laut.de-Kritik

Menschen, Hunde, Emotionen.

Review von

Altväterlich grinst uns der 30-jährige Wincent Weiss im schicken Frack am Steuer einer Limousine sitzend an. Er kennt ja seine Zielgruppe. Klar, auf Instagram machen auch einige Bots, die sich als fünfzehnjährige Mädchen ausgeben, dem Bügelmusikfabrikanten schöne Augen. Primäres Ziel des Herrn Weiss dürften jedoch die Portemonnaies der silbereisenguckenden Großmütter mit weichen Herzen bleiben. Ein Weihnachtsalbum sollte es diesmal sein, entschied Weiss (oder sein Management). Bereits am 1. Oktober gab der Strahlemann Einblick in die Arbeit an seinem Mammutwerk, das er mit der drolligen Alliteration "Wincents Weisse Weihnachten" betitelte: "Seit Februar haben wir uns regelmäßig im Studio eingeschlossen, um an diesem Projekt zu arbeiten."

Recht geschmackvolle Streicher eröffnen "Beste Zeit im Jahr", ehe das Piano einsetzt. Udo Jürgens hätte mit einer solchen musikalischen Basis etwas anfangen können. Doch Wincent Weiss ist nicht Udo Jürgens. Allzu bieder und gestellt gut gelaunt fällt der Refrain aus. Wir lernen sehr früh auf dem Album, dass der wandelnde Schwiegermuttertraum – wer hätte das gedacht? – ausschließlich Positives mit der Weihnachtszeit assoziiert. "Es gibt so viel zu erzähl'n", behauptet Weiss noch, ehe er doch nur Floskeln à la "Es ist die beste Zeit" über seinen vermeintlichen Lieblingszeitraum des Jahres säuselt. So viel Vorfreude verleitet ihn auch noch zu einem auf die vorweihnachtliche ARD-Primetime schielenden "Uuh-uuh-uuh-uuh-uuh!".

Was sonst noch lyrisch auffällt? Wincent Weiss scheint trotz seiner großen Weihnachtspassion kein allzu frommer Christenmensch zu sein, dichtet er doch vom ersten bis zum letzten Song des Albums ausschließlich säkulare Zeilen. Aber auch ohne Exkurse über Krippen und Weise aus dem Morgenland gibt es für den bekennenden Gefühlsmenschen viel zu schwärmen: So zeigt er sich auf "Ohne Dich" begeistert von Kindern, die durch Schaufensterscheiben starren. Und auch – Tiere gehen immer! – Vierbeiner scheinen es ihm angetan zu haben: "Hinter jeder Tür, da spielt Musik / Und selbst der Hund vom Nachbar schaut verliebt." Als Kinderlied annehmbar, für gebefreudige Omas sicherlich auch.

Dann wird es durch den Einsatz etwas zu penetranter Streicher melancholisch – ein bisschen zumindest, nicht zu sehr, es ist ja Weihnachten. Lyrisch zeigt sich Weiss ambivalenter als sonst: Das besungene lyrische Du in der Ballade "In dem Ort" ist nicht zwangsläufig menschlicher Natur. Es könnte sich auch um den "Ort, wo der Bus nur einmal hält" handeln. Einmal in der Stunde? Einmal am Tag? Einmal im Jahr? Am 24. Dezember? Man erfährt es nicht. "Immer im Kreis und das schon seit 100 Jahren" fahren die Schlittschuhfahrer in jenem sonderbaren Ort, berichtet Weiss und lässt dabei lyrisch geschickt offen, ob es sich nach so langer Zeit immer noch um dieselben Schlittschuhfahrer handelt. Hat hier jemand eine rare Zielgruppe für sich entdeckt? So viele Fragen, so wenige Antworten. Egal, Feuerzeug raus, denn "über uns leuchtet der Mond, der auch schon ewig hier wohnt"! Wenn die windschiefen Sprachbilder und Weiss' schlagereske überdeutliche Aussprache nicht wären, würde es sich sogar um eine durchschnittliche Ballade handeln.

