Chanson. Dabei gibt es ganz sicher auch Stimmen, die jetzt aufschreien und sagen, dass das doch kein Chanson sei, viel eher NDW-Pop oder Indie-Schlager-Irgendwas. Die Genre-Frage rund um Tristan Brusch konnte in den letzten Jahren nicht so richtig geklärt werden. Spoiler: Auch sein neustes Album wird diese Diskussion nicht beenden.

Stets in Begleitung mindestens einer Gitarre und gern auch provokativ, manifestiert Tristan Brusch auf "Am Rest" Prinzipien und Abgründe der Gesellschaft sowie des eigenen Lebens auf eine Art und Weise, die ins Herz geht. Dass Tristan es unseren Erwartungshaltungen auch dieses Mal nicht leicht machen möchte, beweist er direkt im ersten Song.

"Zwei Wunder Am Tag" heißt des Intro der Platte, das mit einer leisen Akustikgitarre einsteigt und super entspannt wirkt. Tristan besingt das Leben und die Tristesse des Alltags, die wiederum dazu führt, dass wir alle uns nach ein wenig mehr sehnen. Kaum hat man sich so richtig an die gemütliche Singer-Songwriter-Atmosphäre gewöhnt, bricht der Refrain herein: Schreiend, laut, wütend, verzerrt und vulgär. So ziemlich all das, was man gerade nicht erwartet hat. 1:53 Minuten dauert es, bis Tristan Brusch beweist: Ihr habt keine Ahnung, was hier noch auf euch zukommt.

Was auf einen zukommt, sind elf Lieder, die besonders von Tristans Stimme getragen werden. Durch die minimalistischen Instrumentals stehen die Texte eindringlich im Vordergrund eines jeden Songs – und die können sich auch sehen lassen. Geschickt kombiniert Tristan Brusch Erzählungen voll sprachlicher Finesse und zeitgleich auch Humor, die tiefer gehen, als man es von Popmusik vielleicht erwarten würde. Auf "Am Rest" ist nichts oberflächlich, nichts einfach so daher gesagt. Jeder Song ist so nah an seinem Künstler dran, dass man sich beinahe fühlt, als hätte man die 33 Jahre seines Lebens am eigenen Leib erfahren.

Zu diesem Leben, von dem Tristan Brusch erzählt, gehören auf "Am Rest" vor allen Dingen – wie der Titel unschwer vermuten lässt – jegliche Reste. Reste des eigenen Lebens, der Erinnerung, der Gesellschaft. Vergänglichkeit, Zerfall und Endzeitstimmung tragen Tristan von Song zu Song und kleiden das Album in einen schwerwiegenden Mantel aus Gesellschaftskritik und Reflexion des eigenen Lebens. "Warum kann ich nicht fühlen, was alle anderen fühlen? Warum stimme ich nicht ein, wenn ihr anfangt zu heulen?", gesteht Tristan auf "Der Abschaum" und begibt sich damit in eine Rolle, die den gesellschaftlichen Zerfall von außen betrachtet.

Doch so weit von dieser Gesellschaft, die er beschreibt, ist er dann doch nicht. Im wohl hektischsten Song "Krone der Schöpfung" nimmt Tristan sich selbst nicht heraus, wenn er von Ambivalenzen der menschlichen Moral spricht und zu dem Schluss kommt: "Ich bin die Krone der Scheiße". Auf "Schönleinstraße" wiederum begibt der Wahlberliner sich lyrisch in die Perspektive eines Obdachlosen in einem Berliner U-Bahn-Hof und zeigt sich äußert empathisch – von humorvoller, aufgedrehter Provokation fehlt hier jede Spur, denn manche Themen bedürfen eben einer gewissen Ernsthaftigkeit. Wann es Zeit für diese Ernsthaftigkeit ist und wann man Dinge auch einfach mal in Humor verpacken kann, diesen Dreh hat Tristan Brusch raus.

