laut.de-Kritik

Mit tiefenentspannten Klängen ins fünfte Bandjahrzehnt.

Review von

40 Jahre existieren Keimzeit mittlerweile, pünktlich zum Jubiläum erscheint nun mit "Kein Fiasko" ein neues Studioalbum. Eine ausgiebige Tournee soll sich im Verlauf diesen Jahres der Veröffentlichung anschließen, sofern Omikron mitspielt.

Diesmal saß statt Moses Schneider Keyboarder Andreas Sperling an den Reglern, der auch schon "Auf Einem Esel Ins All" produzierte. Auf den Keimzeit-typischen Sound zwischen Leichtfüßigkeit, Rockigkeit und Nachdenklichkeit hat das jedoch keinen Einfluss. Dazu macht die Band einen tiefenentspannten Eindruck.

Daran hat auch Lars Kutschke, der nach dem Weggang Martin Weigels den Gitarrenpart übernahm, großen Anteil, reicht doch seine stilistische Pallette von Blues über R'n'B bis hin zu Reggae, so dass die Platte über viel Lockerheit und Erdigkeit verfügt. Das soll aber keinesfalls die Individualleistungen anderer Bandmitglieder schmälern. Leichtfüßige Trompeten- und ruhige Klavierarrangements treten nämlich in einigen Songs stark in den Vordergrund.

In den Texten begegnet man unter anderem einem exzesssiven Plastiktütensammler aus einem "Siebzigerjahre Plattenbau", einer Garderobendame oder einem Hausmeister, also Helden aus der zweiten Reihe. Das Zwischenmenschliche ist hier wichtig, dafür verabschiedet sich die Formation von der Aufmüpfigkeit des Vorgängers so gut wie gänzlich. Die hört man lediglich in "Thronräuber" und "Clowns" heraus.

Schon "Plastiktütenmann" bildet ein hörbares Resultat von Entspanntheit, wenn man funkige Basstöne, lässige Schlagzeug-Klänge, leichtfüßige Reggaerhythmen an der Gitarre, loungiges Keyboard, Norbert Leisegangs angenehm unaufgeregte Stimme und ein Trompeten-Solo vernimmt. "Berlinale" erweist sich danach mit melodischen "Kling Klang"-Anleihen als hübscher kleiner Schlager über das Zusammentreffen eines Brad Pitt-Doubles und eines Klaus Kinski-Lookalikes.

Jedoch stehen die nachdenklichen Momente den Ostdeutschen immer noch am besten wie etwa in der Ballade "Manchmal". Das Gefühl, wenn einen "in Krisen und ähnlichen Situationen" die Realität "im Stich" lässt, verleihen Keimzeit in dem Track mit sparsamen Rhythmen und Akustiktönen, countryesken, weitläufigen Klängen sowie mildem Gesang einen passenden Ausdruck. Trost findet man zuvor im umarmenden Titelstück, wenn es heißt: "Dein Kummer ist kein Fiasko."

Demgegenüber rockt "Thronräuber" richtig schön nach vorne und geizt im Refrain nicht mit Sloganhaftigkeit, wenn Leisegang singt: "Seine alten Könige köpft der Rock'n'Roll selbst". In "Alles Durcheinander" geht es hingegen mit unbeschwerten Indie-Akkorden locker flockig zu.

Richtig stark gestaltet sich das Ende der Platte. "Gutschein" handelt zu geradlinigen Drum-Rhythmen und gelassenen Piano-, Gitarren- und Trompeten-Tönen von dem Versuch, "mit einem Gutschein" eine "Liebe" zu "retten" und enthält mit "unsere Liebe hat den Glanz einer erloschenen Leuchtreklame" eine Zeile, für die man Leisegang als Texter einfach lieben muss. "Zweig" kommt klavierlastig und poetisch daher und lässt genug Raum für eigene Gedanken. In der Mitte heißt es: "Wie lässt sich die Stille ertragen?"

Am Ende bleibt ein Album, mit dem die Band eher auf Altbewährtes setzt, als neue Wege zu beschreiten, das allerdings mit kleinen Verfeinerungen im Sound aufwartet. Wer es gerne unverkrampft, aber trotzdem intelligent mag, sollte auf jeden Fall ein Ohr riskieren.

Trackliste

  1. 1. Plastiktütenmann
  2. 2. Berlinale
  3. 3. Mädchen Für Alles
  4. 4. Das Zieht Sich
  5. 5. Kein Fiasko
  6. 6. Manchmal
  7. 7. Thronräuber
  8. 8. Nummer Eins
  9. 9. Alles Durcheinander
  10. 10. Hausmeister
  11. 11. Clowns
  12. 12. Gutschein
  13. 13. Zweig

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