laut.de-Kritik

The same old fears.

Review von

Was ist das eigentlich für ein bittersüßes Ziehen, das diese vier Noten im Herzen auslösen?

"We found a mood", so erinnert sich Pink Floyd-Gitarrist David Gilmour an den Auftakt der "Shine On You Crazy Diamond"-Suite zurück. Und diese "Mood" der kurz vor der Vierminutenmarke einsetzenden Gitarrenmelodie ist es, die Bassist Roger Waters 1974 zu abstrakten, aber wunderbar interpretierbaren Versen inspiriert. Denn im Mittelpunkt der Diamond-Lyrik steht Syd Barrett – der Gründervater Pink Floyds, der dem Bandgefüge 1968 auf einer LSD-Wolke entschwebte.

Ein großer Fan Barretts und der floydschen Psych-Rock-Phase im Allgemeinen ist der NME-Musikkritiker Nick Kent. Entsprechend subjektiv gefärbt ist auch seine Rezension der Floyd-Tournee im November 1974 – aus jenem verlorenen Jahr zwischen "The Dark Side Of The Moon" und "Wish You Were Here".

Diese für sich genommen interessanten Selbstfindungskonzerte spielen David Gilmour, Roger Waters, Richard Wright und Nick Mason damals als eine von großen Locations, entlassenem Personal, unbedienbaren Mischpulten und omnipräsenten Ausstiegs- und Auflösungsgedanken geplagte Band. Die plötzliche Big-Player-Rolle lastet schwer auf der Gruppe – womit sie einem Old-Schooler wie Kent ins offene Messer laufen. Der frühstückt die zum Auftakt der Konzerte präsentierte "Shine On You Crazy Diamond"-Frühversion mit dem Verweis auf langweilige Akkorde, mangelnde Form und überhaupt wenig melodische Kreativität ab. Am stärksten kritisiert er jedoch die offenkundige Widmung: "The song is for and about Syd Barrett. He could have deserved better."

Was bei Fans nur für müdes Kopfschütteln sorgt, nimmt sich die ausgelaugte Gruppe damals tatsächlich zu Herzen: "Wahrscheinlich haben seine Kommentare sogar dazu beigetragen, dass wir uns wieder zusammenrauften", schreibt Nick Mason in seiner Autobiografie.

Das war wohl auch nötig. Denn im Anschluss an den Welterfolg von "The Dark Side Of The Moon" widmen sich Pink Floyd wahlweise Produzententätigkeiten (zum Beispiel für Kate Bush und Robert Wyatt), der Gründung eigener Familien oder ganz einfach dem Ausgeben ihrer üppigen Tantiemen – eben allem, was nichts mit schnödem Bandalltag zu tun hat. Aufgezehrt war 1974 aber nicht nur der Enthusiasmus der einzelnen Bandmitglieder, sondern auch der Ideenfundus der Gruppe.

Völlig ohne musikalische Fragmente (oder Vertragsverpflichtungen) im Rücken widmete sich das Quartett zunächst einfachen Haushaltsarbeiten: Holz sägen, hämmern, mit Spraydosen und Glühbirnen hantieren. Doch selbst das Umfunktionieren von Gummibändern zum Erzeugen von Basstönen brachte nicht den erhofften Durchbruch. Die Band brach ihre Beschäftigungstherapie, die eigentlich in einem neuen Studiowerk mit dem Arbeitstitel "Household Objects" hätte münden sollen, ab – und schrieb stattdessen "Shine On You Crazy Diamond".

Und tatsächlich: Obwohl das Album noch mit dem sonoren Säuseln gestreichelter Haushaltsweingläser beginnt, finden sich auf "Wish You Were Here" keine Spuren des Krampfes und der fruchtlosen Experimente der vergangenen Monate. Stattdessen profitiert "Shine On" in seiner vertieften, in zwei Hälften geteilten Version von den besten Zutaten beider Floyd-Sphären: Das kompositorisch-prägnante Geschick von "Dark Side" prallt auf die Spannungsbögen früherer Longtracks wie "Echoes", "Atom Heart Mother" oder "A Saucerful Of Secrets".

Schon die ersten Klänge wimmernder Synthesizer und klagender Gitarrenbendings wecken vernebelte Erinnerungen an Realitäten, die es so nie gab. Gilmours heilige vier Töne – mikrofoniert aus großer Entfernung im eigentlich für klassische Musik reservierten Abbey-Road-Kellerstudio – tun ihr Übriges, die Visionen von weltraumartiger Tiefe und Leere zu entfalten. Mit größtenteils gewöhnlichem Rock-Instrumentarium gelingt Gilmour, Waters, Wright und Mason hier eine unsagbar dichte instrumentale Aura, eher genährt von der Abwesenheit denn von der Präsenz einzelner Noten. Spätestens, wenn der Gesang einsetzt, wird diese Abwesenheit zum Leitmotiv der Stunde: "Remember when you were young, you shone like the sun" – selten schmerzte die Vergangenheitsform mehr.

