laut.de-Kritik

Die Musik gewordene Bürgerlichkeit.

Review von

Alligatoah macht ein Metal-Projekt. Das klingt wie eine Überraschung, aber mich hat es keine Sekunde überrascht. Alligatoahs Zielgruppe rekrutierte sich doch die längste Zeit schon mehr aus dem Rock im Park-Zeltplatz als aus der Hip Hop-Szene. Während allerdings seine Hip Hop-Wurzeln immer mehr zur technicality verkümmern, trägt er auch den Metal (oder was er dafür hält) mehr wie so eine Art Videospiel-Skin. "Off" ist ein frustrierend stinknormales Alligatoah-Album. Dieselben Witze, dasselbe onkelhafte Augenzwinkern, nur diesmal mit ein bisschen Geschrei. Und alle handwerkliche Kompetenz der Welt schützt ihn nicht davor, wie unglaublich normie diese Mucke ist.

Das ist so mein essentieller Eindruck von diesem Album, und es klingt komisch, oder? Normie sein ist nichts Schlechtes. Viva la Taylor Swift! Mein Problem mit Alligatoah kommt daher, dass er auf Songs wie "Weiße Zähne" sehr überzeugt scheint, das definitiv nicht zu sein. Die anderen sind nicht "verrückt genug" für ihn, sie haben ja noch nie über einen "versauten Witz gelacht", formuliert er mit der Energie von einer von diesen "ich mag meinen Humor wie meinen Kaffee: schwarz" oder "das klingt schmutzig, falsch und moralisch höchst verwerflich, ich bin dabei"-Facebookseiten.

Guck mal, dem sein Hemd hat keine Flecken und der geht zum Helene Fischer-Konzert! Alligatoah und Bausa müssen sich ihr Feindbild über diesen Limp Bizkit-Gedenkbeat geradezu cartoonhaft spießig ausmalen, um im Direktvergleich edgy auszusehen. Wenn dieses Album auf die nicht-verrückten anderen herabschaut, dann ist das so, als messe man die Distanz zwischen normalen Büroangestellten und der Büroangestellten an der frechen Frisur.

Große Teile von "Off" sind fremdschamige Oden an die eigene Quirkiness. Auf "Daylight" reinterpretiert er zum Beispiel einen Popsong als Metal-Track. Hammerlustig! Krass, dass auf so etwas noch nie vorher jemand gekommen ist?! Auf "Küssen" geht es darum, dass er sich nicht schämt, in der Öffentlichkeit zu knutschen.

Abgesehen davon, dass ich wirklich nicht weiß, wer sich über so etwas beschwert - Jesus Christus, ist dieser Song cringe. Er klingt so cringe, er lässt mir das Rückenmark erschaudern. "Wir knutschen, wir knutschen", brüllt er gegen pseudo-epische Gitarren, bevor er Rummach-Geräusche mit einem Mund macht, die selbst für die schlimmste deutsche Fernsehkomödie zu fremdschamerregend wären. Ich weiß nicht, ob das ein Thementrack über die spießigen anderen sein soll, die nicht so wild und verwegen wie er sind, in der Öffentlichkeit zu knutschen, oder ob er das sexy findet. Auf jeden Fall wird diese Atomschmelze von einem Song mich noch Jahre in meinen Albträumen verfolgen.

Zuletzt ist da noch die Kernthese des Albums: "So Raus". Da wälzt er sich im Bewusstsein, Jugendsprache und moderne Musik nicht mehr zu verstehen, holt sich Fred Durst im Dad-Modus als Feature dazu und stimmt ein freudvolles "Boomer!" in die Bridge. Junge, du bist (laut Wikipedia) 34 Jahre alt. Mach mal halblang! Es ist ja okay, nicht jeder muss Playboi Carti feiern, aber es spricht doch nicht gerade für einen Künstler, wenn die erste Flaggschiff-Kernthese eines neuen Albums daraus besteht, dass er stolz darauf ist, künstlerisch komplett abgehängt worden zu sein.

Vor allem, wenn man erstmal merkt, dass die ganze Gitarrenmusik keine Rolle spielt, außer blinde, hohle Nostalgie für alte Zeiten zu bedienen. Fred Durst scheißt seinen Part spürbar hin, hat aber doch diese kleine Line dazwischen: "Came here to spin on my backwind / Still breakdancin' since back then" - und in diesem simplen Bild bekommt die Nostalgie eine Substanz, die bis dahin gefehlt hat. Fred Durst vermisst etwas, Alligatoah singt über das Konzept des Vermissens. Und das klingt wie Korinthenkackerei, ist aber – glaube ich – schon immer mein Grundproblem mit Alligatoah gewesen.

