laut.de-Kritik

Bon Jovi statt Black Sabbath.

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Was waren das für schmerzliche Minuten der Buhrufe, die Ghost 2011 als Vor-Vor-Vorband ihrer schwedischen Kollegen In Flames über sich ergehen lassen mussten. Keine mehrstimmigen Gesänge gab es damals zu hören, kein Cardinal Copia tänzelte in dandyartiger Manier übers Parkett. Stattdessen: Selbstgebastelte Kostüme und ein weihrauchschwenkender Pater mit übergroßem Papst-Hut, der zaghaft ins Mikrofon tönt. Elf später Jahre sind undankbare Vorband-Slots im Hause Ghost gänzlich undenkbar. Im Gegenteil: Die Zeichen stehen auf Stadiontournee. Ghost, die Rockband der Stunde – auch mit neuem Album?

Mit "Kaisarion" stellen Tobias Forge und Gespann zumindest schon einmal klar, dass sie nicht nur einen erstklassigen Live-Opener im Feuer haben, sondern nach vier Jahren Albumpause keinesfalls auf stumpfem Wiederholungskurs segeln. "Impera" markiert den Übergang vom popgetränkten "Prequelle"-Balladentum zu waschechtem AOR. Drum dürfte die neue Hymne in den Ohren treuer Ghost-Fans wohl auch zunächst klingen, als wäre der Song nach Fertigstellung noch eben von Moll nach Dur konvertiert worden. Viel wichtiger aber: Die verdammt gelungene Mischung aus angesprochener Livetauglichkeit, hörbarer Spielfreude und brutalster instrumentaler Präzision. (Oh mein Gott, dieser Bass.)

"Impera", so Mastermind Forge, widmet sich dem Aufstieg und Fall großer Imperien – und dem ständigen Kreislauf dieser historischen Prozesse. Im weiteren Verlauf des Albums geht es dabei aber nicht immer so konkret zu wie im auf Kleopatras (und vermutlich Caesars) Sprössling gemünzten "Kaisarion". Das anschließende "Spillways" widmet sich den mannigfaltigen Verführungen der süßen Macht in etwas allgemeinerer Sprache. Vor allem aber sorgt es für die nötigen Abba-Momente, derer sich Ghost spätestens seit "Meliora" nicht mehr verschließen. Es ist schon bezeichnend, wie zu Zeiten von "Opus Eponymous" vereinzelte Ohrwurmmelodien aus dem doomig-harten Mix herausstachen – und es sich heute im Grunde gegenteilig verhält. Bon Jovi statt Black Sabbath, quasi.

Doch der Stadionrock kennt bekanntlich auch Abgründe. In einen solchen stürzen Ghost auf "Impera" – polemisch gesprochen – gleich zweimal. Zunächst einmal folgt aber die solide, "Prequelle"-würdige Vorabsingle "Call Me Little Sunshine" (gibt es eigentlich AOR-würdigere Zeilen als "You Will Never Walk Alone"?) sowie das über jeden Zweifel erhabene Riffmonster "Hunter's Moon" – die Ghost-Setlist dürfte längst bis zum Bersten mit Hits gefüllt sein.

"Watcher In The Sky" leitet dann leider über in einen Moment der Belanglosigkeit, für den sich womöglich die auf "Impera" omnipräsenten Avicii-Songwriter Salem Al Fakir und Vincent Pontare verantwortlich zeigen. Natürlich sind die exponentiell steigenden Refrainwiederholungen nach feinstem Radiopop-1x1 kalkuliert – doch wie wenig Substanz die mantraartig wiederholte Refrainzeile aufweist, zeigt sich dann spätestens im endlosen, noch einfallsloseren Fadeout, dass uns nach sechs viel zu langen Minuten endlich erlöst. Leider gar kein Killer, sondern bloß ein Filler.

Anders verhält es sich mit "Griftwood": Hier loten Ghost wirklich die Grenzen dessen aus, was sich im Jahr 2022 leider als "Boomer-Rock" abtun lassen muss. Schmalz, wohin man sieht. Nicht falsch verstehen: Der Schmalz ist gar nicht das Schlimme. Das Schlimme ist, dass Ghost in der Vergangenheit schon viel besser geschmalzt haben, ja uns mit dem Rock 'n' Roll-Schmalz gar zu verwöhnen wussten. "I'm Your Rock, Baby / I Won't Back Down". Schmalz. Schmalz Schmalz Schmalz. Scheiße, ich hab 'nen Ohrwurm.

Aber es ist okay, verdammt, es ist okay. Kaum ein Ghost-Album kam bisher ohne einen belanglosen Stinker aus. Es sind ja solche Songs, die einen die weitaus mutigeren Experimente erst so richtig wertschätzen lassen. Experimentell ist hier allen voran "Twenties": ein prophetischer Blick aus der Vergangenheit auf die vermeintlich Goldenen Zwanzigzwanziger.

