laut.de-Kritik

Der Weg heraus aus dem tiefen Tal der Trauer.

Review von

"Stage Four" war 2016 das Meisterwerk von Touché Amoré. Eine Platte, die mich mit voller Wucht ins Mark traf. Frontmann und Haupttexter Jeremy Bolm verarbeitete darauf in brutal persönlichen, herzzerreißenden Zeilen den tragischen Krebstod seiner Mutter. Jeder seiner leiderfüllten Screams war wie ein harter Schlag in die Magengrube. Die große Frage nun: Wie soll man eine ergreifende Platte, die am emotionalen Tiefpunkt geschrieben wurde, noch toppen?

Die Antwort ist: gar nicht. Zumindest in textlicher und thematischer Hinsicht. Und das ist verdammt nochmal auch gut so. Jeremy Bolm, erneut für sämtliche Lyrics verantwortlich, kletterte in den letzten Jahren aus dem tiefen Tal der Trauer und des Schmerzes heraus. Und das hört man "Lament" an. Die neuen Songs handeln davon, wie man nach einer schweren Zeit weiterlebt. Davon, dass das Leben weitergeht. Weitergehen muss. Es bleibt nicht aus, dass auch dabei wieder viel Melancholie und Traurigkeit im Spiel ist – wie etwa im niederschmetternden, aber extrem kraftvollen und mitreißenden "Deflector" ("I'm a secondhand piano / Incapable of tune / Providing the score / For ‘gone to soon"). Allerdings gibt sich Bolm gleichzeitig auch oft vorsichtig optimistisch, erzählt stellenweise mit bitterem Humor aus den vergangenen vier Jahren. Beispielsweise im Closer "A Forecast", wenn er mit ruhiger Stimme berichtet: "I've healed more than suffered / I found the patience for jazz / I still love the Coen brothers / I’ve lost more family members / Not to cancer but the GOP."

Die Texte bleiben eine der ganz großen Stärken der Band, vor allem in Kombination mit Bolms Stimme, die im Vergleich zu den vorherigen Alben nochmal geschärfter daherkommt. Jeder Schrei sitzt markerschütternd, in den richtigen Momenten packt Bolm zudem seine Gesangsstimme aus. Die ist weit entfernt von Perfektion, verfügt aber auch gerade deshalb über viel Persönlichkeit und erhöht noch mal die Authentizität. Wie im erwähnten "A Forecast", bei dem man sich beinahe fühlt wie bei einem intimen Gespräch unter guten Freunden, die sich lange nicht gesehen haben und wo der eine (in diesem Fall Jeremy) den anderen (uns Hörer) auf den aktuellen Stand bringt.

Musikalisch behalten Touché Amoré die spätestens mit der letzten Platte eingeschlagene Richtung bei. Fast sämtliche Songs knacken die 3-Minuten-Marke problemlos, sogar ein Fünfminüter ist dabei ("Limelight") – im Vergleich mit den ersten drei Alben ein Mammut-Werk in Dream Theater-Dimensionen. Dazu wechseln sich harte Passagen, in denen Drummer Elliot Babin und Basser Tyler Kirby ihre Felle bzw. Saiten malträtieren und deretwegen man das Quintett aus L.A. noch immer ins Post-Hardcore-Genre einsortieren kann, mit vielen ruhigen Momenten ab. In diesen steht dann vor allem Bolms Stimme im Vordergrund. Musterbeispiele, wie perfekt dieses Wechselspiel auch innerhalb eines Songs funktionieren kann, sind der großartige Opener "Come Heroine" und die erste Single "Limelight", zu der Manchester Orchestra-Frontmann Andy Hull mit zerbrechlicher Stimme noch einige Zeilen beisteuert, die einen wundervollen Kontrast zu Bolms rauen Schreien bilden.

Noch prägnanter als schon auf den Vorgänger-Scheiben fallen zudem die Melodien aus, für die hauptsächlich Clayton Stevens und Nick Steinhardt mit ihren Gitarren verantwortlich sind. Stellenweise werden dabei die Punkrock-Einflüsse der Band deutlich. Am stärksten fällt dies bei "Reminders" auf, mit dem sich Touché Amoré weiter aus ihrer Komfortzone herauswagen als je zuvor. Der super-eingängige Ohrwurm-Refrain und die Gang-Chants stehen den Kaliforniern aber besser zu Gesicht, als man zunächst meinen könnte.

Trotz (oder gerade wegen?) solcher Ausreißer ist "Lament" ein durch und durch rundes Album. Dazu trägt auch die perfekte Produktion bei, für die sich Jeremy und seine Bandkollegen Ross "The Godfather of Nu Metal" Robinson (ein Titel, den er sich unter anderem mit den Debütalben von Korn und Slipknot verdiente) ins Studio holten. Er verpasste der Band ein gewisses Live-Feeling, das sich vor allem an Bolms Stimme abzeichnet. Sie klingt rau, zerbrechlich, ungeschliffen, aber dennoch schärfer, und kraftvoller. Ähnlich verhält es sich auch mit dem Rest der Band: Man meint, bei den Aufnahmen vor Ort zu sein, so authentisch haut der Sound von Drums, Bass und Gitarren rein.

"Stage Four" ist ein Meisterwerk. "Lament" ein meisterhafter Nachfolger, der sowohl in textlicher als auch in musikalischer Hinsicht logisch daran anknüpft. In ein paar Jahren wird sich dann wieder die Frage stellen, wie es weitergehen soll, nachdem sowohl das emotionale Tal, als auch der anschließende Weg hinaus so brillant verarbeitet wurden. Aber auch darauf dürfte Jeremy Bolm eine mehr als nur zufriedenstelle Antwort finden. Ich kann es jetzt schon wieder kaum erwarten.

Trackliste

  1. 1. Come Heroine
  2. 2. Lament
  3. 3. Feign
  4. 4. Reminders
  5. 5. Limelight
  6. 6. Exit Row
  7. 7. Savoring
  8. 8. A Broadcast
  9. 9. I'll Be Your Host
  10. 10. Deflector
  11. 11. A Forecast

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