Doch die hier aufs fehlende Gründungsmitglied projizierte Leere, derer sich Pink Floyd im Angesicht jüngster Erfolge bewusst werden, lässt sich ja auch künstlich füllen: Mit Ruhm, Aufmerksamkeit und der Anhäufung von Statussymbolen ("He always ate in the steak bar / He loved to drive in his Jaguar" / "We're so happy we can hardly count") – allesamt Schattenseiten gesellschaftlicher Konvention im weiteren und der Musikindustrie im engeren Sinne. Zu beiden äußert Waters im Mittelteil des Albums deutliche Meinungen.

Während sich "Welcome To The Machine" mit seinen Kraftwerk-würdigen Synthesizer-meets-12-Saiter-Gitarren-Experimenten deterministischen 1984-Dystopien hingibt ("What did you dream? / It's alright, we told you what to dream"), fährt "Have A Cigar" einen in jeder Hinsicht aggressiveren Kurs. Mit einer für Pink Floyd nahezu verbotenen Rifflastigkeit überfordert die schockierende straighte Rocknummer Gilmour und Waters bereits im Studio. Zum Glück scheut die Band keine externe Unterstützung am Mikro – schließlich durfte Jahre später sogar Stephen Hawking ran.

1975 bitten sie jedoch ganz einfach den im benachbarten Studio musizierenden Folk-Rock-Sänger Roy Harper hinzu. Und der intoniert den großkotzigen Musik-Business-Talk genau mit dem richtigen Quäntchen Süffisanz. ("The band is just fantastic, that is really what I think / Oh, by the way, which one's Pink?") Mit diesem einer realen Nachfrage entlehnten Bonmot betont Waters die heuchlerische Atmosphäre finsterer Plattenboss-Welten, in denen sich Pink Floyd nie zu Hause fühlten – die fernen Partysprech-Klänge zwischen "Welcome To The Machine" und "Have A Cigar" untermauern die Befremdung.

Über Hörspielfetzen und Tschaikowskis Vierte gehts dann in den vielleicht am häufigsten missverstandenen Liebessong aller Zeiten. Denn trotz des programmatischen Songtitels lässt "Wish You Were Here" Raum für endlose Interpretationen – dank der wohl besten Zeilen, die jemals aus Waters' Feder flossen. Einfache, sich scheinbar beißende Vergleiche wie "blue skies" und "pain" oder "hot ashes" und "trees" stehen Pate für die Suche nach einem ungetrübten, freien Blick aufs eigene Leben, auf ein Ich-Bewusstsein, das sich nicht den "same old fears" hingibt.

Doch spätestens, wenn sich im B-Part Gilmours von Scat-Vocals begleitete Akustiksoli anschmiegen, wird klar, dass sich im Grunde jegliche Exegese dieser tieftraurigen und doch lebensbejahenden Zeilen verbietet. Zu fragil ist die Brillanz von Zeilen wie "We're just two lost souls swimming in a fish bowl year after year". Ihre simple Schönheit überwältigt bis heute.

Und doch gelingt es Pink Floyd in der zweiten und abschließenden "Shine On You Crazy Diamond"-Hälfte die beklemmende Intensität noch einmal zu erhöhen. Ohnehin klingt keiner der neun musikalischen Teile wie der andere, jeder glänzt durch eine eigene Form von kalkuliertem Minimalismus.

Die finalen Minuten jedoch sind die des großen Rick Wright. Zu oft im Schatten seiner Bandkollegen stehend liefert der Mann an den Tasten hier eine der traurigsten Akkordfolgen in der Geschichte Pink Floyds ab. Mit seiner unvergleichlich gefühligen Ader gießt Wright sanfte Minimoog-Melodien über einen mollig-warmen Klangteppich aus Synthesizern, Hammond-Orgel und Steinway-Klavier.

Und wenn dann nach drei Minuten tropfender Elegie Moll in Dur übergeht und Wright seinem alten Bandkollegen mit einem Melodiefetzen des Barrett-Songs "See Emily Play" huldigt, spätestens dann klingt "Wish You Were Here" wieder wie ein Schwanengesang auf den Mann, von dem sich Pink Floyd zumindest im popkulturellen Sinne nie ganz befreien konnten.

Auch wenn es Syd Barrett selbst war, der mit seiner legendenbehafteten Stippvisite in den Abbey-Road-Studios am 5. Juni 1975 das Konzept der Abwesenheit kolportierte: Auf "Wish You Were Here" verbinden sich Vergangenheitsbewältigung und Entfremdung in ihrer Allgegenwärtigkeit zu etwas Sakralem, das weit über jeden Psych-Personenkult hinausgeht.

Für David Gilmour, Roger Waters, Richard Wright und Nick Mason war die Präsenz Syd Barretts während der Aufnahmesessions so greifbar, als stünde er stets daneben. Dabei waren sie es selbst, die als Band und Individuen durch und durch neben sich standen. Den musikalischen Einfluss Barretts auf "Wish You Were Here" sollte man drum auch keinesfalls überinterpretieren. Es ist vielmehr die Melancholie zwischen den Zeilen, die aufzeigt, was Syd für seine Kollegen wirklich war: Ein Symbol für "the crossfire of childhood and stardom", ein Symbol für die verlorene Unschuld plötzlich wohlhabender, routinierter Musiker.

