laut.de-Kritik

Die Liebe lässt auch schwierige Zeiten überstehen.

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Die Ankündigung, dass Joe Henry das neue Album der Musikerin aus Brooklyn produzieren würde, erzeugte hohe Erwartungen. Corona machte jedoch einen Strich durch die Rechnung, denn statt in Henrys Studio in Los Angeles fanden die Aufnahmen remote und an verschiedenen Orten statt. Die Atmosphäre und das Zusammenspiel der Musiker, die Henrys Produktionen und eigene Platten so einzigartig machen, konntn sich also nur bedingt manifestieren.

Von dieser Einschränkung abgesehen, bleibt auch Aoife O'Donovans drittes Album unter eigenem Namen (zu denen sich zahlreiche weitere gesellen, mit verschiedenen Bands und Projekten) ein sprudelnder Quell an Ideen, Einflüssen und Überraschungen. Im Wesentlichen ist sie eine Singer/Songwriterin, begleitet von Akustikgitarre, doch in einem Bandgefüge fühlt sie am wohlsten, wie sie selbst sagt. Dazu hat sie eine Vorliebe für ungewöhnliche Akkordfolgen und Melodien, zu denen sich häufig Rhythmuswechsel gesellen. So setzt sie sich von den meisten Kolleginnen ab und erinnert in dieser Hinsicht eher an einen Musiker, mit dem sie schon seit vielen Jahren zusammenarbeitet, Chris Thile.

Während O'Donovan in Orlando, Florida weilte und sich ein Studio in einem Universitätsgebäude einrichtete, saß Henry in seinem Haus in Maine. O'Donovan schickte ihre Spuren - Stimme, Gitarre, Klavier - an Henry, der sie wiederum an seine Stammmusiker weiterleitete, unter ihnen Jay Bellerose (Schlagzeug), David Piltch (Bass) und Patrick Warren (Klavier, Orgel), die sich jeweils an anderen Orten befanden. Als Gast war u.a. die Kanadierin Allison Russell beteiligt, die ihre Beiträge aus Nashville funkte und in "Prodigal Daughter" auch offiziell als Künstlerin aufgeführt wird. Die Spuren fügten O'Donovan und Henry dann im Remote-Austausch zusammen.

Wie gut das funktionierte, zeigt sich beispielhaft an "Town Of Mercy", "ein Lied, bei dem Joe Henry zu mir sagte:'Hast du Lust, zu probieren, ob dir zu diesem Text, den ich hier rumliegen habe, etwas einfällt?' Im Grunde war es ein Gedicht, so schön und unglaublich bewegend. Ich habe damit auf der Gitarre herumgespielt, aber ich wusste, dass ich es auf dem Klavier umsetzen sollte. Ich ging ins Studio und hatte den Text auf meinem Computer, direkt neben mir. Ich skizzierte rasch, wie ich es haben wollte, und nahm das Klavier auf. Das ging alles sehr schnell. Dann fügten wir das Schlagzeug hinzu, und ich legte diese seltsame Gitarrenbegleitung drüber", erklärt O'Donovan.

Eine weitere Zusammenarbeit ist "Prodigal Daughter", das sie über mehrere Jahre mit dem Bluegrass-Musiker Tim O'Brien geschrieben hat, das wohl traditionellste Stück auf dem Album. Die meisten Lieder stammen jedoch aus O'Donovans Feder. "B61" ist eine Buslinie, die durch Brooklyn führt, doch hier für eine Art Fluchtplan steht, falls das Ende der Welt nahen sollte. Zum Treffpunkt mit ihrer Familie, ein nicht näher benannter See in Minnesota, reist sie dann in "Elevators", das Bilder aus ihrem Tourleben sammelt ("so etwas wie ein kleines Liebeslied an den Lebensstil eines vagabundierenden Musikers auf Tournee", so O'Donovan).

Den Titeltrack beendet Aoife elegant mit der ersten Strophe aus Joni Mitchells "My Old Man", das sie im Radio hört, während sie sich Gedanken über unsere Gegenwart macht. "Oh, to be born in the age of apathy, when nothing's got a hold on you ("Ach, im Zeitalter der Gleichgültigkeit geboren zu sein, wenn einen nichts mehr bewegt"), lautet ihre Feststellung, die erst mal ziemlich traurig klingt. Doch die Botschaft ist eine andere, denn das Album klingt nachdenklich, aber auch lebensbejahend. Gleich im Anschluss singt O'Donovan (der Spruch prägt auch die offiziellen T-Shirts zum Album) "If you need someone to hold, you can hold me". Mit Liebe lassen sich auch diese schwierigen Zeiten überstehen.

Trackliste

  1. 1. Sister Starling
  2. 2. B61
  3. 3. Phoenix
  4. 4. Age Of Apathy
  5. 5. Elevators
  6. 6. Prodigal Daughter
  7. 7. Galahad
  8. 8. Town Of Mercy
  9. 9. Lucky Star
  10. 10. What Do You Want From Yourself?
  11. 11. Passengers

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