Man lernt einfach aus seiner Musik rein gar nichts über diesen Typen. Er spricht von seinen Helden, lässt aber völlig nebulös, warum sie seine Helden sind. Auf "Ich Fühle Dich" rappt er übers Verliebtsein, aber nicht in wen oder warum. In "Wer Lacht Jetzt" geht es um Selbsthass, aber nicht darum, wofür. "Partner In Crime" mit Tarek bespricht Menschenhass, aber sagt nicht, was sein Problem mit den Leuten ist. Es geht immer nur um das Wie, und das drückt sich dann in diesen immergleich cartoonhaften Punchlineses und Reimgirlanden aus, aus denen nichts hervorgeht.

Alligatoah ist immer die Person, die sein Witzebuch gerade braucht (ein Egoist, ein Hypochonder, jemand mit Paranoia). Er ist als Performer auf seinen Songs eine Funktion statt einer Person. Und da diese Pointen sich gleichzeitig abnutzen und auch wohl objektiv schlechter werden, bleibt so oft die Frage zurück, warum wir gerade überhaupt über Thema x sprechen. Es gibt sogar einen Song über Gott und Glauben am Anfang des Tapes, der irgendwann bedeutungsschwanger mit der Schüttelphrase "Du fragst mich, wer glaubst du, wer du bist / ich frag dich, wer bist du, dass du glaubst" endet. Aber der restliche Song ist nur eine sinnlos durchdeklinierte Wortspiel-Fingerübung, die diese Edge überhaupt nicht rechtfertigt. Das ist typisch Alligatoah: Wenn man nicht so genau darüber nachdenkt, wirkt es immerhin so, als würde er etwas sagen.

Auch die Songs helfen nicht, die bauen zwar immer brav und musikalisch gekonnt eine Hommage zusammen. Aber diese Hommagen synergieren oft null mit den Trackideen. Und daran, dass der Referenzpool extrem basic ist (Limp Bizkit, The Offspring, Guano Apes, No Doubt, ein Gitarrensolo vom Kreator-Gitarrist ist der wohl tiefschürfendste Moment) zeigt sich irgendwie: Das soll alles nicht mehr leisten, als das "Wow, ich kenne das!"-Areal im Hirn aufleuchten zu lassen. Ja, manches ist ganz catchy, weil er gute musikalische Ideen 1:1 übernimmt. Die Blastbeats auf "Wer Lacht Jetzt", die Energie auf "Scheissdreck", das Falsetto-Duett am Ende von "Partner In Crime". Trotzdem wird die Tatsache, dass Alligatoah über Gitarrenmusik kommt, oft selbst wie ein Witz behandelt. Guck mal, haha, er schreit, haha.

Aber warum? Er hat es doch offensichtlich drauf? Warum hat er es immer noch so nötig, sich hinter all der nutzlosen Ironie zu verstecken? Warum klingt das alles so unglaublich albern und affig? Und die einzige Antwort, die man darauf geben kann, ist, dass er offensichtlich einfach überhaupt nichts und noch weniger zu erzählen hat. Die Musik, auf die er sich bezieht, hat einen emotionalen Kern, "Off" hat keinen. Es fühlt sich an wie ein Parodie-Album, das selbst nicht weiß, was es eigentlich warum parodiert. Außerdem ist dieses Parodie-Album normie wie Sau und unglaublich belanglos – und weiß das auch. Aber Nostalgie macht eben blind. Und die Schnittmenge von Leuten, die für Rock im Park-Musik von 2005 nostalgisch sind, und Leuten, die für Alligatoah nostalgisch sind, ist groß.

Das Schlimmste: Hip Hop und Metal sind die zwei Outcast-Genres schlechthin. Alligatoah dagegen ist die Musik gewordene Bürgerlichkeit. Man könnte dieses Album am gnädigsten noch als eine "Boomer Pride"-Konzeptoper beschreiben. Aber es ist fraglich, ob so viel darüber nachgedacht wurde.

Alligatoah sonnt sich im Ruhm von Sachen, deren Bedeutung er nicht so recht zu verstehen scheint, an seinen Textblättern kleben Minion-Sticker, und seine immer so für klug und feinsinnig gefeierte Ironie kommt so stumpf und mit dem Holzhammer, dass der letzte Schimpanse sie verstehen würde. Denkt doch mal drüber nach, was er hier für Sachen sagt: "Wow, Musik von heute, die verstehe ich ja gar nicht!", "also so Leute in Anzügen, die sind mir manchmal wirklich zu glatt!", "ich finde, Leute heutzutage sind zu egoistisch".

Deswegen ist mir der Eindruck so vehement geblieben, wie normie das alles ist. Weil es auf die schlimmste Art und Weise normie ist: Okay, es ist technisch nicht ganz Pop, aber es nimmt die poppigsten Elemente von ein paar der größten Genres der Mainstream-Geschichte und sagt darauf Sachen, anschlussfähig für den hinterletzten NPC. Und trotzdem macht es das mit einer Attitüde, als würde hier gerade etwas Verwegenes, Kühnes und Alternatives passieren. Es ist Musik für "i'm not like other girls"-Leute*, die nicht merken, dass sie die other girls* sind. Immer schon gewesen.