Barrett als popkulturelle Figur spiegelt die Abwesenheit der vier ehemaligen Träumer von sich selbst. Dass aus diesem Dickicht aus Blues und Ambient und trauriger Metaphorik und brennenden Handschlägen tatsächlich ein Meisterwerk der Musikgeschichte entstehen konnte – das hätte man höchstens in den kindlich-naiven Traumwelten eines Mannes für möglich gehalten, der nicht länger zwischen musikalischem und substanziellem Rausch zu unterscheiden vermochte.

Ob Syd Barrett "Wish You Were Here" jemals in Gänze gehört hat – wir wissen es nicht. Aber mal ehrlich: He couldn't have deserved better.

In der Rubrik "Meilensteine" stellen wir Albumklassiker vor, die die Musikgeschichte oder zumindest unser Leben nachhaltig verändert haben. Unabhängig von Genre-Zuordnungen soll es sich um Platten handeln, die jeder Musikfan gehört haben muss.

Trackliste

  1. 1. Shine On You Crazy Diamond (Parts I–V)
  2. 2. Welcome To The Machine
  3. 3. Have A Cigar
  4. 4. Wish You Were Here
  5. 5. Shine On You Crazy Diamond (Parts VI–IX)

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7 Kommentare mit 12 Antworten

  • Vor 4 Monaten

    Sehr schöne Rezension zu einem -man möchte fast sagen- Meilenstein unter den Meilensteinen.

  • Vor 4 Monaten

    Wahrscheinlich die einzige wirklich gute Platte von denen!

    • Vor 4 Monaten

      Jein, aber um ihnen mehr als diese eine zugestehen zu können fehlt's dir vielleicht auch einfach an der Art unärer Repräsentation einer Rezitation von "Dark Side of the Moon" in deinem Gedächtnis, wie mensch sie für gewöhnlich max. 1 mal pro Lebenszeit vom Universum zugestanden und aufgeführt bekommt. ;)

    • Vor 4 Monaten

      Ragism trollt mal wieder. Er muss immer gegen die Großen anschreiben, bevor er sich dann den krassen, überlegenen Noisepunkaggrojazz in Gelsenkirchener Hinterhofkellern gibt.

    • Vor 4 Monaten

      Die DSOTM ist ganz brauchbar, stimmt. Und PF mag ich vor allem deswegen nicht, weil sie meistens zwischen prätenziös avantgardistisch und banal sentimental unterwegs waren. Nicht weil sie so groß oder mainstream waren. Richtige Energie gabs mMn. nur aufm Debüt und hier.

    • Vor 4 Monaten

      Das ist, mit Verlaub, Quatsch.

    • Vor 4 Monaten

      Finde das gar nicht soo daneben beschrieben dieses mal vom ragi - Zwischen diesen Polen oszillieren und alles dazwischen nicht gleichzeitig mit total egalem Vakuum zu füllen... Haben sie bis auf den überhaupt nicht endless river zu vermeiden gewusst. Wahrscheinlich auch viel deshalb, weil sie es konnten und so viele andere aus deren Zeit eben nicht. Und ich sie wirklich genau deswegen auch heute noch so hart feiern kann. Und ragi eben nicht. :)

    • Vor 4 Monaten

      Ich beziehe mich eher auf die ursprüngliche Aussage, dass es die "wahrscheinlich einzig wirklich gute Platte" sein soll. Aus meiner Sicht sind Meddle, DSOTM, WYWH und The Wall über jeden Zweifel erhaben. Und sehr viele Bands würden sich freuen, hätten sie im jeweiligen Erscheinungsjahr der folgend genannten Alben jemals die Qualität erreicht, wie sie A Momentary Lapse of Reason sowie The Division Bell noch vorgelegt haben. Und das schreibe ich noch nicht einmal als übergroßer Fanboy, sondern als vergleichsweise neutraler Fan ;-)

    • Vor 4 Monaten

      Ragism...das ist nicht mal PinkFloyds beste Platte. Ihre Beste Platte ist "Animals"

    • Vor 4 Monaten

      Das ist empirisch, objektiv und wissenschaftlich unzweifelhaft überprüfbar falsch.

  • Vor 4 Monaten

    Neben „Dark Side of The Moon“ das wohl beste Floyd-Album („Animals“, „The Wall“ und der Output mit Syd Barrett kommen für mich knapp dahinter). „Shine On…“ ist vllt ihr größter Moment, eine ausgedehnte, melancholische Suite über ihren ehemaligen Bandleader und Freund, der zu dem Zeitpunkt schon längst nicht mehr in der Lage war, Musik zu machen. Barretts Besuch im Studio scheint für Gilmour, Waters und Co. traumatisch gewesen zu sein, da er sich äußerlich stark verändert hatte und seine psychischen Probleme deutlich spürbar waren. „Wish You Were Here“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, die übrigen Songs üben teils harsche Kritik am Musikbusiness. Auf den späteren Alben mit Waters und dessen Solo-Output sollte sich diese Tendenz zu einer überaus pessimistischen, misanthropen Weltsicht verstärken, die bisweilen etwas anstrengend ist.