Was ebenfalls nicht in Witzen verpackt, sondern deutlich angesprochen werden muss, ist die Geschichte hinter dem Song "2006". Melancholisch und doch entschlossen erzählt Tristan von einer Person, die er liebte und die ihn liebte – bis zu dem Tag, an dem sie sich das Leben nahm. "Ich wollte dir noch so viel erzählen, ich hab' mich geschämt, war wie gelähmt und hab' irgendeinen Schrott von einer Postkarte zitiert". Ehrliche Selbstreflexion wechselt sich in diesem Song mit Erinnerungen an die Vergangenheit, bis der Song schließlich immer weiter aufbricht, emotionaler und lauter wird und dann wieder verstummt, so wie die Trauer auf dem Album es eben auch tut.

Die Liebe gehört natürlich ebenso zu den Themen, die auf "Am Rest" eine tragende Rollen spielen müssen. Hieß es nicht eben noch, das sei ein Album über Vergänglichkeit und Zerfall? Je länger man drüber nachdenkt, desto weniger fremd sind sich diese Welten. Dabei gibt es nicht gerade altbekannte Trennungsgeschichten zu hören, sondern beispielsweise auch eine Reflexion der eigenen jugendlichen Sexualität und Unwissenheit. "Wir waren diffus, alles behauptet, nix gewusst, wenig gefühlt" heißt es auf "SM Jugend", der von sexuellen Praktiken und dem jugendlichen Umgang damit erzählt. Auf verschiedenen Songs reflektiert Tristan Brusch vergangene Beziehungen, die damit verbundene Hoffnungslosigkeit und das unermüdliche Festhalten an Dingen, die längst losgelassen werden müssten: "Wenn die Liebe uns verlässt, halten wir uns fest, am Rest". Doch so bitter und verletzt einige der Songs auch wirken, so kommt Tristan schließlich doch zum Schluss: "Einer liebt immer mehr, der bin ich immer gern".

Die getrübte Stimmung der Songthematiken findet sich natürlich auch im Sounddesign wieder. Auf seinem letzten Album "Das Paradies" klangen Tristans Songs noch deutlich bunter und aufgeregter. Überall elektrische Gitarren und poppige Synthesizer, eine Aneinanderreihung von 80s-Pop-Songs die sich nach Rummelmarkt anfühlen. Diese Fülle ist auf "Am Rest" verschwunden. Die Songs sind rau und roh, allesamt live im Studio aufgenommen, ohne danach noch großartig daran herumzuschrauben. Jedes Klavier, jede Gitarre und jetzt Trommel auf "Am Rest" klingt beim Hören genau so, als würde sie in diesem Moment live in den Kopfhörern eingespielt werden. Für den Sound dieses Albums gibt es kein Nachbessern, keinen Wunsch nach Perfektion. Stattdessen bieten die Songs unverfälschte Momentaufnahmen, wie die raffinierten Texte des Tübinger Musikers es eben auch tun.

Kann man so ein Album, das nur von Zerfall, Abschied und Depression spricht, wirklich bis zum Schluss hören, ohne selbst komplett in eine Lebenskrise gestürzt zu werden? Ja, denn auch Tristan Brusch ist gar nicht so pessimistisch und verbittert, wie es in einigen Songs wirken mag.

Das beweist der letzte Song des Albums "Das Leben Ist So Schön". Mit Jahreszahlen versehen erzählt er aus seinen ersten 13 Lebensjahren: 1988 in Gelsenkirchen geboren (via Kaiserschnitt). 1991 in Dänemark im Wohnwagen gelebt, während die Eltern dort Konzerte spielten. 1995 zurück in Tübingen, wo man als Kind mal eine tote Ratte vergraben oder die Hausaufgaben nicht gemacht hat. 2001 wird dann die erste Zigarette geraucht. Tristan Brusch erzählt viele Minuten lang von diesen höchst persönlichen Erinnerungen, die zwar seine eigenen sind, aber trotzdem eine Identifikationsfläche bieten. Zwar mögen es seine Erinnerungen sein, aber sie gehören ihm eben nicht allein, sondern in gewisser Art und Weise uns allen – mal mehr, mal weniger. Während Tristan Brusch so die eigene Kindheit abarbeitet, beginnt man beim Zuhören unweigerlich darüber nachzudenken, was man eigentlich selbst in diesem Jahr oder Alter getrieben hat. Und gerade, wenn man überlegt, wie cool das alles eigentlich war oder nicht, flüstert Tristans warme Stimme einem zu: "Das Leben Ist So Schön". Und irgendwie hat er in diesem Moment damit Recht.

