laut.de-Kritik

Wo ist die Brillanz des Vorgängers hin?

Review von

Nach dem grandiosen Kingdom Of Welcome Addiction durfte man gespannt sein, was Chris Corner für einen Leckerbissen als Nachfolgewerk kredenzt. Nun ist "Volatile Times" endlich da - und watet nur teilweise in den großen Fußstapfen des I AM X-Überalbums.

Hatte man vor zwei Jahren keinerlei Schwierigkeiten, sich dem Sog der Lieder bereits binnen weniger Minuten zu ergeben, so dauert es bei der dritten Soloplatte des ehemaligen Sneaker Pimps-Masterminds schon mehrere Durchläufe, bis die Tracks in der Hirnrinde ankommen.

Nun ist Gewöhnungsbedürftigkeit grundsätzlich eher ein Plus denn Makel. Hier jedoch wird man den unerwünschten, aber wenig überraschenden Eindruck nicht los, dass Corner eben auch keine geniale Platte nach der anderen schreiben kann: Alles bewährt, alles sehr typisch zwischen Goth-Glam und chansoneskem Gefühlsstrip pendelnd. Kein Ausfall, alles gut. Doch mitunter ohne die Brillanz der ehedem so betörenden Markenzeichen.

Eine stilistisch konkurrenzlose Stärke des Vorgängers war etwa das herrliche Zusammenspiel zwischen Piano/Synthie-Klängen und variabler Percussion. Heute verzichten diese 'Oberflächlichen Zeiten' weitgehend darauf. Warum nur?

Das Intro "I Salute You Christopher" misslingt trotz interessanter Lyrics als Opener ob der dreiminütig langatmigen Ansprache des Engländers. Eine solche Fehlkalkulation vom ausgewiesenen Meister des pathetischen Spannungsbogens irritiert. Auch der manchmal etwas unorganische Einsatz unterkühlter Elektroschnipsel bildet einen eher ungeschickten Widerpart zu den ansonsten warm fließenden Melodiebögen ("Into Asylum").

Dennoch bietet die Platte eine gute handvoll Tracks, die man getrost als typische I AM X-Aushängeschilder sehen darf. "Music People" liefert lässiges Bowie anno Ziggy Stardust-Feeling. Lakonisch und ohne jegliche Häme bringt Corner den inneren Widerspruch eines fiktiven Künstlers auf den Punkt, der sich und sein Können plus Seele als Chart stürmende Wegwerfmucke verkauft: "All the Glitter, all the luxury / But you belong to the industry, baby / But I challenge you to think / Cause you belong to the enemy!".

Man kann dem manchmal ein wenig entrückt wirkenden Engländer für den selten gehörten Klartext gar nicht genug danken. Die galoppierende Steigerung der leicht an Depeche Mode erinnernden Schlagwerke verwandelt den Song am Ende gar in eine fabrikartige Geräuschkulisse ohne Gesicht. Sehr intensiv.

Beim Titelsong sorgt neben den bemerkenswerten Lyrics vor allem die Vermischung der hypnotischen Elektronika mit den Kajal triefenden Melodiebögen für ein Ohrenfest. Der Hörer fällt in Trance, "even when the drugs are gone". Ohnehin kommt die LP weniger uptempo daher als zuletzt. Klagend und lamentierend, doch nie würdelos oder verkitscht. Diesen Spagat beherrscht Cormer auch auf für seine Verhältnisse durchschnittlichem Niveau umfassender als so manch enger Genrecousin - von Suede bis Placebo.

Einsamer Höhepunkt der Platte bleibt das sympathische "Bernadette" - ähnlich intensiv gelungen wie der Szenehit "My Secret Friend". Hier strömt opulenter – fast schon dekadent anmutender – Vaudeville in eine Art kaputt romantische Marschmusik, die bei aller Schrägheit bemerkenswerte Harmonie bei Anbetung der holden Weiblichkeit transportiert.

Gleichwohl erhoffe und beschwöre ich die stilistische Rückkehr und Ausgegorenheit vergangener Tage. Neueinsteiger sollten lieber mit besagtem Überalbum starten.

Trackliste

  1. 1. I salute you Christopher
  2. 2. Music People
  3. 3. Volatile Times
  4. 4. Fire And Whispers
  5. 5. Dance With Me
  6. 6. Bernadette
  7. 7. Ghosts Of Utopia
  8. 8. Commanded By Voices
  9. 9. Into Asylum
  10. 10. Cold Red Light
  11. 11. Oh Beautiful Town

Videos

Video Video wird geladen ...

Weiterlesen

LAUT.DE-PORTRÄT I Am X

Beim ehemaligen Astrophysikstudenten Chris Corner treffen Naturwissenschaft und technische Versiertheit auf Kajalstift und überbordender Emotion. Der …

8 Kommentare

  • Vor 13 Jahren

    Bin auch ziemlich enttäuscht, wie es scheint sind ihm die Melodien abhanden gekommen. Die Single "Ghosts of Utopia" hatte ich noch als nett angesehen, leider ist sie das Lied, dass dem was mir an IAMX gefällt am nächsten. Vielleicht hätte er sich lieber etwas mehr Zeit lassen sollen, aber möglicherweise wollte nach seiner Soundtrack-Appearance auf "Wir sind die Nacht" schnell was neues nachlegen. Übrigens: Er schreibt sich meines Wissens IAMX und nicht I AM X. Schade, die zwei Vorgänger waren extrem genial!

  • Vor 13 Jahren

    sag mal, was schreibt ihr da?
    es gab bereits 3 alben von IAMX vor Volatile Times. wie kann man das nicht wissen?
    (Und letztgenanntes album ist natürlich nicht von 2008, sondern von 2011.)

    außerdem, dass der song "my secret friend" der beste iamx-track ist, das kann auch nur ein nicht-fan behaupten, denn der track klingt mehr nach imogen heap. nicht schlecht, aber eben nicht typisch iamx.

    dass das neue album nicht das beste ist, darüber ist man sich einig. der falsett-gesang kommt zu kurz, die aufreizende elektronik fehlt, die beats sind nicht mehr so raffiniert, in den texten wird mehr geraunzt als (wie früher) zur party-revolution gegen die apokalypse aufgerufen. das beste album bleibt damit "the alternative".

  • Vor 13 Jahren

    du siehst echt alternative vor dem kingdom-album?

  • Vor 13 Jahren

    Als ein weiterer langjähriger IAMX-Fan muss ich sagen, dass ich "Kingdom of a welcome addiction" bei weiterm nicht als Höhepunkt Chris Corners IAMX-Laufbahn sehe.
    Mir imponiert das neueste Album, trotz weniger komplizierterer Zusammenstellung der einzelnen Songs und meinetwegen auch einem weniger schnell zu fassenden Wiedererkennungswert, sogar etwas mehr als sein Vorgänger.
    Es ist sicherlich nicht alles neu und nie gehört, aber gerade die Ungeschliffenheit einiger Songs finde ich besonders interessant und Sie mischt sich ganz gelungen mit der teilweise (wie in jedem IAMX-Album) auftretenden kontrollierten Komposition der einzelnen Stücke, die in ihrer Perfektion vor allem den Vorgänger charakterisierte.

    Alles in allem also weniger theatralisch und durchkomponiert als der Vorgänger, aber auf seine eigene Art und Weise meiner Meinung nach dennoch sehr reizvoll, auch aufgrund so manches Liedtextes...und für alle die's nicht mögen: Das nächste Album kommt bestimmt :D