Vorübergehend wird es ätzend. In "Das alles ist Weihnachten" kratzen die Streicher im Refrain allzu penetrant, dazu gesellt sich ein noch penetranterer Weiss, der seine Weisen zum Besten gibt. So lässt er uns etwa an seinem Faible für "geputzte Kinderschuhe draußen im Flur" teilhaben. Das war uns neu. Dass er ein Faible für "Lebkuchen, Zuckerguss und Gummibär'n" hat, wussten wir hingegen bereits vorher. Dazu hätte es kein Kuchenbacken – oder um es in seinen eigenen Worten zu formulieren: "In allen Küchen werden Häuser gebaut" – benötigt. Dann lässt Weiss auch noch den Schelm heraushängen: Er kokettiert damit, sich auf der Weihnachtsfeier daneben zu benehmen. Mutiert Weiss nun zum Bad Boy? Nicht doch, Oma Ursel kann im Supermarkt ihres Vertrauens unbesorgt zu "Wincents Weisse Weihnachten" greifen, denn der winterbegeisterte Sunnyboy betont die Zeile so verschmitzt-beschwichtigend, dass auch jeder Großmutter aus dem sagenumwobenen "Ort, wo der Bus nur einmal hält" klar werden sollte, dass er unter "daneben benehmen" lediglich das Trinken eines Glühweintässchens zu viel meint. So ein Lausbub aber auch!

Auf den schlechtesten Song des Albums folgt der beste. Auf "Nur kurz vorbei" greift Weiss zur Akustikgitarre und erinnert sich an eine nicht näher genannte verstorbene Person, deren Platz beim Weihnachtsfest leer bleibt. Hier beweist der Musiker, dass er nicht nur ein guter Sänger ist, sondern gänzlich unpeinliche Lyrics schreiben kann, wenn er Floskeln und Reime meidet. Schade, dass das Lied auf dem Album in qualitativer Hinsicht deplatziert wirkt.

Es folgt ein mit Streichern angereichertes Loblied auf die heilende Kraft des Schnees und der Rückfall in alte Reimmuster. "Leise rieselt der Schnee", rezitiert der kulturell bewanderte Wahlmünchner ein altes Weihnachtslied, ehe er uns – es besteht schließlich wieder Reimpflicht – Folgendes mitteilt: "Es tut fast gar nicht mehr weh!" Dabei bleibt offen, was genau nicht mehr wehtut. Dass der Schnee in Weiss' Ode nicht in Form eines Slangwortes zu Ehren kommt, scheint indes klar zu sein, wir befinden uns schließlich auf einem familienfreundlichen Album.

Genau so geht es weiter – familienfreundlich und bügelkompatibel. "Bist du bereit" fährt alles auf, wonach Florian Silbereisen lechzt: Uptempo, gute Laune, einen Mitgrölrefrain, Floskeln, Reime ("Bist du bereit? Für die schönste Jahreszeit? Wenn es um die Liebe geht und 'n Zauber durch die Straßen weht?") und viel Schnee. In "Wie zum ersten Mal" wandelt Weiss keineswegs auf den lyrischen Spuren eines Peter-Maffay-Klassikers, sondern schwelgt in Erinnerungen an das erste Weihnachten.

Fast schon sozialkritisch geht es auf der Pianoballade "Weihnachten allein" zu, in der der barmherzige Sankt Wincent mit seinen Gedanken bei den Menschen ist, die an den eigentlich schönsten Tagen des Jahres in den eigenen vier Wänden verweilen. Dabei gäbe es doch eine naheliegende Möglichkeit, diese glücklich zu machen: "Es wär so leicht, weil ein Lächeln manchmal reicht." Wenige schmierige Zeilen später legt Weiss jegliche Skepsis hinsichtlich der geradezu magischen Kräfte zuckender Mundwinkel ab, aus dem "manchmal" wird Gewissheit: Zeigt man seinen Mitmenschen nur ein Lächeln, "ist niemand Weihnachten allein". Herzallerliebst! Man sollte den bekennenden Philanthropen vom 24. bis zum 26. Dezember (mindestens!) auf nicht-musikalische Deutschlandtour schicken, damit er die Menschen mit seinen blendend weißen Zähnen erfreut.