Vermeintlich, weil Forge hier so schmerzhaft aufzeigt, was der Menschheit so alles misslungen ist: Statt Wohlstand, Frieden und Champagner für alle schenkte uns die Evolution Hoohaa-grabbende Präsidenten und lüsterne Kriegsherren. Mit dem besungenen "Dancing In The Fields Of Freedom" hat es jedenfalls nicht so geklappt. Scheiß Hellseherei – gings doch 2018 auf "Prequelle" noch um die verheerendste aller Pandemien. Aber zumindest um einen Lichtblick ist die Welt nun reicher: Wir haben endlich einen Ghost-Song mit Reggaeton-Beat. Und einen verdammt bösen noch dazu.

Und bei allem Gezeter gegen zwei klebrige Tracks soll nicht unerwähnt bleiben, dass Ghost und Songwriter Forge im Gros des Albums wieder all die Stärken ausspielen, die sie zur interessantesten Genre-Band des letzten Jahrzehnts machen. Mit "Darkness At The Heart Of My Love" gibts die gewohnte Powerballade, die zwar nicht so smooth und sinister wie "Monstrance Clock" und "He Is" daherkommt, dafür aber derart meatloafig aus sich herausbricht, dass einem glatt die Feuerzeug-App in der Tasche aufgeht.

Auf die Tränendrüse drückt dann auch noch einmal das abschließende "Respite On The Spitalfields". Hier erhält das düster grollende Kriegsszenario einerseits natürlich einen unangenehm tagesaktuellen Bezug, besticht aber andererseits mit tragisch-schöner Lyrik: "For The Dreams That You Dread / Can Become Just As Real / As The Blood That Was Shed" – Albumcloser konnten sie eben schon immer.

Was Ghost der großen Leitthematik jedoch opfern, sind ihre vormals herrlich plumpen satanischen Gebete – Aleister-Crowley-Anspielung auf dem Artwork und Zeilen wie "Far Away From The Stench Of The Heavens" zum Trotz. Aber so sind sie eben, die Rock'n'Roll-Lyrics: Mehrdeutig und augenzwinkernd. Und mit genau diesem Augenzwinkern gelingt es Ghost, den Boomer-Rock an eine ganz neue Generation zu verkaufen – indem sie sich die Essenz dessen zu eigen machen, was Mama und Papa an diesem stadiontauglichen Gitarrenrock damals so faszinierend fanden.

Ach, wäre die Welt doch nur für einen Tag so ein buntes Vergnügen wie ein Ghost-Arenakonzert im Jahre 2022: Voll mit Schminke, Konfetti und tausend unfreiwilligen Ohrwürmern.

Trackliste

  1. 1. Imperium
  2. 2. Kaisarion
  3. 3. Spillways
  4. 4. Call Me Little Sunshine
  5. 5. Hunter's Moon
  6. 6. Watcher In The Sky
  7. 7. Dominion
  8. 8. Twenties
  9. 9. Darkness At The Heart Of My Love
  10. 10. Griftwood
  11. 11. Bite Of Passage
  12. 12. Respite On The Spitalfields

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19 Kommentare mit 5 Antworten

  • Vor 6 Monaten

    Mal schauen wie sich das Album entwickelt. Bei dem ersten Hören fällt auf dass es auf jeden Fall homogener als der Vorgänger ist. Natürlich ist das hier Pop-Rock, und hat überhaupt nichts mehr mit Heavy Metal der ersten Stunde zu tun...aber an Pop-Rock ist auch nichts falsch.

    So und jetzt geht alle noch die neue "Beachheads" (II) hören, das ist Power-Pop vom Feinsten...

  • Vor 6 Monaten

    Einspruch! "Watcher In The Sky" ist ein Knaller

  • Vor 6 Monaten

    Ungehört 5 Sterne, um den 1-Sterne Heinis ans Bein zu pissen.

    • Vor 6 Monaten

      Kommst da leider geringfügig zu spät.
      Die Stelle der Forentöle ist seit kurzem nicht mehr vacant.
      Ghost natürlich unhörbarer Kernschrott für musikalisch Schwerstbehinderte.

    • Vor 6 Monaten

      Echt? Nach langjähriger Beobachtung hatte ich den Eindruck, dass "Forentöle" eine Art Grundbedingung für Posts aller Art ist und der Account sonst gesperrt wird. Aber irren ist hündisch.

    • Vor 6 Monaten

      "Ghost natürlich unhörbarer Kernschrott für musikalisch Schwerstbehinderte." dem ist fast nichts mehr hinzuzufügen. aber dieses little sunshine ding hat ganz ganz hässlich infektiöse HIM spielt blue öyster cult nach-vibes. furchtbar. aber geil. wie mein sechhs-leben