* genderneutral gemeint.

Trackliste

  1. 1. Ich Fühle Dich
  2. 2. Niemand
  3. 3. Weisse Zähne (feat. Bausa)
  4. 4. Wer Lacht Jetzt
  5. 5. So Raus (feat. Fred Durst)
  6. 6. Scheissdreck
  7. 7. Menschliches Versagen (feat. Guano Apes)
  8. 8. Küssen
  9. 9. Es Kratzt
  10. 10. Ich Ich Ich
  11. 11. Partner In Crime (feat. Tarek K.I.Z)
  12. 12. Daylight

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28 Kommentare mit 62 Antworten

  • Vor 24 Tagen

    Ich will mir das nicht anhören.Das was ich bisher gehört habe, war so furchtbar(Daylight) und daneben - ich hätte meinen Wagen beinahe in den Gegenverkehr gelenkt! Die Fantas hatten mit Megavier alles richtig gemacht, aber schon Jan Delay zeigte auf daß nicht jeder das Zeug dazu hat zwischen den Genres hin und her zu Switchen. Metal muss man Leben und Fühlen, damit treibt man keine Späße. Sechs setzen.

    • Vor 24 Tagen

      "Metal muss man Leben und Fühlen, damit treibt man keine Späße."

      :lol: Metal an sich ist doch einfach nur ein Witz für Ü40 Hygieneverweigerer.

    • Vor 24 Tagen

      Megavier war auf jeden Fall richtig gut. Sehr geil produziert auch, richtig auf den Punkt. Fantas waren nie meins, das Album/Projekt war stark.

    • Vor 24 Tagen

      Megavier war für die damalige Zeit wirklich geil.

    • Vor 23 Tagen

      und derWeiseHai muss seine pseudo-intellektuellen Ergüsse - mangels realer Gesprächspartner - bei Laut ejakulieren - @Evilsepp: this

    • Vor 21 Tagen

      Ach krass, Megavier kannte ich bis jetzt gar nicht. Und dabei dachte ich, ich würde so ziemlich alles von den Fantas kennen. Klingt echt ziemlich gut, gemessen am Alter.
      Da merkt man aber wieder, dass es selten klappt, wenn Rapper sich sagen: ich mache jetzt mal als Projekt ne Metalband.
      Das hat schon bei Banjo nicht geklappt, obwohl der damals so ziemlich seinen Peak hatte und auch ziemlich Metal-affin ist. Der hätte wahrscheinlich besser ne Collabo mit ner bestehenden, etablierten Band gemacht. So wie die Fantas. „Chaos“ von Such a Surge mit Ferris und den Spezializtz hat ja z.B. auch gut funktioniert.

  • Vor 24 Tagen

    "Alligatoah ist immer die Person, die sein Witzebuch gerade braucht (ein Egoist, ein Hypochonder, jemand mit Paranoia). Er ist als Performer auf seinen Songs eine Funktion statt einer Person."
    Damit ist alles gesagt. Das ist das Konzept hinter der Kunstfigur. Kann man mögen, kann man scheiße finden, aber das ist perfekt rausgearbeitet. Am Ende liegt der Schlüssel wohl darin, das alles nicht so ernst zu nehmen.

  • Vor 24 Tagen

    0/5...Endlich wird seine Scheissmusik auch flächendeckend als Solche erkannt und benannt.

  • Vor 13 Tagen

    So klingt das wohl, wenn jemand, der irgendwann vor 20 Jahren mal für'n halbes Jahr Rock und Metal gehört hat, weil er gerade von seiner Freundin sitzen gelassen wurde, 20 Jahre später in seinem künstlerischen Schaffen, wenn man es denn überhaupt so wohlwollend bezeichnen möchte, einen auf Rock und Metal macht, weil er sich ein paar Tage vor dem Studiobesuch hierfür ganz nostalgisch an seine "schwierige Zeit damals" erinnert hat. Ganz schlimm, dieses Erzeugnis. Ich will dem Lukas gar nicht absprechen, dass er da ganz dolle Herzaua hatte, aber als erwachsener Mann, der er heute ist, hätte ihm bewusst sein müssen, dass die Rohstoffverschwendung für einen Tonträger wie diesen um ein vielfaches schwerer als eine Trennung im Jugendalter wiegt.

  • Vor 13 Tagen

    Dieser Kommentar wurde wegen eines Verstoßes gegen die Hausordnung durch einen laut.de-Moderator entfernt.

  • Vor 13 Tagen

    Die Kunstfigur Alligatoah is a wack ass dude. Ka was das einem geben soll. Anyway, Leben und leben lassen.