laut.de-Kritik

"Was ist wahr, was Verschwörungstheorie?"

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"Ich muss dem Volk wieder Punchlines geben." Kollegahs ruppige, sich aber stets auch selbst ironisierende Sprachkunst mag aus der Zeit gefallen wirken, sie unterhält auf "Free Spirit" nach 17 Jahren Karriere aber noch immer. Völlig zurecht, mitunter stilvoll, stellt er weiterhin seine lyrische Überlegenheit sowie die überschaubar ausgeprägte Leistungsbereitschaft seiner Konkurrenz zur Schau: "Das Life der Zombierapper dieser leblosen Industrie besteht aus Partytouren wie 'ne Beethoven-Sinfonie." Als harmlose Unterhaltung ließen sich seine Alben problemlos konsumieren.

Doch der selbsterklärte Boss der Bosse strebt nach Höherem. "Ich wollte nicht nur Geld scheffeln, sondern gleich die Welt retten", erklärt er seiner Hörerschaft in "Monopol", als glaubte er sich seine Rolle selbst. Kollegah will den Geist befreien, und um zu vermeiden, in einschlägigen Kreisen zu landen, distanziert er sich schon im Intro vorauseilend von Verschwörungsideologen: "Was für Aluhutträger?" Es bleibt ein aussichtsloses Unterfangen. Längst bedient er sämtliche Querdenker-Narrative, die er mit Begriffen wie "staatshöriges Schlafschaf" garniert.

"Hau' mir ab mit Politik, alles verblassende Worte. Waffenexporte schaffen Kassenrekorde", mokiert er neben Azad in "Damoklesschwert", als handele es sich um eine unpolitische Aussage. In seinen Augen fungiert die NATO nicht etwa als Verteidigungsbündnis, sondern tritt laut "Blutmond" schlicht "militant" auf. Glücklicherweise vermeidet er es, seine Haltung zu Putin zu formulieren. Hinter der brutalen Invasion stecken auf jeden Fall dunkle Mächte: "Überall Zensur, jede Meinung wird heut' stummgeschaltet. Ukraine-Krieg, und die Welt wird weiter umgestaltet."

Die gerade erst in der "Layla"-Debatte mustergültig durchgespielte rechte Erzählung über herrschende Sprechverbote, findet bei Kollegah fruchtbaren Boden. Als einer der erfolgreichsten Protagonisten seines Genres beschwert er sich in "Bossmode" über die "Cancel Culture" oder flüchtet sich in "Zeitgeist" aus Angst vor Repressalien in fremde Zungen: "They censor me in German, so I tell 'em in English." Als Handlanger stehen dem Staat Medien zur Seite, die die wichtigen Themen unterschlagen ("Hail To The King - Outro"), Propaganda ("Mind Over Matter") und Kampagnen betreiben ("Free Spirit").

"Mainstream-News" gleichen einem "Angstporno", meint Kollegah, wohl mit der Corona-Pandemie im Hinterkopf. Das zentrale Thema der Querdenken-Demos hat es dem Rapper ebenfalls angetan. "Der einzig nachvollziehbare Grund für die Maskenpflicht war aus meiner Sicht nur dein abgewichstes Schwanzgesicht", fasst er seine Sicht auf die Maßnahmen in "Gepanzerter Maybach" zusammen. Ihn interessiert nur die "Diplomatische Immunität", für die es weder eine Booster-Impfung noch 2G-Regeln braucht. Auf Grundschulniveau bekommt dann auch Karl Lauterbach sein Fett weg.

Kollegahs Abneigung gegenüber dem Bundesgesundheitsminister fügt sich in eine wissenschaftsfeindliche Haltung ein, die gerade auch gesellschaftlich Oberwasser bekommt. "Der Gutmensch twittert: 'Wir sind am Klimawandel schuld.' Der Aluhut antwortet: 'Das ist Indoktrination.'", rappt er in "Monopol", während er sich selbst in der vernünftigen Mitte wähnt. Auf sein legitimes Glaubensbekenntnis knüpft in "Free Spirit" der Vorwurf an, dass Naturwissenschaft "subtilem Brainwash" entspricht: "Wie passt Big-Bang-Theorie zu dem Forschungsergebnis, dass aus Chaos nie von selbst Ordnung entsteht?"

