laut.de-Kritik

Endlich komplett zu hören: Die beste Band der Achtziger-BRD!

Review von

BRD, 1981: Bevor die Neue Deutsche Welle Deutschland überrollt, veröffentlicht eine Band mit dem (scheinbar) albernen Namen Bärchen Und Die Milchbubis ihr Debüt-Album "Und dann macht es Bumm", das mit all seinen Begrifflichkeiten dermaßen in die Irre führt. Was hier zu hören ist, ist nämlich nichts weniger als eine Sensation – schnoddriger Punk mit schönen Popmelodien, geschärfte Lyrics zwischen Dada und Kritik und eine Atmosphäre zwischen Hoffnungslosigkeit und Aufbruchsstimmung gespickt mit viel Spaß und Selbstzerstörungsattitüde.

Die hannoveranische Band, die sich schon mit ihrem Namen vom damaligen Machotum der Punkszene ironisch selbstbewusst absetzt (Sängerin Annette - "Bärchen" - und ihre Bandgenossen - "die Milchbubis"), setzt auch musikalisch neue Akzente, die nun endlich in einer großen Werkschau mit dem genialen Namen "Endlich Komplett Betrunken" gewürdigt werden. Denn so kurz und knackig wie die Songs, war leider auch die Lebensdauer der Band.

Eine Single, eine EP und ein Album wurden damals alle gefeiert und gelobt, sind aber heute – 40 Jahre später – fast vergessen. Doch diese Compilation hebt die Schätze (wie ihren kleinen Hit "Tiefseefisch") aus den Tiefen der deutschen Undergroundszene der frühen Achtziger und versammelt alle Songs der legendären EP und der LP, neu gemastert von den Originalbändern sowie einige herrlich kaputte Live-Aufnahmen. Außerdem gibt es neu eingespielte Bonusstücke wie eine Coverversion von DNS ("39 Clocks") und den Mix aus ihrem Song "Tagebuch" mit dem Punk-Klassiker "Samen im Darm" – ihr Stinkefinger gegen Schwulenhass. Auch andere Songs mit feministischen, wütenden, anarchischen und humorvollen Texten sind so wenig vorhersehbar, dass sie direkt ins Jahr 2021 katapultiert genauso klingen wie die Musik, die man jetzt dringend braucht.

Die trotzig rotzige Hymne "Jung kaputt spart Altersheime" ist "No Future" und "Verschwende Deine Jugend" prägnant zusammengefasst. "Muskeln" mit den genervten Zeilen "Wenn mich schon keine mag, warum soll ich euch mögen?" erinnert an die lakonische stets gelangweilt klingende Silvia (hey Labels: die ebenfalls unbedingt ein Reissue ihres einzigen selbstbenannten Albums aus dem Jahr 1982 bekommen sollte).

"Ich will nicht älter werden" ist analog zur Tom-Waits-Coverversion der Ramones "I Don't Wanna Grow Up" eine eindringliche Ode ans Jungsein. Und "Manager" ist ein Fuck You gegen so etwas wie die FDP mit Worten, die heute noch so aktuell sind wie eh und je: "Die Angst um meine Zukunft bringt mich völlig zum Rotieren. Was tu ich, was mach ich, wie verdien’ ich mein Geld. Der Tag ist so schwarz, mich hält nichts auf dieser Welt".

Doch wenn einen irgendetwas auf dieser düsteren Welt hält, dann ist es solche Musik, die nun von vielen wiederentdeckt werden wird und andere daran erinnert, wie frisch und frech Sounds abseits der Schubladen klingen können. Bärchen und die Milchbubis haben jedenfalls ihren Spaß gemäß dem Motto 'No Fun Im Altersheim' zurück. Und sie planen wieder Live-Auftritte: "Los Leute, darauf trinken wir noch einen!"

Trackliste

  1. 1. Jung kaputt spart Altersheime
  2. 2. Muskeln
  3. 3. Tiefseefisch
  4. 4. Dns (1983)
  5. 5. Manager
  6. 6. Blutrache
  7. 7. Fernet
  8. 8. Egal
  9. 9. Schweinekram
  10. 10. Spaß
  11. 11. Tagebuch
  12. 12. Pogo liebt dich
  13. 13. Schnuffel (live)
  14. 14. Tagebuch/Samen im Darm
  15. 15. Ich will nicht älter werden
  16. 16. Drama
  17. 17. Teddyboy
  18. 18. Superfrau
  19. 19. Sid (k)lebt
  20. 20. Motörrad
  21. 21. Oh!
  22. 22. Luftwaffenoffizier (live)
  23. 23. Je t'aime (live)
  24. 24. Dns (Live)

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11 Kommentare mit 33 Antworten

  • Vor 11 Monaten

    Für mich waren damals (also neulich mit 17) Hans-A-Plast relevanter und da gab es ja auch noch Rotzkotz, The Wirtschaftswunder, Fred Banana Combo und und und. Aber so geballt auf einem Album machen Bärchen und die Milchbubis dann doch wieder viel Spaß und schwupps, ist das "das war doch eben erst" Gefühl wieder da. "Ich will nicht älter werden" hat dann doch nicht wirklich geklappt! Aber das ist gut so!

  • Vor 10 Monaten

    Ein paar tolle Songs drauf (Titel nachzulesen beim gueldenen huerensoehn), in den besten Momenten wirklich ausgesprochen charmant. In manch anderen für meinen Geschmack aber doch zu sehr low-fi und -effort in Text und Gesang. Mindestens für den 5. Stern muss die Nostalgie-Brille schon gut sitzen, schätze/unterstelle ich.

    Trotzdem danke für diese hübsche Spätentdeckung, enttäuscht bin ich auf keinen Fall :)

  • Vor 10 Monaten

    Super Kinderzimmerpunk. Liebe es. :) Ne bessere Selektion hätte dem Ganzen gut getan. An die Laut.de Haterbande: Bela und Farin sind Fans! Die haben sich sogar von denen Inspirieren lassen. Scheisse, jetzt müsst ihr die Bärchies gut finden. haha :P