Aus all dem Zuckerguss auf der zweiten Albumhälfte sticht "Schenk mir Zeit" positiv hervor. Weiss nutzt in seinem angenehm spärlich instrumentierten Lovesong ein anderes Timbre als auf den restlichen Albumtracks, singt tiefer, wirkt authentischer.

Ansonsten regiert die Weihnachtsphrasendrescherei. Auf dem Schunkellied "Silvester" zeigt Familienfeierbiest Weiss, dass ihm Weihnachten nicht genug ist, während er in "Kinderaugen" freudig feststellt, dass "keine Frage [...] naiv" sei, wenn man sie durch das titelgebende Sehorgan betrachte. Will sich hier jemand rechtfertigen? Musst du nicht, Wincent, ehrlich! Wir sind alle nur rational-nutzenmaximierende Menschen.

"Was für ein Jahr" schließt das Album mit erstaunlich gut eingesetzten Big-Band-Bläsern, Piano und Drums ab. Leider wird die Musik einmal mehr durch 08/15-Lyrics konterkariert. Weihnachten war schon mal hörenswerter.

In den sozialen Netzwerken droht Weiss bereits implizit mit jahresendzeitlichem musikalischem Nachschub in den kommenden Jahren: Er schreibt, dass "Wincents Weisse Weihnachten" sein "allererstes Weihnachtsalbum" sei. Lieber Wincent, tu dir keinen Zwang an und belass es vorerst bei diesem einen! Genieß den Glühwein oder den Schnee oder was auch immer und schließ dich nicht wieder ab Februar in deinem Studio ein!

Trackliste

  1. 1. Beste Zeit im Jahr
  2. 2. Ohne Dich
  3. 3. In dem Ort
  4. 4. Das alles ist Weihnachten
  5. 5. Nur kurz vorbei
  6. 6. Schnee
  7. 7. Bist du bereit
  8. 8. Ich komm nach Haus
  9. 9. Weihnachten allein
  10. 10. Wie zum ersten Mal
  11. 11. Schenk mir Zeit
  12. 12. Kinderaugen
  13. 13. Weihnachten zu zweit
  14. 14. Silvester
  15. 15. Was für ein Jahr

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5 Kommentare mit 2 Antworten

  • Vor 2 Monaten

    Karmapunkt dafür, dass nicht die ewig gleichen Weihnachtssongs verwurstet wurden und ein zweiter für die Alliteration, bleiben ungehörte 2/5 für diese Klangerzeugnisse für die Weihnachtssonderausgabe des Fernsehgartens

    • Vor 2 Monaten

      Nein, tut mir leid. Für diese Alliteration hätten Punkte nur für den einen Fall anerkannt werden können, in dem Photoshop-Philip unserem vom Winde verwehten Wincent extra für's Artwork nicht noch schnell die Koks-Reste unter der Nase wegretuschiert hat.

  • Vor 2 Monaten

    Dies gewinnt den Ungehört 1/5 Award '23. Musik, die ungehörter als ungehört ist, Musik, die so ungehört ist, dass sie in einem Vakuum vor sich hin vegetieren muss. Das liebe ich so sehr an UNGEHÖRT 1/5!!

  • Vor 2 Monaten

    Auf dem Cover kann man deutlich erkennen, dass Winz ein harter Rokkker ist: Er ist gar nicht angeschnallt.

  • Vor 2 Monaten

    Bei Herrn Weiss kam die weisse Weihnacht dieses Jahr verfrüht, wie man am debilen Gesichtsausdruck unschwer erkennen kann. Der hat das mit dem Skilift etwas zu wörtlich genommen.

  • Vor 2 Monaten

    Sorry Leute - wieso rezensiert ihr diesen Müll überhaupt? Verrisse schreiben mag ja lustig sein, aber immerhin reinhören muss man ja - gibt's da nen Redaktionsmaso?

    • Vor 2 Monaten

      Einerseits: Es heißt ja nicht "Onlinemagazin für gute Musik" sondern "Online Musikmagazin", und das schließt nunmal auch beschissene Musik mit ein.

      Andererseits: Verrisse beschissener Musik bringen natürlich Klicks, siehe zB die Anzahl der Kommentare unter Besprechungen von Rammstein oder Onkelz-Platten.