Sein Hauptfeind bleibt aber die Evolutionstheorie. "Im Interview sagte ich einst, Evolution ist Riesenschwachsinn. Dass ein Fisch an Lande stirbt und nicht transmutiert zum Affen", heißt es kleingeistig in "Mind Over Matter", "Viele fanden das zum Lachen." Eine Unverschämtheit ist es, wenn er in "Hail To The King - Outro" den Begründer der Theorie für den ideologischen Missbrauch seines Namens verantwortlich macht: "Dieser Darwin schaffte Boden für Rassenideologen." Das sagt ausgerechnet Kollegah, der sich in seinem biologistischen Weltbild stets selbst "Alphagene" attestiert hat.

Ohnehin gehört der Widerspruch zum Programm. "Geld ist ihr Gott, Reichtum ihr Spielplan", bemängelt er in "Sinner", obwohl er selbst ebendieses über Jahre propagiert hat und auch auf diesem Album, ja, innerhalb des Songs betont. Über unzählige Alben und einem grausigen Buch hat er seine Führungsqualität beteuert, um nun in "Free Spirit" alle Autoritäten abzulehnen. Und zu einem Instrumental, das so mittelalterlich klingt wie sein Weltbild, zieht er in "Viking" gegen die "Rap-Kultur-Verräter" in die Schlacht. Der einst disruptive Rapper hält plötzlich die Fahne für Hip Hop hoch.

Als Kulturpessimist setzt er sich auch in "Wie Ein Boss" in Szene. Er beanstandet Rap, TikTok und "Fake Feminism", referiert über das Wesen des Geldes und das Recht des Stärkeren. Vor allem widmet er fast eine ganze Strophe dem Wert der Monogamie. "Ein Mann lebt nicht für Spaß, sondern dafür, etwas aufzubauen", hebt Kollegah hervor, "Und Augen nur für eine haben statt für tausend Frauen." Lob schickt er folgerichtig raus "an jede Frau mit Ehre". Natürlich bleibt ihm das ganz selbst überlassen, aber wieso fühlt sich ausgerechnet der selbsternannte "Zuhälterrapper" dazu berufen?

Nur vereinzelt gelingen Kollegah sympathische Momente, etwa wenn er sich mit Azad verbrüdert, Favorite in "Déjà-Vu" Mut zuspricht oder in "Horizont" seltene Einblicke in seine Kindheit und Jugend gewährt. Letztlich bleibt "Free Spirit" ein Album, das sich um eine zentrale Frage dreht: "Was ist wahr, was Verschwörungstheorie?" Entweder handelt es sich um eine Verkaufsmasche oder der Rapper droht tatsächlich, in dieser Frage verloren zu gehen. Sollte diese Entwicklung weiter voranschreiten, dürfte über kurz oder lang der Verfassungsschutz tatsächlich sein Interesse am Zuhälterrap entdecken.

Trackliste

  1. 1. Klassikmusik - Intro
  2. 2. Monopol
  3. 3. Immernoch
  4. 4. Blutmond
  5. 5. Damoklesschwert (mit Azad)
  6. 6. Mind Kontrol
  7. 7. Gepanzerter Maybach
  8. 8. Shutupmoney
  9. 9. Wie Ein Boss
  10. 10. M.A.C.H.T. (mit Haftbefehl)
  11. 11. Mind Over Matter
  12. 12. Oligarch
  13. 13. Dark Knight (mit Genetikk)
  14. 14. Viking
  15. 15. Medusa Face (mit Dutchavelli)
  16. 16. Déjà-Vu
  17. 17. Weisse Tauben
  18. 18. Free Spirit
  19. 19. Horizont
  20. 20. Hail To The King - Outro
  21. 21. Einfach Auf Die Fresse (mit Farid Bang und Sun Diego)
  22. 22. Bossmode
  23. 23. Diplomatische Immunität
  24. 24. Sinner
  25. 25. Zeitgeist

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36 Kommentare mit 112 Antworten

  • Vor einem Monat

    Alter Falter XD. Stellt er die Evolutionstheorie in Frage weil Fische an Land sterben... Ist natürlich viel logischer, dass ein Gott das alles erschaffen hat. Ich geb die Schuld für seinen psychotisches Verhalten allerdings seinen Fans. Wenn jemand von Natur aus schon überdurschnittliches Selbstbewußtsein hat, macht es die Sache nicht besser wenn man solche Jünger hat die einen seit Tag eins mit Boss und Rapgott ansprechen. Konnte seine Musik nie hören aber wenn der reinen Battlerap macht, ist das schon ok und ich kann verstehen wenn Leute das feiern. Aber dieser Gottkomplex ist ja einfach nur lächerlich.