"Am Rest" ist eine Ode an das Ende der Dinge und die Akzeptanz des Verlusts. "Am Rest" ist aber auch die Einsicht, dass all der Zerfall und die Probleme um uns herum zwar ernst sind, trotzdem aber nichts daran ändern, wie schön es ist, am Leben zu sein. Tristan Brusch braucht weder Genre-Schubladen noch massentaugliche Texte, um mit diesem Album zu beweisen, dass er verstanden hat, wie man ein Publikum in seinen Bann zieht. Zugegeben, für so ein Album muss man offen und bereit sein, und wer auf pathetischen Weltschmerz keine Lust hat, wird vermutlich auch nur mit einem Bruchteil der Songs glücklich. Wer sich hingegen auf eben diese Welt einlässt, hat die Chance, mit "Am Rest" eines der beeindruckendsten Alben des Jahres 2021 zu entdecken.

Trackliste

  1. 1. Zwei Wunder Am Tag
  2. 2. Der Abschaum
  3. 3. Am Rest
  4. 4. So Weit Weg
  5. 5. Ein Wort
  6. 6. Schönleinstraße
  7. 7. Krone Der Schöpfung
  8. 8. SM Jugend
  9. 9. Einer Liebt Immer Mehr
  10. 10. 2006
  11. 11. Das Leben Ist So Schön

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7 Kommentare mit einer Antwort

  • Vor einem Jahr

    Ich muss bei dem Album irgemdwie dieganze Zeit an Udo Jürgens denken

  • Vor einem Jahr

    Tristan Brusch = abgefuckter Reinhard Mey

  • Vor einem Jahr

    Gefällt mir tatsächlich ausgesprochen gut.

    Mutige Entscheidung, im einzigen Song ohne eigenen Biographiebackup, Schönleinstraße, die Perspektive eines Obdachlosen einzunehmen. Sowas kann von "außen" ja schnell mal einen etwas unguten Geschmack haben, zumindest in den falschen Hälsen. Da mir selber die Situation bisher ebenfalls erspart geblieben ist und ich mich auch nicht in anderer Form (beruflich, ehrenamtlich o ä) eingehender damit beschäftigt habe, kann ich eigentlich nicht wirklich beurteilen, ob der Text als Gedankenwelt eines Betroffenen realistisch ist. Plausibel wirkt er auf mich allemal. Und im Zweifel bin ich sowieso ein Freund davon, auch dann die Auseinandersetzung mit fremden Positionen zu suchen, wenn der Weg zwangsläufig übers Halbwissen führt, anders funktioniert das mit der Empathie mMn nämlich nicht. Weil die Nummer außerdem auch musikalisch eine bei aller ungeschönten Trübsal irgendwie großartige, würdevolle Stimmung erzeugt, ist das mein großes Highlight des Albums.

    An zu geringer Auswahl anderer toller Stücke liegt das aber nicht - 2006, Am Rest, Zwei Wunder Am Tag sind zB auch super. Eigentlich gefällt mir nur die Krone der Schöpfung nicht, So Weit Weg plätschert vll. noch ein bisschen dahin.

    Im Ganzen zwar ein bisschen viel Pathos, aber den Themen und seiner Stimme steht das schon ganz gut so. Danke auf jeden Fall für die hiesige Euphorie, hat (m)ein dünnes Musikjahr doch erheblich bereichert. Schönes Interview übrigens auch :)