laut.de-Kritik

Teen-Angst-Pop ohne Düster-Sound.

Review von

"Fleisch" wird die HörerInnen vermutlich so spalten wie die vegane Grillwurst: Können denn derartig derbe und düstere Texte mit eher süßer schlageresquen Stimme und seichtem Sound daherkommen? Ja, verdammt!

Mia Morgans erste Songs überraschten bereits mit dem als Gruft-Teenpop titulierten Indie-Hit "Waveboy", in dem sie zu zuckersüßem Synthpop singt: "Denn alle meine Freunde hören nur noch Trap / Ich hab keinen Bock auf schlechten Deutschrap / Ich steh auf Nekromantik wie damals Bela B / Mein Baby kapiert es, mein Baby versteht's / Ich komm nicht auf deinen Rave, boy / Ich laufe kopflos durch die Nacht mit meinem Waveboy". Auf dem Debüt gibt es nun weniger Wave, mehr Pop, doch die Themen stechen weiterhin messerscharf melancholisch in das Fleisch des Teen-Angst-Universums.

Im punkig-poppigen "Teenager" besingt sie die eigene Uncoolness im uncoolen Kassel. Das kühle Elektropop-Stück "Segen" befasst sich mit dem Selbst- und Fremdbild als Frau, und der knarzende Synthpop-Titeltrack "Fleisch" rechnet mit unserer Insta-Gesellschaft zwischen Eitelkeit und Toxik ab.

Mia Morgan selbst inszeniert sich derweilen selbst als Unschuld vom Lande, auf dem Cover schmiegt sich eine Kuh an die blumenbekränzte Künstlerin. Neben dieser naiv wirkenden Ästhetik haut sie auf den Sozialen Medien laute politische Botschaften zwischen Emojis und selbstgebastelten Memes heraus. Daneben spricht sie offen über ihre Depressionen und ihre Kunst und nennt sich nun selbstbewusst-ironisch "Kassels größter Stolz".

"Fleisch" ist ein charmant cooles Coming-Of-Age-Album, feministisch und freiheitsliebend zugleich. Produziert wurde es von Max Rieger, der bekannt ist als verlässliche Größe für eingängige Kantigkeit und bereits mit Künstler*innen wie Drangsal, Ilgen-Nur oder Jungstötter arbeitete.

Zuweilen ist das Ganze musikalisch ein wenig zu eingängig und zu wenig kantig. Doch die Frische und Frechheit in den Lyrics lässt die Gefahr der Mainstream-Radiohaftigkeit verblassen. Mia Morgan ist definitiv ein Unikat im deutschsprachigen weichgespülten (Indie-)pop.

Trackliste

  1. 1. Jennifer Check
  2. 2. Haustier Im Hotel
  3. 3. Teenager
  4. 4. Segen
  5. 5. Fleisch
  6. 6. Vage Ahnung
  7. 7. Schönere Frauen
  8. 8. In Wien
  9. 9. Blond
  10. 10. Widerlich
  11. 11. Reaktion
  12. 12. Von Aussen

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LAUT.DE-PORTRÄT Mia Morgan

"Ich komm nicht auf deinen Rave, boy / Ich laufe kopflos durch die Nacht mit meinem Waveboy / Und einem Weißwein in der Hand / Und er ist schön, so …

4 Kommentare

  • Vor einem Monat

    Nicht mein Fahrwasser aber die hat was sehr erfrischendes.
    Deutschsprachige Popmusik nicht peinlich werden zu lassen ist eine hohe Kunst.
    Besser als man es eigentlich zugeben möchte, da hau ich doch tatsächlich die Höchstwertung raus und hoffe für sie auf viele kleine Teeniemädchen (wohl ganz klar ihre Zielgruppe) die das hier statt asiatische Hampelmänner hören.

  • Vor einem Monat

    Endlich wieder ein cooles Deutschpop-Album ohne langweilige Gefühlsduselei. Die Gruftpop-EP fand ich zwar noch einen Ticken stärker, aber das Debüt-Album hat auch viele Highlights; allen voran der Titeltrack sowie der Opener.

  • Vor einem Monat

    Drangsal aber weiblich. Ich finds gut, aber die EP war viel besser. Es fehlt halt ein Überhit wie Waveboy oder Es geht dir gut. Die zwei Songs hätte man noch locker aufs Album packen können. Sachen wie Teenager oder Schönere Frauen sind auch ganz gut, es sind mir aber leider zu viele Füller drauf. Von mir gibts solide 3 Punkte.

  • Vor einem Monat

    Respekt an alle die sich durch den ersten Track gequält haben ohne dieses Album beim streamer zu sperren.