  • Vor einem Monat

    Kollegah auf Englisch klingt, als würde Arnold Schwarzenegger rappen.

    Und auch wenn der eine Stern hier natürlich mal wieder pflichtschuldiges Gutmenschentum ist, sind die politische Statements des Herrn Blume hier doch sehr unterkomplex. Hätte er das Album auf den Boss Charakter beschränkt, wäre es nette aufgewärmte Nostalgie. So klingt es doch sehr wie die üblichen Verdächtigen, die nach zu viel YouTube meinen, den politischen und wissenschaftlichen Durchblick gewonnen zu haben, dem man dem Mainstream vorenthält.

    • Vor einem Monat

      Was heißt denn "mal wieder?"? Kollegahs vorherige Platte wurde doch relativ wohlwollend bewertet

    • Vor einem Monat

      Es ging weniger um Kollegah als die generelle Maxime von laut, Rapper primär nach der richtigen politischen Haltung und weniger nach der richtigen musikalischen Qualität zu bewerten.

      Wobei er hier wie gesagt schon flache YouTube Kevin Plattitüden dein hat.

      Da muss man trotzdem nicht so weit gehen, aus der Mücke, dass er für eine Metapher aus einem militärischen Bündnis ein militantes Bündnis macht, den Elefanten zu machen, ihn als Putin-Fanboy zu framen. Die Musik alleine bietet ja genug Anlass zur Kritik.

    • Vor einem Monat

      Achso, da bin ich mehr oder weniger bei dir. Finde zwar schon, dass man ihm die flachbirnigen Aussagen auf jeden Fall um die Ohren hauen sollte, aber die Art und Weise ist mitunter schon etwas konstruiert und/oder faul.

  • Vor einem Monat

    ... und da haben wir noch kein wort über das albumcover verloren. was IST das? :rayed:

  • Vor einem Monat

    Ganz ehrlich… grauenhafte und dümmliche Texte, billige Computersounds, albern „Drums“, ein albernes Cover. Überhaupt ist alles blöd!

  • Vor einem Monat

    Interessant. Ich habe mir das Album angehört und den Gedanken gefasst, dass Kollegah eine Psychose hat und seine Texte unmöglich ernst meinen könnte, wäre es anders.
    Einige Aspekte des Reviews würde ich noch stärker oder extremer formulieren: Kollegah wähnt sich wohl weniger in der Mitte von Gutmensch und Aluhutträger, sondern als darüber erhaben. Ich denke, er sieht sich mit seinem "befreiten Geist" schlichtweg als absolut - so absurd es klingen mag.
    Die Stelle mit dem Ukraine-Krieg hört sich und liest sich tatsächlich, erst recht unter Einbezug der restlichen Lieder des Albums, so an, als stehe eine obskure Entität oder Macht auch hinter dem Krieg als Auslöser. Wohlwollend könnte man es jedoch auch derart interpretieren, dass im Schatten des Krieges eine Umgestaltung stattfinden soll, ohne dass der Akteur oder die Akteure der Umgestaltung gleichzeitig Auslöser für den Krieg sein müssen. Ob es was besser macht? - wer weiß.
    Zu guter letzt zum Albumcover, was ein Kommentar hier aufgegriffen hat: ich denke, das Gesicht Kollegahs soll hier im gewissen Sinne vom Licht der Wahrheit erstrahlt sein, während er in der Umkehr den Durchblick hat. Links und rechts liegen jeweils im blauen Dunkel oder Nebel. Stumpfe Bildsprache, vorauseskomptierend, was auf der "CD" hinter dem Cover auf dem Hörer wartet.